Ich verstehe Krebs nicht…

Letzten Freitag beim Onkologen: Alles sieht gut aus, bis auf den Tumor, der wächst. Langsam, langsam, aber stetig. Keine neuen Metastasen, Lymphknoten stabil, der bereits bestrahlte Tumor zeigt keine Veränderung im Gewebe, ok. Der Onko möchte dem wachsenden Tumor eine Bestrahlung verpassen. Frage ich ihn also: „Wenn wir jetzt auch noch den anderen Tumor bestrahlen, woran erkenne ich denn dann, ob meine Medikamente noch wirken?“ Onko schaut mich verständnislos an. „Na, ja“, sag ich, „wir beide sitzen doch hier alle drei Monate, gucken ob der der Tumor größer oder kleiner oder gleich geblieben ist, und dann entscheiden wir, ob wir eine andere Therapie brauchen, oder ob´s noch läuft. – Ja, stimmt“, sagt der Onko. Ich: „Wenn wir den Tumor also platt machen, woran erkennen wir denn dann, ob die Therapie noch wirkt?“ -Tja“, sagt der Onko und wiegt den Kopf bedächtig hin und her. Der Onko hats immer leicht mit mir, weil ich nicht geduldig genug bin, seine Antworten abzuwarten, gebe ich mir die Antworten immer schon selbst: „Vielleicht wenn neue Metastasen auftreten?“ -Ja. Zum Beispiel.“ – Na, ja, aber bisher konnten wir ja auch schon mal neue Metastasen vermeiden, weil wir dem Tumor angesehen haben, dass die Medikation nicht mehr wirkt. – Tja, ja.“ Ist nicht so einfach, dem Arzt brauchbare Informationen aus dem Ärmel zu schütteln. Dann möchte er doch noch etwas zu Erhellung beitragen: „Die Metastasen kommen ja nicht immer nur vom Primärtumor, auch aus anderen Metastasen können Metastasen gestreut werden.“ – Na ok, wie ist das, frage ich, “ wenn der Primärtumor wieder aktiv ist, kommen vielleicht neue Hirnmetastasen, oder sind vielleicht dort schon schon winzig kleine Krebszellen vorhanden und werden nur von dem Medikament unterdrückt? – Ja, ist beides möglich“.  Aha.

fragezeichen

Ist des Rätsels Lösung vielleicht, dass es für Krebs keine Regeln und keine Logik und keinen Plan gibt? Guckt man immer nur was gerade passiert und dann reagiert man eben? Mit gesundem Menschenverstand ist der Sache jedenfalls offenbar nicht beizukommen.

 

Ich weiß es nicht und ich habe nach wie vor keine besonders große Lust Medizin zu studieren. Ich habe kurz vor Weihnachten einen Termin in der Uniklinik Köln bei den Spezialisten für meinen speziellen Lungenkrebs und die können vielleicht etwas mehr Licht ins Dunkle bringen. Bestrahlung habe ich jedenfalls erst mal auf Januar verschoben. Das Medikament wirkt ja scheinbar bei den Metastasen noch und, ganz ehrlich, juckt mich das ob der Tumor 2 cm größer wird? Kein bisschen, pfft. Das Ding ist nicht sehr groß und funktional ist das völlig Wurst, ob er 5 oder 15 cm groß ist. Offenbar merken ja Leute, die mit einer Apfelsine in der Lunge rumlaufen, nicht mal was.

So, noch etwas anderes:

Es gab ein erstes Treffen beim ambulanten Hospizverein mit anderen Palliativpatienten und das war richtig gut.

Bei einem Patienteninfokrebstag Ende September war ich bei einem Vortrag zur Palliativmedizin und habe dort mal nach Selbsthilfegruppen gefragt. Das würde er für keine gute Idee halten, meinte der Arzt. Ich aber schon, erwiderte ich, ich würde mich gerne mit anderen treffen, aber nicht um mir anzuhören, dass sie sich darauf freuen, bald gesund zu sein.  Ja, das könnte er  verstehn. Was ich denn hätte? Metastasierenden nicht-kleinzelligen Lungenkrebs ( den hatte er lustigerweise (?) als einzige Krankheit vorher in seinem Vortrag genannt, als Beispiel für absolut unaufhaltsame, schnell tödliche Krankheit 😉 ). Ja, dann würde er mir vorschlagen, eine Selbsthilfegruppe für Glioblastompatienten zu besuchen 🙂 Alles klar. Ich habe ihm dann nicht gesagt, dass ich schon 3,5 Jahre damit lebe. Das frustriert die Glioblastomis dann auch…

Eine der anderen Palliativpatienten beim Treffen im Hospitzverein war eine Psychoonkologin, also selbst erkrankt,( tja, was hilfts) die dazu meinte, die Leute auf der Palliativstation, die sich in ihrer wirklich letzten Lebensphasen befänden, möchten tatsächlich oft keinen Kontakt mehr zu irgendwem. Aber der Palliativarzt sollte vielleicht doch im Blick haben, dass Dank der vielen Therapieoptionen auch viele unheilbare Krebspatienten noch einige Jahre leben und sich noch nicht zum Sterben in die Ecke geschmissen haben. Und das das ein ganz anderes Leben ist, mit dem man zurechtkommen muss, aus jeder erdenklichen Perspektive betrachtet.

Und der Austausch ist, denke ich, ein anderer. Jetzt habe ich nicht so viel Erfahrung mit anderen Krebspatienten. Ich habe nie eine Chemo per Infusion in der Klinik bekommen und saß stundenlang mit anderen Patienten zusammen. Ich hatte lediglich einen Yogakurs für Krebspatienten mitgemacht und war auch die einzige Palliativpatientin. Ich hatte dort den Eindruck, dass sich die anderen oft beschweren, über die Nebenwirkungen, über die Behandlung, über die Ärzte, fast, als wären sie beleidigt worden, von was auch immer. Als hätte man ihnen Unrecht angetan. Irgendwie eine seltsame Atmosphäre. Und all das habe ich bei meinen Kontakten mit den Palliativpatienten nie bemerkt. Da war immer mehr Akzeptanz, mehr Ruhe auch, mehr bei sich sein.

Aber das können alles auch Vorurteile sein, wer weiß. Ich jedenfalls freue mich auf Donnerstag, wenn ich wieder beim ambulanten Hospizdienst bin. Und ich möchte alle Palliativpatienten ermutigen, sich frühzeitig bei so einem Dienst vorzustellen und nicht erst, wenn man konkret darüber nachdenkt, wo man sterben möchte. Die sind für dich da, egal ob du dich mal ausheulen musst, Probleme mit den Ärzten oder Krankenkassen oder, oder, oder. Und zumindest bei mir arbeiten die fröhlichsten Menschen ever. Wenn ich da raus komme, ist meine Welt immer in Ordnung.

 

Weiter, immer weiter, geradeaus

geht es, auch nach schwereren Einschlägen. Meine Entscheidung nach dem Geburtstag meines Vaters einen Schlußstrich zu ziehen, war eine Gute. Ich habe schon ein paar Tage später gemerkt, dass ich wieder Lust habe etwas zu machen, etwas Neues anzufangen, aktiv zu werden. Diesen Mist von meinen Schultern zu schütteln, der mich so runterzieht.

Im September habe ich eine Weiterbildung zur Musikpädagogin angefangen, eine kleine, nicht die ganz große, da gibt es nämlich erhebliche Unterschiede. Und ich will ja keine Amtsanmaßung betreiben. Die kleine reicht für mir, sie geht über ein Jahr in vier Blöcken und wie immer war es total nett, sich in so einem Kontext aufzuhalten. Ich durfte schon ein paar Mal die Erfahrung machen, wie es ist, wenn sich eine Gruppe fremder Menschen zusammentut, um gemeinsam etwas Neues zu lernen. Mir macht das Spaß. Das Neue, die Anderen, das gemeinsame Erleben, das Kennenlernen, die Herausforderung. Wir haben uns massiert, gesungen, unseren Körper als Instrument eingesetzt, gespielt. Und abends gequatscht, Wein getrunken und getanzt. Es ist witzig, was für spezielle Individuen durch unsere Welt laufen. Ich finde das super!

Das hört sich jetzt wahrscheinlich alles ein bisschen nach Biolatschen an und ist eigentlich auch nicht so meine Welt. Ich bin gerade körperlich ein etwas distanzierterer Mensch, Massagen und zu viel Nähe mit fremden Menschen ist nicht so meins. Aber ich bin ja nicht erst seit gestern Pädagogin, was soll ich sagen, das gehört dazu, ich kenn das und kann mich dann auch drauf einlassen. Isch kenn ja meine Pappenheimer. Und ich trage auch gerne Ringelshirts, ich kanns nicht leugnen, ich gehör dazu (Schulterzuck).

Bloß auf dem Rückweg hats mich ein bisschen kalt erwischt. Eine Teilnehmerin wohnt direkt bei mir ums Eck und hat mich im Auto mitgenommen. Sie erzählt so ein bisschen ihren Werdegang und was sie mit dieser Fortbildung vor hat und wie sie sich ihre berufliche Zukunft vorstellt und fragt mich dann plötzlich, unvermittelt: „Und was sind deine großen Träume für die Zukunft?“ – Äh, öh, ja, öh… da kam ich doch mal kurz ins Stottern, meine großen Träume für die Zukunft.. bäääh, wer braucht denn sowas?

Mein Antwort war dann auch so ein unverbindliches, lahmes Gebrabbel, dass keine weiteren Nachfragen kamen. Soll sie mich ruhig für langweilig und uninspiriert halten, mir egal. Ich fühle mich inzwischen ziemlich frei, meine Krankheit zu erwähnen oder es eben zu lassen, ganz wie es mir spontan passt.

Als nächstes werde ich mein Portfolio der kleinen Helferlein noch etwas aufstocken. Ich mache einen Termin in der Uniklinik Köln, um zu überprüfen, ob ich bei meinem jetzigen Onkologen noch gut aufgehoben bin. Dafür bräuchte ich eigentlich eine Kopie meiner Krankenakte, aber es muss wohl ohne gehen, denn da müssen erst mal die Arztbriefe nachgeschrieben werden, mit denen er seit einem Jahr in Verzug ist. Könnte man jetzt auch schon als Antwort für oben genannte Frage sehen, aber das möchte ich dann noch mal mit den Profis aus Köln bekakeln. Da die Ergebnisse meiner Biopsien eh immer dort landen, haben die ja schon mal die wichtigsten Daten über mich.

Dann steht ein Termin mit einer Neurologin an, um endlich mal die Migräne zu bearbeiten, die ich seit den Hirnmetastasen ab und zu habe. Dann gibt was Neues, auch ein Fall für die Neurologin: Polyneuropathien, seit ein paar Wochen zwickts in den Fingerspitzen und den Zehen. Kein besonderer Aufreger, aber lieber immer schön alles anmerken. Und zu guter Letzt möchte ich mich mit einem Antidepressivum versorgen.

Ich habe jetzt Monate darüber nachgedacht. In meinem Leben wechseln sich seit der Diagnose Phasen ab, in denen ich besser oder auch schlechter mit meinem Schicksal umgehen kann. Dass ich keine Familie mehr habe, hat mein Leben (erst mal) nicht reicher gemacht. Ich habe sehr gelitten, aber jetzt das Gefühl, ich habe mich genug daran abgearbeitet, es verarbeitet, Konsequenzen gezogen und etwas mehr Ruhe tritt wieder in mein Leben ein. Es gab diese Momente, in denen ich darüber nachgedacht habe, die Therapie abzubrechen und dem Krebs seinen Lauf zu lassen. Nachdem ich meine Gesundheit, meine Zukunft, meinen Beruf, meine Karriere, meine möglichen Kinder und mein mögliches Eigenheim verloren hatte, hat mich meine Familie entsorgt und /oder total in Stich gelassen. Was bleibt noch? Wozu? Vielleicht für einen Ehemann und einen kleinen Pudel, hat der beste Ehemann von allen dann vorsichtig eingewandt.

Ach ja stimmt, da war ja noch was 😉

Ich habs begriffen, gucke nach vorn, aber Wundschmerz bleibt natürlich und ich denke, ein Antidepressivum könnte mir helfen, mich zu stabilisieren. Ich habe ein bisschen Angst, dass mich das Zeug zudröhnt, ich nix mehr mitkriege, aber eine Freundin hat mich bestärkt. Sie nimmt seit Jahren Antidepressiva, weil eine Nebenwirkung ihrer MS-Medis Depressionen sind. Ich probiere das jetzt aus. Grundsätzlich bin ich erst mal allen Drogen, die die Schulmedizin zu bieten hat, gegenüber aufgeschlossen und nicht mehr länger bereit mehr Schmerz als nötig zu ertragen, sei es körperlich oder seelisch. Ich hatte in den letzten Jahren mehr als genug von beidem. Her mit den bunten Pillen 😋

Innere Kündigung

Heute ist ein sehr schwieriger Tag für mich. Heute steht eine große Familienfeier an, meine letzte hoffentlich.
Der Konflikt zu einem Teil meiner Familie besteht weiterhin, fast ein Jahr hat mich das beschäftigt. Ich habe es hin und her gewendet, gegrübelt, nachts wach gelegen, war unendlich wütend, traurig und enttäuscht. Währenddessen ging für den Rest meiner Familie das Leben weiter. Meine Eltern haben die ganze Geschichte einfach beiseitegeschoben und tun so, als wäre nichts gewesen. Das ist ihre Art und da sind sie auch richtig gut drin. Ich kann es ein bisschen verstehen, schließlich wohnen sie Tür an Tür, da ist ein harmonisches Familienleben hilfreich. Abgesehen davon sind sie konfliktscheuer als ein Hoppelhäschen. Sie haben schon fast alles vergessen und wissen auch gar nicht so recht, warum ich nicht einfach genauso handle. Meine Schwester sagt, „ich halte mich da raus“ und fragt mich, ob ich besser nicht zu den Mädelsabende komme, denn wenn meine Schwägerin fernbleibt, dann ja sicher auch meine Nichte usw.

Sich von einem Teil seiner Familie zu verabschieden, ist überhaupt nicht leicht, das ist ein Prozess, der mit vielen Emotionen verbunden ist. Ich habe mit meinem Mann gemeinsam vor ca. 1 Monat beschlossen, dass es jetzt reicht. Ich will meine Zeit nicht länger vergeuden. Die Tür, die wir beide noch aufgehalten haben, wird jetzt unwiederbringlich geschlossen. Ich möchte diese Menschen nicht mehr sehen.
Ich habe auch das ganze Jahr darüber nachgedacht, wie sich der Rest der Familie sich in dieser Situation verhält. Es handelt sich ja nicht um einen Streit zwischen verschiedenen Personen, sondern eine Person, in diesem Fall ich, wurde völlig überraschend massiv attackiert, es wurden Lügen über mich erzählt, ich wurde schlecht gemacht, man hat versucht die Beziehung zu meinen Eltern und indirekt auch zu meiner Schwester zu verschlechtern. Meine Eltern schieben die Geschichte beiseite, meine Schwester gibt sich neutral. Sie stehen daneben und gucken zu, anschließend trinken Sie Kaffee mit ihnen. Dürfen sie das? Ja.
Ich hatte die ganze Zeit über  Kontakt zu meiner Schwester und zu meinen Eltern, die sich auch bemüht haben, diesen zu halten, sozusagen die Familie meines Bruders und mich und meinen Mann gleich zu „bedienen“. Ich habe mich auch bemüht.
Ich habe mich wirklich bemüht Ihnen zuzugestehen, dass sie selbst entscheiden können, wie sie sich in der ganzen Situation verhalten. Ich habe lange nachgedacht, was „richtig“ ist. Aber ich habe festgestellt, dass in mir ganz unmerklich schleichend etwas passiert ist. Ich habe innerlich gekündigt.
Ich habe mich verändert in den letzten drei Jahren, ich bin dünnhäutig und vor allem schwach geworden. Körperlich schwach, konstitionell schwach, seelisch weniger belastbar. Ich brauche Schutz und Bestand, wenn ich angegriffen werde. Ich habe erfahren, wer ihn mir nicht gibt. Wer mir nicht beisteht und nicht für mich da ist. Zu wem ich Vertrauen haben kann.

Leider werden in meiner Situation solche Dinge direkt existenziell verhandelt und haben eine andere Bedeutung.

Meine Familie verhält sich und das hat etwas mit mir gemacht. Sie haben das Recht, sich selbst zu einer Position zu bekennen. Ich habe das Recht meine Konsequenzen daraus zu ziehen. Das heißt nicht, dass ich den Kontakt zu meinen Eltern und meiner Schwester abbreche, ich möchte ihnen nicht weh tun. Aber ich werde zunächst meine Erwartungen an sie massiv runterschrauben. Und mich innerlich distanzieren. Mich auf andere Menschen konzentrieren, von denen ich weiß, dass sie in jeder Situation für mich da sind. Und ich werde mich keinen unangenehmen Situationen mehr aufsetzten, um anderen einen Gefallen zu tun. Zu Familienfeier zu gehen, z.B. . Zuzugucken wie alle weggucken.
Heute feiert mein Vater seinen 70. Geburtstag. Ich gehe hin und werde den ganzen Tag lächeln. Ich wünsche ihm einen schönen Geburtstag. Und dann wars das für mich. Ich schleiche mich raus. Ich lebe noch, aber meine Familie ist leider an Krebs gestorben.

5 Phasen

Fünf Phasen habe ich damals diesen Blog genannt, zwei Wochen nach meiner Diagnose, vor mittlerweile fast drei Jahren. Ich habe Krebs, ich werde sterben, flüsterte mir mein Hirn unablässig ins Ohr. Was soll ich tun? Wie soll ich damit umgehen? Wie kann ein Mensch so etwas aushalten?

Nach drei Jahren könnte ich doch mal einen kompetenten Rückblick auf Frau Kübler-Ross 5 Phasen-Modell werfen, die damit eine Antwort auf die Fragen geben wollte.

Leugnen – Zorn – Verhandlung – Depression- Akzeptanz oder auch:

Phase 1: Hoffnung auf Irrtum – der Betroffene will die Diagnose nicht wahrhaben

Phase 2: Frage nach dem Warum – Der Sterbende hat seine Diagnose angenommen, reagiert aber negativ auf seine Umwelt, reagiert zornig, weil er von der Frage getrieben ist : Warum ausgerechnet ich?

Phase 3: Wunsch nach Aufschub – Er verhandelt mit Ärzten, Vertrauten und Gott darüber, was er tun würde, wenn ihm mehr Zeit gewährt würde

Phase 4: Trauer um vergebene Chancen –  Der Todkranke verfällt in eine depressive Stimmung, trauert möglicherweise vergebenen Chancen im Leben nach, aber auch  um sein Leben, das er verlieren wird.

Phase 5: Abkopplung von der Umwelt – Viele Sterbende haben nun ihr Schicksal voll und ganz akzeptiert. Sie koppeln sich langsam von ihrer Umwelt ab und wollen sterben.

So, das war´s, ihr wisst jetzt was euch bevorsteht, ich kann den Beitrag speichern und mich  amüsanteren Dingen widmen 😉

Meine 5 Phasen gehen so: Akzeptanz – Schock – Akzeptanz- Schuldgefühle – Depression – Gleichgültigkeit – Depression – Verhandlung – Akzeptanz – Depression……

5 Phasen sind, finde ich, auch eine unnötige Begrenzung. Vielleicht kommt es aber auch darauf an, wie viel Zeit man zur Verfügung hat. Wäre es bei mir bei den zunächst angekündigten wenigen Wochen nach meiner Diagnose geblieben, hätte ich die 5 Phasen vielleicht zügig durchlaufen und schon vor 3 Jahren mit seligem Lächeln ermattet und natürlich friedlich eingeschlafen. Stattdessen werde ich von einer Phase in die nächste vor- und zurück geworfen.

Die Phase des Schocks dauerte ein paar Wochen und war gnädig. Wie in einen Wattebausch gehüllt, nimmt man wenig wahr und ist unfähig sich allzu viele Gedanken zu machen.

 Es gab nie ein Phase des Leugnens bei mir, ich wusste in dem Augenblick, in dem mir meine Ärztin eröffnete, dass da ein Schatten auf meiner Lunge sei, dass ich Krebs habe und wahrscheinlich sterben werde. Oder kennt ihr jemanden, der Lungenkrebs überlebt hat? Nein? Das liegt daran, dass man Lungenkrebs überhaupt nicht spürt, bis es in den meisten der Fälle echt zu spät ist.

Es gab auch nie eine Phase des Zorns, ich habe mich nie gefragt, warum ausgerechnet ich. Warum nicht ich? 2016 war gerade die Zeit als sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen und mir war sehr bewusst, dass ich bis dahin, verglichen mit den meisten Menschen auf der Welt, ein sehr gutes Leben voller Chancen und Freiheiten genießen durfte.

Ich war in den letzten drei Jahren häufig traurig, ich habe um mich selbst getrauert, dass mein Leben zu Ende ist, dass ich mit meinem Mann nicht gemeinsam alt werden kann. Das erste Jahr habe ich jeden Tag mindestens einmal sehr heftig geweint. Davor hatte ich, glaube ich, Jahre nicht mehr geweint. Einmal am Tag musste ich den Druck ablassen und die Schleusen öffnen, das habe ich mir erlaubt. Inzwischen bin ich der beiläufige Weiner geworden, ich weine nicht mehr jeden Tag aber schon sehr häufig, wann immer ich etwas Trauriges höre oder sehe oder denke. Mir schießen dann drei Tränen in die Augen, ziemlich oft in der U-Bahn übrigens, und ich lass sie dann auch gleichgültig laufen. Was raus muss muss raus.  Was andere Passanten denken, darüber mache ich mir schon lange keine Gedanken mehr. Ich weine nicht mehr jeden Tag, aber ich habe jeden Tag sehr traurige Momente.

Ich hatte im ersten Jahr auch unbestimmte Schuldgefühle. Es tat mir für meinen Mann, für meine Familie und für meine Freunde so leid, dass ich sterben werde. Natürlich habe auch ich gedacht, hättest du nicht früher zum Arzt gehen können? Gab es nicht doch Hinweise darauf, was in deinem Körper heranwächst?

Es ist wie es ist, ich kann nichts ändern.

Und ich hatte kleine Anflüge von Verhandlung. Hätte ich mein Leben mehr schätzen müssen, sollen, können? War ich ein guter Mensch oder nicht? Gibt es einen Gott, der darüber entscheidet?

Bis zu meinem Tod wird es jeden Tag Arbeit bleiben, damit umzugehen. Es ist ein Drahtseilakt, jeden Tag muss ich mich bemühen, eine innere Balance herzustellen. Es ist ein willentlicher Vorsatz für jeden Tag, einen guten Tag zu haben, ihn so gut und positiv und ausgeglichen zu machen, wie es eben nur geht. Mich nur auf heute zu konzentrieren und einfach auszublenden was in der Zukunft liegt.

In den letzten drei Jahren gab es nie mehr das Gefühl, das gerade jetzt alles gut ist. Diese Momente, in denen man sich zurücklehnt und das Leben ist schön. Weil nicht alles schön ist, da ist jetzt etwas sehr bedrohliches, das immer da ist. Die Unbeschwertheit ist weg. Manchmal kann ich an das ganz entspannte Gefühl nah dran kommen, meistens, wenn sehr viel Alkohol, am liebsten Cocktails im Spiel sind 🙂 Ich trinke jetzt viel lieber Alkohol als früher, wenn auch nicht unbedingt öfter, was daran liegt dass ich keinen guten Mojito mixen kann. Es dürfte ja wohl eigentlich nicht so schwer sein, aber ich krieg´s nicht hin.

Ich bin dünnhäutig geworden. Meine Stressresistenz ist mit der Balance meiner inneren Grundstimmung vollkommen ausgelastet. Jeder außergewöhnliche Termin, jeder Konflikt ist zu viel. Habe ich zwei Verpflichtungen an einem Tag, z.B morgens einen Arzttermin und nachmittags einen Gitarrenkurs, dann steh ich den Tag einfach nur irgendwie durch. Ich habe oft Momente, in denen ich vollkommen überfordert und überlastet bin. Dann setz ich mich hin und trinke Kaffee.

Man muss einfach nur für alles die richtige Strategie haben.

Ich glaube, ganz ehrlich, das soll alles nicht so. Dafür sind Menschen nicht gemacht, jahrelang mit der Klinge an der Kehle rumzulaufen. Oh Wunder der modernen Medizin. Ich habe schon oft gedacht, wäre es bei der ursprünglichen Diagnose geblieben, dann hättest du das alles hinter dir. Möchte ich jetzt mal ganz sachlich feststellen. Dieses Leben ist nämlich sehr anstrengend und irgendwie sinnlos.

Ich möchte jetzt hier so gerne etwas Positives hinschreiben z.B dass ich ganz weise geworden bin und mit ganz viel Gelassenheit auf mein Leben zurückblicke. Das ich Kleinigkeiten nicht mehr so schwer nehme und jetzt endlich weiß, was wichtig ist in meinem Leben. Oder, wartet, der Klassiker, ich bin so froh, dass ich das Leben jetzt ganz intensiv spüre. Ich bin glücklich um jeden Tag, den ich mit meinen Lieben erleben darf.

Ja, doch, das vielleicht schon eher. Ich bin glücklich um jeden Tag, den ich mit dem besten Ehemann von allen erleben darf. Oder sagen wir meistens 😉 Und Elvis der Pudel, natürlich. Auch meistens.

Ein Fazit:

Man braucht wirklich viel Humor, vorzugsweise Galgenhumor. Und es hilft auch etwas sarkastisch zu sein.

Man sollte auf jeden Fall ohne schlechtes Gewissen seinen Alkoholkonsum erhöhen und sich die Welt ein bisschen schöner saufen.

Pass auf dich auf. Und geh nicht in das Licht.

Und zur Erbauung halte dich an Churchill:                                                                           Das ist die Art von verdammten Blödsinn, den ich mir nicht gefallen lassen werde!

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Auf Reisen

Ich bin mal wieder unterwegs, diesmal fahre ich mit dem Schiff entlang der norwegischen Küste hoch ans Nordkap und wieder zurück nach Bergen. Angereist sind wir über Oslo und dann mit dem Zug hoch in die Berge auf fast 2000 m und wieder runter an die Küste, wo wir in Bergen an Bord gegangen sind. Das ist in echt genauso spektakulär, wie es sich anhört. Norwegen ist wunderschön.

Jemand hat mich über diesen Blog mal gefragt, wie geht das eigentlich, Reisen in deinem Zustand? Wenn man meine Diagnose liest, Krebs, Stadium 4, Metastasen, Lungenentzündung, dann meint man, ich müsste bettlägerig sein. Wenn man mich sieht, vergessen viele meine Diagnose, weil man es mir kaum anmerkt. Die Wahrheit liegt dazwischen. Früher hätte ich mich bei meiner Arbeitsstelle gemeldet und gesagt, ich bleib heute mal zuhause, mir ist nicht gut. 😁

Bei mir ist inzwischen aber längst angekommen, dass „mir ist nicht so gut“ der Dauerzustand ist und nicht mehr weg geht. Das ist eher mein neues „es geht mir gut“. „Es geht mir gut“ bedeutet, mir ist etwas schwindelig, ich habe immer wieder zwischendurch Bauchschmerzen und Sehstörungen, Muskelschmerzen, Muskelschwäche, Kreislaufprobleme, Verdauungsstörungen (mal weniger, mal mehr 😣) ich bin müde und nach einem anstrengenden Tag bekomme ich etwas, was ich Hirnklabaster nenne. Vor einigen Jahren habe ich mal so einen Videomarathon mit einer Freundin veranstaltet. Nach gut neun Stunden 😁 Serien gucken, war mein Hirn vollkommen überreizt, es fühlte sich an, als könnte man darauf Spiegeleier braten. Ich ertrug keinerlei Reize mehr, weder visuell, noch akustisch. Das habe ich heute nach einem Tag, an dem ich vielleicht vormittags 2 Stunden gearbeitet habe, mittags einkaufen war, am Nachmittag noch einen Kaffee mit einer Freundin getrunken und anschließend noch irgendeine Kleinigkeit erledigt habe. Am frühen Abend kann ich mich nur noch in die dunkle Stille legen und meinem Hirn beim Brutzeln zuhören.

Und wie kann man so reisen? Ganz gut, mit etwas Unterstützung vom besten Ehemann von allen 😊 . Vor meiner ersten Reise hatte ich wirklich Angst, zwei Monate davor hatte ich große Zweifel und habe schon bereut, die Reise gebucht zu haben. Aber dann ging alles ganz gut. Vor allem natürlich, weil d.b.E.v.A immer Pausen macht wenn ich es brauche und nicht genervt ist, wenn wir zwischendurch mal mehr vom Hotelzimmer als von allem anderen sehen. Manchmal sind wir unterwegs und dann möchte mein Körper nicht mehr so, wie ich gerade will. Übelkeit, Schwindel, Schmerzen. Dann nehme ich den Arm vom besten Ehemannes, lehne mich an und sag ihm, jetzt bitte mal ganz langsam. Und während ich mich darauf konzentrieren einfach einen Schritt vor den anderen zu setzen und tief ein- und auszuatmen, währenddessen kriegt sich mein Körper irgendwann wieder ein. Das dauert meist so 20 min und dann geht’s weiter.

Inzwischen ängstigt mich Reisen nicht mehr, ich weiß, es geht schon irgendwie und ich buche ja auch keine Raftingtouren, sondern halte eher nach den Seniorenvarianten Ausschau.

Und warum reise ich eigentlich so viel? Ich hab fast jedes Jahr Urlaub gemacht, war aber nie jemand, der Reisen zu seinem geliebten Hobby erklärt hätte. Jetzt bin ich wirklich oft unterwegs. Ich war in diesem Jahr schon in Rom, jetzt Norwegen, im Juni Amsterdam, Juli Greetsiel, im September Allgäu, im November Kanaren. .. Wow

Als Rentner habe ich natürlich erst mal mehr Zeit, von meiner Rente bleibt im Monat auch noch etwas übrig und wir sind natürlich auch zu zweit, ohne Kinder, ohne Auto.

Ich habe da aber auch noch einen anderen Verdacht. Immer wenn ich verreisen, dann fällt auch ein klein bisschen Lasten von mir ab. Ich bin dann aus meiner Welt und der Krebs, der bleibt auch Zuhause. Jedenfalls ein großes Stück vom Krebs, der Teil, der immer flüstert: diese Kopfschmerzen, das sind sicher neue Hirnmetastasen, hast du dem Arzt mal gesagt, dass du neuerdings immer so Schmerzen in der Hüfte hast? Und da, wo du neulich solche Krämpfe hattest, sitzt da nicht die Leber? Da musst du dich darum kümmern, das musst du alles im Auge behalten, pass bloß auf, der Krebs selbst hat sich ja auch unbemerkt angeschlichen.

Ja, aber jetzt hab ich Urlaub, da muss ich auf gar nichts aufpassen, außer einen Schritt vor den anderen zu setzten. Und alles was da ist und kommt, das muss eben warten, mein Arzt ist weit weg. Das hat Zeit.

Ich bin jetzt raus 😊

Krebs und Poesie ?

sprichBILDQUELLE:© IVECTOR, FOTOLIA.COM

Wie geht das denn zusammen? Hab ich mich auch gefragt und war am Weltkrebstag beim Poetry Slam zum Thema Sprich mit mir über Krebs.

Ich war etwas skeptisch, wie man so ein schwieriges Thema auf die Bühne bringen will, so, dass es zum Lachen ist, vielleicht auch zum weinen, aber das bitte nicht auf der Bühne. Manches war schwer auszuhalten, vieles hat mich und meine Krebskollegin mit der ich da war sehr berührt.

Unglaublich, die haben das so gut gemacht, aber seht selbst, bitte:

Das Ganze war übrigens organisiert von der Krebsgesellschaft NRW und hier gibt es noch weitere Infos:

http://www.krebsgesellschaft-nrw.de/was/b_projekte/Sprichmitmir

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Wie ein Brocken im Hals liegt mir das letzte halbe Jahr und den muss ich jetzt aushusten, damit ich weitermachen kann, mit allem. Bevor ich irgendetwas anderes schreiben kann, muss erst noch diese ganze Geschichte zu Papier gebracht werden, raus aus meinem Kopf, in die Akten, in den großen fetten Ordner mit der Aufschrift SO ISSES!

Ich bin aus dem Krankenhaus entlassen, mein Mann und ich erzählen meiner Familie dass ich an Krebs sterben werde. Die erste Reaktion meines Bruders: „Tja, hättest du mal nicht so viel geraucht.“

Eine Woche, nachdem ich die Diagnose bekommen habe, dass ich Lungenkrebs im Endstadium habe und wahrscheinlich nur noch wenige Wochen leben werde, sitze ich auf der Terrasse meiner Schwägerin. Sie erzählt mir lachend, dass meine Mutter immer noch wegen mir rum heult…

Dank meiner Eltern habe ich nach einem Jahr einen kleinen Pudel, der fortan an meiner Seite ist, er ist mein kleiner Sterbebegleiter, er fordert mich, er will dass ich mich bewege, wenn ich nach schlechten Nachrichten aus dem Krankenhaus nach Hause komme, dann soll ich gefälligst mit ihm spielen statt zu weinen. Meine Eltern werden ihn nach meinem Tod aufnehmen und sie betreuen ihn, wann immer ich verreisen möchte und ihn nicht mitnehmen kann. Sie wollten nie einen Hund, sie tun das für mich. Sie lassen sich auf Elvis ein und gehen eine Beziehung zu ihm ein. Wer einen Hund hat, weiß, das ist fast ein kleiner Kinderersatz. Ich bin so froh, dass für ihn nach meinem Tod gesorgt ist. Meine Schwägerin sagt zu meinen Eltern, mein Hund gehört nicht hierher, er ist nur ein Gast hier, ihr eigener Hund hätte im Haus meiner Eltern Hausrecht, er wäre schon viel länger hier. 

Vielleicht hat mein Bruder seine erste Reaktion bereut, er fragt mich jedesmal, wenn wir uns (mal) sehen, wie es mir geht. Dieses „wie geht es dir“ mit dem ernsten Unterton. Ich sage gut. Er sagt gut. Dann wechselt er schnell das Thema. Danke für dein ehrliches Interesse. Nicht.

Ich war mal sehr sportlich, 5 mal die Woche habe ich trainiert, Laufen und Muskeltraining abwechselnd. Schnell habe ich zugenommen, nachdem ich wegen einem ausgeprägten Hirnödem sehr starkes Cortison über zwei Monate zu mir nehmen musste. Ich habe Schmerzen, Tag und vor allem nachts, weil die Medikamente gemeine Muskelschmerzen und Muskelschwäche auslösen. Ich bin 95 Jahre und schleppe mich im Park von einer Bank zur nächsten. Meine Schwägerin erzählt mir, dass sie jetzt läuft. Jeden Tag, 3 km, das tut so gut, sie fühlt sich so fit, sie hat abgenommen. Jeder sollte das mal versuchen, wirklich. Sie erzählt mir das über 6 Monate lang, jedes Mal wenn wir uns sehen.

Weihnachten. Ich und meine Eltern, mein Mann, meine Schwester, ihr Freund. Nebenan im Haus mein Bruder, seine Frau, die drei Kinder, die Schwiegereltern. Zum Nachtisch sollen wir zusammen treffen. Wir sind nicht so schnell, drüben wurde schon um 18 Uhr gegessen und jetzt ist die gemeinsame Bescherung geplant. Wann kommen wir endlich? Wir haben grad mit dem Essen angefangen. Ein einstündiger Telefonterror beginnt, immer wieder ruft sie an. Sind wir jetzt bald fertig? Ihr schön geplantes Weihnachtsfest steht wahrscheinlich auf dem Spiel. Es soll alles perfekt sein. Sie schickt ihre Tochter vorbei während wir noch essen…  schließlich können sie doch nicht abwarten und machen die tränenreiche, rührende Bescherung eben ohne uns. Sie haben es zum Glück gefilmt. Als immerwährende Erinnerung an ihr perfektes Weihnachten…. 

In ihrer Nachbarschaft ist eine Frau an Krebs gestorben. Sie erzählt ganz sachlich, auch dass der Mann kurz nach dem Tod mit der Frau abschließt, sich verabschiedet und dann ist gut. Auf eine kurze Nachfrage erzählt sie mir gerne (habe ich wirklich das Gefühl dabei) in epischer Breite von dem Krebstod und Umgang des Ehemannes damit. mit sichtbar guter Laune, total abgeklärt. So als wäre nichts dabei. So als wäre das nicht meine eigene Geschichte. Wenn ich etwas von meiner eigenen Geschichte erzähle, wenn es nur eine Anekdote aus dem Krankenhaus ist, dann wird betreten geschwiegen und auf die Erde geguckt. Als ob ich grade irgendwas total peinliches sage. In dieser Situation habe ich das erste mal im Kopf: Das macht sie extra. Das sind alles keine Zufälle oder Gedankenlosigkeit, sie macht das wirklich extra um mir weh zu tun. 

Ich war mein ganzes Leben für meinen Bruder und für meine Schwägerin da. Als die beiden sich in jungen Jahren getrennt haben, da habe ich meinen Bruder bei mir aufgenommen. Sechs Wochen habe ich mir die Litanei seines Liebeskummers angehört und versucht ihm Mut zu machen und für ihn da zu sein. Als alle aus der Familie meine Schwägerin schnitten, weil sie abgehauen ist und einen neuen Freund hatte, da habe ich mich ein paar mal mit ihr getroffen. später sagte sie, ich wäre die einzige aus der Familie gewesen, die für sie da gewesen wäre. Als sie Probleme mit den Kindern hatten, habe ich alles stehen und liegen lassen, bin hingefahren, habe mich gekümmert.

Ich kann mir sicher ein paar Dinge vorwerfen lassen. Ich bin manchmal ein Grinch, wenn der Kitsch in dieser Pinterest-Familie zu groß wird. Wären wir nicht verwand, wir hätten wahrscheinlich nichts miteinander zu tun, viel zu groß sind die Diskrepanzen, unsere Werte, unsere Vorstellungen von einem guten Leben. Dieser Lebensentwurf ist eher das Gegenteil von dem, was ich als erstrebenswert ansehe. 

Aber ich kann wohl sagen, dass jeder immer auf mich zählen konnte. Ich habe niemals jemanden in Stich gelassen, ich habe immer geholfen. Ich habe unterstützt,  wenn es gebraucht wurde, ich war immer da. 

Im Frühling erzählen mir meine Eltern, dass sie sich einen neuen Wohnwagen kaufen möchten. Den alten großen Familienwohnwagen möchten sie loswerden, sie wollen was kleines. Mein Mann und ich verabreden uns mit ihnen für die Caravan-Messe. Wir sind auch jedes Jahr da, auf der Tour Natur. Wir wollen gemeinsam nach einem Wohnwagen gucken, das macht Spaß, denke ich. 

Als wir dort ankommen, sind auch mein Bruder, meine Schwägerin, die beiden Töchter und der Freund meiner Nichte dort. Ich freue mich. Ich gehe mit meinem Mann erst auf die Tour Natur, die anderen gehen zusammen los. In der Mittagspause treffen wir uns wieder. Wir sitzen draußen, essen etwas, meine Schwägerin fragt mich, wie ich es finde, dass meine Schwester schwanger ist. Sofort höre ich an ihrem Ton worauf sie aus ist. Sie fragt nicht, wie es mir damit geht, weil ich ja eigentlich selbst Kinder haben wollte. Es interessiert sie nicht, ob ich damit gut umgehen kann, ob es mir schwer fällt. Sie zielt auf ein Gespräch ab, dass ich zwei Tage zuvor mit meiner Schwester und meiner Nichte auf meinem Balkon hatte. Meine Nichte hat ihr offenbar davon berichtet und ihrem Ton nach zu urteilen, hört sie ein Potential heraus, etwas gegen mich verwenden zu können. Dies ist tatsächlich mein spontaner Eindruck, in der Sekunde, in der sie ihre Frage stellt. Diesen Gedanken habe ich. Aber hintenrum ist nicht meine Sache. Ich sage ihr fast wortwörtlich was sie hören will, so wie ich es meiner Schwester auch gesagt habe, die dabei nur gelacht hat. Dass ich mich bei ihren ganzen bekloppten Ideen die sie hat, auf jeden Fall die nächsten neun Monate am besten ganz aus ihrer Schwangerschaft raushalte. Weil ich mich sonst nur aufrege. Im Nachhinein muss ich dazu sagen, dass mir das raushalten insbesondere bei ihrer Namenswahl nicht wirklich gelungen ist, aber erstens war es nur für das Wohl des Kindes ( 😉 ) und zweitens ist meine Schwester so geduldig und langmütig wie stur. 

Meine Schwägerin nickt befriedigt und sagt nichts mehr. Das wollte sie offenbar hören. Wie es mir geht interessiert sie immer noch nicht. 

Nach der Pause gehen wir zusammen Wohnwagen gucken. Dabei gibt es ein Problem. Meine Schwägerin will nicht, dass meine Eltern sich einen kleinen, sondern einen großen Wohnwagen kaufen. Weil sie in Zukunft ganz viele Enkel mit in den Urlaub nehmen sollen. Glaube ich. Die es nicht gibt. Aber die kommen dann ja alle und wenn die groß genug sind und meine Eltern dann bald auf die 80 zugehen, sollen die alle mit. Deshalb brauchen die einen großen Wohnwagen. Ich gucke weiterhin nach kleinen Wohnwagen. Ich sage das auch. Meine Eltern gucken auch nach kleinen Wohnwagen, aber sie sagen das nicht, sie sind bei solchen Dingen eher die Nichts-Sager. Die Familie meines Bruders versucht sie mit Nachdruck zu einem großen Wohnwagen zu überreden, ich sage auch nicht mehr viel dazu. Ich suche die kleinen. Plötzlich brechen sie auf, gehen alle, verabschieden sich freundlich. Ich bin verdutzt, aber gut.

Meine Eltern und mein Mann, wir gehen noch in die letzten Hallen. Und da stehen ganz tolle Wohnwagen, kosten fast die Hälfte von dem, was wir bisher gesehen haben. Und sie sehen gut aus. Gefällt meinen Eltern. Sie werfen nicht einen Blick in einen größeren Wohnwagen, interessiert sie gar nicht. Ich frage meine Eltern Und? Mein Vater, hm, ja , also eigentlich wollten wir ja erst nächstes Jahr einen kaufen. Ich frage warum? Und meine Mutter sagt, ja warum eigentlich? Sie überlegen, sie lachen, sie kaufen, sie freuen sich. Ich schreibe per What´s App den Verlauf. Das es hier einen Wagen gibt, der in Frage kommt. Keine Reaktion. Dass sie überlegen, ob sie ihn kaufen sollen. Keine Reaktion. Dass sie ihn gekauft haben. Keine Reaktion. Dass sie sich freuen. Keine Reaktion. 

Ich erfahre dann später, dass sie da alle schon im Garten sitzen, sich die Köpfe heiß reden, ich wäre es schuld, ich hätte sie überredet, sie wollten gar keinen Wohnwagen kaufen, nur wegen mir haben sie diesen gekauft etc etc. Ich weiß nicht, was noch für böse Worte gegen mich fallen. Selbst der Freund meiner Nichte erblödet sich nicht, den Kommentar abzugeben, dass ich ja voll genervt hätte mit der Suche nach einem kleinen Modell. Da sitz der Clan und wartet auf meine Eltern. Die kommen nach Hause und werden angeschrien. Wie können sie nur, alles wegen mir, sie sollten nicht, wollten nicht, durften nicht einen Wohnwagen kaufen (ohne Erlaubnis meines Bruders und meiner Schwägerin offenbar). Sie reden, überreden, verunsichern. meine Eltern, eben noch froh sind jetzt traurig. Gehen nach Hause. Meine jüngste Nichte kommt rein. Oh wie schade, sie kann ja jetzt gar nicht mehr mit in den Urlaub fahren, der Wohnwagen ist ja jetzt viel zu klein ( Anm. d. Red. Es sind drei Schlafplätze im Wohnwagen vorhanden). Aber es ihr leider viel zu klein. 

Meine Eltern grübeln, haben sie einen Fehler gemacht? Nein, entscheiden sie am nächsten Tag. Alles gut so. 

Ich höre erst zwei Tage später Andeutungen davon, sie dürfen mir nichts davon erzählen eigentlich. Das dort die ganze Zeit gegen mich gehetzt wird, dass sie meinen Eltern die Freude an ihrer Anschaffung kaputt machen. Ich rufe meinen Bruder an, ich möchte das ruhig klären. Möchte sagen, dass ich zu nichts überredet habe ( möchte nicht sagen wer hier versucht hat zu überreden). Ich werde von meinem Bruder in 30 Sek. abgespeist „Ja wenn du meinst“ „ist ja jetzt gelaufen“ „Tschüss“. Ich weine nach dem Telefonat, bin auch abends noch fassungslos, als mein Mann nach Hause kommt. Er tröstet mich. 

Der Terror meines Bruders und meiner Schwägerin geht weiter, sie kommen in die Wohnung meiner Eltern, schreien sie an, bis meine Mutter weinend aus dem Zimmer läuft. Aber immer noch ändern sie nicht ihre Meinung. 

Ein paar Tage später, mein Vater ruft mich an. Ich muss dich etwas fragen. Eigentlich darf ich dir nichts sagen, aber ich kann mir das einfach nicht vorstellen bei dir. Deine Schwägerin war gerade da. Ich weiß ja, dass du auch gerne Kinder gehabt hättest. Und wir hätten uns ja auch gefreut, wenn wir eine Enkelkind von dir bekommen hätten. Und die Situation jetzt ist bestimmt nicht leicht für dich. Aber deine Schwägerin hat gesagt, du hättest gesagt, dass du deiner Schwester die Schwangerschaft zur Hölle machen/ richtig schwer machen/ kaputt machen würdest (Anm. genauer Wortlaut hier, ist mir vor schock leider nicht mehr in Erinnerung).

Nein, sage ich, habe ich nie gesagt, würde ich niemals sagen, geschweige denn tun. Mein Vater sagt, dass konnte ich mir auch nicht vorstellen. 

Ich kann nach dem Telefonat gar nichts mehr denken. Ich weiß nicht was ich denken soll. Ich finde das eben gehörte so abwegig, dass ich gar nicht sauer bin, ich gar nichts mit dieser Information anfangen kann. Ich verstehe das nicht. Ich kann dazu nichts sagen. Auch weil meine Eltern ja nichts sagen dürfen, weil sie sonst wieder Ärger kriegen. Ich weiß wie das aussieht, ich habe das schon einmal miterlebt, aber das ist eine andere Geschichte. 

Ich weiß nicht was los ist. Der Monat vergeht, ich habe keine Medikamente, die alten wirken nicht mehr, die Beschaffung neuer zieht sich hin. Eine lebensgefährliche Situation für mich. Von meinem Bruder, seiner Familie kommt …. nichts. Wahrscheinlich sind sie noch damit beschäftig mir zu verzeihen, dass ich meinen Eltern einen viel zu kleinen Wohnwagen aufgedrängt habe. 

Weitere Wochen vergehen, keine Medikamente, keine Reaktion. 

Ich grüble derweil, halb nur, die andere Hälfte von mir macht sich zunehmend Sorgen wegen der medizinischen Situation. Ein großer Druck baut sich auf, der Tod ist mal wieder zum Greifen nah, auch wenn es Aussicht auf die Medikamente gibt. Aber wo sind sie? Nicht in meiner Hand. 

Eine Nachts wache ich auf und mir ist auf einmal klar, dass meine Schwägerin wirklich und wahrhaftig zu meinen Eltern gegangen ist und ihnen unfassbare Lügen über mich erzählt hat, mit dem Ziel, dass sie sich von mir distanzieren. Sie wollte die Eltern und ihre sterbende Tochter auseinanderbringen. Sie wollte meinen Eltern die letzte Zeit mit mir nehmen, sie wollte dass ich alleine sterbe. 

Im Nachhinein seltsam, dass ich so lange gebraucht habe, um das zu realisieren. Aber für mich so unfassbar, ich weiß auch nicht, ich kann es nicht erklären. Die Erkenntnisse kommen mir Stück für Stück. Das sie die Tatsache, dass ich wegen meiner Krebserkrankung keine Kinder bekommen kann, gegen mich einsetzt. Das sie versucht, mir daraus einen Strick zu drehen. An der Stelle, wo ich Mitgefühl und Verständnis erwartet habe ist nur Böses. 

Wir waren schon lange zu einem Familien- Termin verabredet, gleichzeitig ein Geburtstagsgeschenk für mich. Ich sage anderen Bescheid, dass ich nicht kommen kann. Sie schreibt mich an, ob sie den Termin verschieben sollen. Ich schreibe ihr, dass ich denke, dass sie, mein Bruder und ich mal eine kleine Beziehungspause brauchen. Dass sie sich keine Gedanken wegen dem Geschenk machen soll. Ich schreibe vorsichtig, weil ich immer noch nicht fertig bin mit, es fassen können und grübeln (und mir Sorgen wegen des Medikaments machen). Keine Reaktion mehr, bis heute. Nie wieder was von ihr gehört.

Mein Bruder kommt zum Geburtstag meines Mannes, zaghaft, fragt wie es mir geht. ich habe bei so vielen Gästen keine Zeit mit ihm diese Sache zu klären, er sagt nichts. Meine Schwägerin, meine Nichten sind in London. Immerhin, ich rechne es ihm hoch an, dass er kommt. Jetzt frage ich mich: warum eigentlich?

Auf einem Geburtstag meiner Nichten sehe ich meine Schwägerin wieder, nur kurz bei der Begrüßung, sie sagt Hallo, ich sage Hallo, sie sagt, hey du hast ja dunkle Haare, ich sage ja und gehe woanders hin. Auch nicht gerade der Ort und die Zeit für ein Gespräch. Aber ich bin inzwischen auch wirklich sauer. Die Wut ist endlich bei mir angekommen. Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Wie kann man? Wie geht das? Wieviel Niedertracht und Boshaftigkeit muss in deinem Charakter sein, um so etwas fertig zu bringen? Das alles?

Meine Eltern, meine Schwester sagen, da hat sie bestimmt nicht drüber nachgedacht, das hat sie bestimmt nicht so gemeint, so weit denkt die gar nicht… Ich rede mit meinem Mann darüber, die ganze Zeit über versichere ich mich bei ihm, liege ich falsch? Er ist deutlich rationaler als ich, er sagt nein, du hast recht. Nach und nach erzähle ich auch Freunden die Geschichte. Zuerst habe ich nichts gesagt, ich habe mich zu sehr für meinen Bruder und meine Schwägerin und meine Nichten geschämt. Diese ganze lächerliche Wohnwagengeschichte und wie sie meine Eltern fertig gemacht haben, war mir peinlich. Was, sagen meine Freunde, nie wieder würde ich ein Wort mit der reden und finden dann aber viele, ganz andere  Worte für sie. 

Ich beschließe, dass ich nichts mehr verheimlichen muss und lügen muss ich auch nicht für sie. Wer glaubt wirklich, dass ihr Verhalten nicht gemeine Absicht war und das schon die ganze Zeit. Dass sie schon, seitdem ich erkrankt bin, versucht mir zu schaden? Ich habe ja auch lange gebraucht, um das zu begreifen, ich kann nur noch sagen, Taten sprechen mehr als Worte. Und ein Mensch, der so etwas tut, das ist kein netter Mensch (liebe Schwester) man kann nicht so etwas tun und gleichzeitig doch eigentlich ganz nett sein. Das geht nicht. 

Sieben Monate sind vergangen, ich habe nichts gehört, von niemandem. Mein Bruder trifft meinen Mann manchmal auf einem Männerabend, dann fragt er natürlich pflichtschuldig wie es mir geht. Ich denke, es interessiert ihn eigentlich einen Scheiß. (Entschuldigung) 

Das sind Wahrheiten, die ich begreifen muss. Dass es da kein Zurück mehr gibt, das es da keine große Familie gibt, die hinter mir steht. Das hat meine Schwägerin (hauptsächlich) kaputt gemacht. Oder ans Tageslicht gebracht. Das da vielmehr Menschen sind, die hinter meinen Rücken daran arbeiten mir zu schaden. Die sich kein Stück für mich interessieren. Die mir die Zeit, die ich noch habe schwer machen. Denen ich auf gar keinen Fall vertrauen kann. Die einfach allesamt riesengroße gemeine Arschlöcher sind. 

Und das ich loslassen muss.