Familie

Ich habe jetzt schon eine Weile dem Thema Familie hier auf dem Blog so viel Raum gegeben, wie er auch in meinem Leben einnimmt – gar keinen.

Kurzer Rückblick:

Seit meiner Erkrankung bekam ich bei jedem Kontakt von meiner Schwägerin unablässig Komentare, die auf… ja auf was denn abzielten? Ich weiß es nicht… Meine Krankheit soll unsichtbar werden? Ich soll so tun, als wäre ich gar nicht krank? Mir soll das alles bitte nichts ausmachen? Keine Ahnung. Die ersten Worte meines Bruders, als ich ihm erzählte dass ich unheilbar an Krebs erkrankt bin und bald sterben werde ( das war zu diesem Zeitpunkt noch die Diagnose), waren: „Tja, hätteste mal nicht so viel geraucht..“. Meine Schwägerin meinte nach einer Woche zu mir: “ Du, die da drüben (meine Mutter) heult immer noch wegen dir“. Für sie war das Thema offenbar nach einer Woche abgehakt, sie hat sich ernsthaft darüber gewundert, dass es das für mich und sogar meine Mutter nicht ist.

Ernsthaft- sie konnte es nicht nachvollziehen dass für mich nach einer Woche meiner Todesdiagnose nicht alles beim Alten war. Man kann das wahrscheinlich nicht glauben, wenn man das liest, aber es war wirklich so, ich habe das Unverständnis in ihrem Gesicht gesehen.

Seitdem habe ich viel Unverständnis gesehen, in den Gesichtern meiner Familie und spüre diesen auch in meinem. Es ist als würden wir in komplett verschiedenen Welten leben und alles was bei mir richtig ist, ist dort falsch und umgekehrt.

Ich hatte schon versucht viel von Ihnen fernzuhalten, als ich noch dem irrigen Glauben anheim lag, meiner Familie würde irgendetwas an mir liegen. Inzwischen denke ich so nicht mehr. Glaube ich wirklich nicht. Es war jetzt auch gar nicht so, dass ich meine Eltern oder Geschwister jede Woche gesehen oder gesprochen hätte oder gejammert habe, oder oder… Ich habe schon versucht, dass für mich zu verarbeiten und sie wenig zu belasten. Allerdings waren schon Kleinigkeiten eine große Belastung für sie. Als ich zum Beispiel von einem Medikament sonnentoxische Reaktionen bekam und unter starken Schmerzen und Ausschläge litt, sobald ich in die Sonne kam, kamen blöde Reaktionen, als ich bat im Schatten sitzen zu dürfen. So ein „muss die wieder sofort ihre Krankheit raushängen lassen“ – Blicke. Es gab bei jedem Treffen mit meinem Bruder und meiner Schwägerin solche Reaktionen auf meinen inzwischen eben weitreichenden Abbau meines Körpers. Mir wurde unterstellt, dass ich mich anstelle, das ich übertreibe :“Ach du findest das Kortison so schlimm und du hast so krasse Nebenwirkungen? Also, ich nehme ja seit Jahrzehnten Asthmaspray, da ist auch Kortison drin, aber ich habe da keine Nebenwirkungen von.. – Ja, danke für das Gespräch.

Das Ganze ist ja dann eskaliert, wie hier bereits vor zwei Jahren beschrieben und das hat mich sehr getroffen. Es hat mich auch zu einem Zeitpunkt getroffen, an dem es mir körperlich sehr schlecht geht und ich mich auch in lebensgefährlicher Situation befand. Das war bekannt, aber das hat trotzdem niemanden in meiner Familie dazu bewegt, mit mir das Gespräch zu suchen, geschweige denn sich auch mal schützend vor mich zu stellen. Niemand, der die Frage gestellt hat, was soll das hier eigentlich? Warum? Was passiert hier? Ich habe es ja sogar selbst versucht, aber wurde von meinem Bruder kurz abgekanzelt und weggewischt. Sehr getroffen hat mich, dass meine Schwester kurz nach diesen krassen Ereignissen, zu einem Zeitpunkt als ich noch gerätselt habe, was hier überhaupt gerade passiert, mich gebeten hat, von den regelmäßigen Treffen der Frauen in der Familie fern zu bleiben. Sonst würde ja meine Schwägerin fern bleiben und dann auch meine Nichte und das wäre ja zu schade…

Ein dreiviertel Jahr später bin ich noch einmal sehr in mich gegangen. Soll ich noch mal das Gespräch suchen? Soll ich versuchen zu erklären, wie sehr mich diese Intrigen und Attacken getroffen haben? Dann dachte ich, selbst wenn sie es nachvollziehen würden, selbst wenn sie sich entschuldigen würden… Möchtest du wirklich mit diesen Menschen, die dir so deutlich gezeigt haben, wie gleichgültig du ihnen bist, je wieder etwas zu tun haben?

Heute sieht es so aus: seit ca. drei Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu meinem Bruder und seiner Familie, sie haben nie ein Gespräch zu mir gesucht. Seit einem Jahr habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Schwester, die fröhlich jede Party in der Familie mitnimmt und ganz viel Verständnis 😉 für mich hat, dass ich nicht kommen möchte… Mein Vater ruft mich einmal im Monat an, erzählt mir, was er gerade bastelt, fragt, ob der Arzt was Neues gesagt hat. Wenn ich dann sage, Ja, ich habe jetzt eine schwere Niereninsuffizienz, ja ich habe neue Metastasen, ja, ich kriege wieder Bestrahlungen… Dann ist seine Antwort: „Och… uns sonst so?“ Meine Mutter same, bloß das sie mich nur ein oder zweimal im Jahr anruft. Die Gespräche dauern ca. 7 Min. Ich war seit der Zeit auch nicht mehr in meinem Elternhaus, abgesehen davon, dass ich auch gar nicht eingeladen werde. Es gab ein, zwei Versuche mir zu erklären, dass ich mich irgendwie anstelle und niemand wüsste, warum ich überhaupt sauer wäre, und so…

Das war für mich ein sehr schwerer Prozess, den mir da meine Familie zusätzlich zu meiner Krebserkrankung aufgebürdet hat. Ich war ein Jahr wahnsinnig traurig und wütend, habe mich im zweiten Jahr etwas berappelt und brauchte die Zeit, um das Ganze auch wirklich zu glauben. Und jetzt bin ich an einem Punkt, es zu glauben und mich auch emotional von diesen psychischen Krüppeln zu lösen.

Ich war mit 18 schon einmal beinahe an diesem Punkt, damals hätte ich auch beinahe den Kontakt zu meiner Familie gelöst, habe es dann doch nicht gemacht. Meist sagt man, man soll den Dingen noch eine Chance geben aber jetzt denke ich, das war ein Fehler. Hätte ich damals schon einen klaren Schlussstrich setzten können, ich glaube für mich, für meine persönliche Entwicklung wäre das besser gewesen. Aber was ich damals versäumt habe, dass kann ich heute richtig machen.

Wie jeder andere Mensch auch, habe ich das Bedürfnis nach einer Familie, nach Menschen, die mich bedingungslos lieben und mich wertschätzen, die für mich da sind und mir beistehen. Die sich auch an mich wenden, wenn sie Hilfe brauchen und mir genauso bedingungslos ein Zuhause bieten, wie ich für sie. Aber ich hatte diese Familie nie. Es gibt diese Familien, da bin ich mir sicher, Menschen, die einander wichtig sind, aber ich habe so etwas nie kennengelernt.

Es gibt solche Menschen in meinem Leben, aber von meiner Ursprungsfamilie gehört keiner dazu.

Meine Eltern haben mich mein ganzes Leben in Stich gelassen und waren nicht für mich da. Eigentlich ganz schön dumm von mir zu glauben, dass sich etwas daran geändert hätte, nur weil ich schwer erkrankt bin. Es gab immer nur Fassade und dahinter, nichts. Alle was ich heute kann und bin und habe, habe ich trotz ihnen und nicht wegen ihnen. Und auch die Wertvorstellungen, die moralischen Einstellungen und die Verantwortlichkeit habe ich mir selbst zu verdanken. Und letztendlich war ich immer ein anderer Mensch, wenn ich in der Nähe meiner Familie war. Ich konnte nicht ich sein, ich konnte nicht aufhören, immer in Hab-Acht-Stellung zu stehen, weil schon immer aus jeder Ecke, jederzeit Verletzungen kommen konnten.

Mein Vater hat mich vor einem halben Jahr gefragt, warum ich denn den Kontakt zu meiner Schwester abgebrochen hätte, sie würde so leiden… (ja, genau). Ich habe ihm ganz freundlich und ruhig erklärt, dass ich in meiner Situation wirklich eine Familie gebraucht hätte, die für mich da ist und mich unterstützt und die mir beisteht, aber dass ich so eine Familie nun mal nicht habe. Er sagt: „Ja, stimmt.“

Meine Familie spielt Familie, sie feiern sich immer ganz groß für ihren Zusammenhalt und ihre Nähe (inklusive Handyvideos, wie irgendjemand vor Freude in Tränen ausbricht, wenn es ein tolles Geschenk gab), aber echte Gefühle gibt es da nicht. Da ist ein Haufen herzloser Menschen, die noch nie so etwas wie Empathie, Mitgefühl oder Selbstlosigkeit erlebt haben. Und die sich gegenseitig ständig schlimme Dinge antun. Das ich mich nicht mehr dazu zähle, ist eine gute Sache und ich merke, wie ich immer mehr der anständige Mensch sein kann, der ich sein will. Noch gestehe ich meinen Eltern ihre gelegentlichen sieben-Minuten-Anrufe zu, die, vermute ich, dazu dienen, ihren Bekannten versichern zu können, dass sie noch Kontakt zu mir haben und genau wissen, wie es mir geht. Aber ich denke früher oder später werde ich mir das auch nicht mehr antun.

Und das ist gut so.

Von Opfern und Versehrten

Kriegsversehrte werden bei Wikipedia als Kriegsopfer bezeichnet, deren Verwundungen anhaltende körperliche oder seelische Schädigungen hinterließen. 

Diesen Gedanken hatte ich, als ich das letzte mal eine Arbeitskollegin sah, einen Monat vor ihrem Tod durch Brustkrebs im Frühjahr 2017. Sie sah nicht so aus, wie man sich klischeehaftet einen Krebspatienten im Endstadium vorstellt. Sie hatte Normalgewicht, war wenig geschwächt und konnte im Café sitzen und sich mit mir unterhalten. Aber in ihrem Gesicht war ein solch erschöpfter Blick, der offenbarte, dass sie schon so viel Leid gesehen und erfahren hat, dass all der Schrecken, den Krebs zu bieten hat, nur noch Müdigkeit auslöst. Jede einzelne Infusion der vielen Chemotherapie, bei der man stundenlang zwischen anderen Patienten sitzt und in die Maschinerie des Krankenhauses eingetaktet wurde, jede einzelne Bestrahlung, bei der man auf dem Tisch liegt, nachdem man fast nackt durch diverse Flure geführt wurde und alle den Raum verlassen, weil es viel zu gefährlich wäre, sich der Strahlung auszusetzen und man muss ganz still liegen und wird eingeklemmt und kriegt Masken aufgesetzt und wird markiert, Vollnarkosen, Eingriffe, Amputationen, Veränderungen an deinem Körper, dutzende Blutabnahmen und Zugänge, dutzende Male vor dem Arztzimmer warten und bangen, welche Ergebnisse vorliegen, ob man noch ein bisschen weiterleben darf…

All das ist so zermürbend, als wäre Krebs eine große Maschine, die dich mal langsamer mal schneller zermalmt. Manchmal bleibt am Ende noch etwas von dir übrig und manchmal auch nicht.

Ich habe Maren Ende November das letzte Mal gesehen. Ich habe sie zu Hause besucht, sie war meine „Mitpatientin“. Wir waren die einzigen beiden unter 40 (damals) mit der Diagnose Lungenkrebs, Stadium 4 und die beiden einzigen die eine Mutation hatten, die man zielgerichtet behandelt. Wir wohnten auch gar nicht so weit auseinander und wir haben uns ab und zu getroffen und geschrieben, darüber unterhalten, wie man diese Krankheit aushalten kann und wie man selbst damit umgehen soll, dass man Palliativpatient ist, wie man mit Freunden und Familie umgehen kann und wie diese mit einem selbst umgehen. Ich fand Maren sehr klug und sehr sanft und sehr optimistisch und ich weiß, dass sie viele Begabungen und Interessen hatte.

Als sie mir damals die Tür öffnete habe ich ihren Blick gesehen und sofort an meine Arbeitskollegin gedacht. Dieser müde, dieser wirklich müde Blick. Als hätten diese Augen einfach schon zu viel gesehen. Sie war optimistisch, dass die Hirnmetastasen nach der Bestrahlung erst mal fort wären und so schnell auch nicht wieder kommen würden. Das dann vielleicht eine neue Therapie für sie da wäre. Maren ist am 31.12.2020 in den Armen ihrer Freundes für immer eingeschlafen. Sie fehlt mir.