Doktor Paradise oder die Psychoonkologie

Seit zwei Monaten habe ich eine Kurzzeittherapie bei einem niedergelassenen Psychoonkologen begonnen. Der heisst zwar nicht Doktor Paradise, hat aber einen ähnlich klangvoll schönen Namen und äußerliche Ähnlichkeiten sind nicht ganz von der Hand zu weisen 😉

Wer jetzt keine Ahnung hat wovon ich spreche: Hiermit bekenne ich mich zur regelmäßigen Guckerin von „my life with 600 lbs“, da ist Dr. Paradise einer der begleitenden Psychologen. Jetzt ist es raus. Ja. Ich find die super.

Jetzt, nach (fast) 5 Jahren Krebserkrankung bin ich also soweit und suche einen Psychoonkologen auf. Lange habe ich mich dagegen gesträubt, weil ich dachte, ich bin nicht psychisch krank und es irgendwie nicht so toll zu finden, an Krebs sterben zu müssen, ist ja wohl eine normale, gesunde Reaktion. Außerdem hatte ich keine Vorstellung davon, was es mir bringen sollte. Vom Krebs heilen kann mich keiner, sterben muss ich und schön reden, wird auch nicht klappen. Was kann der Psychoonkologe also mit mir anstellen? Viel, wie sich herausstellte.

Jetzt mal ein kleines Plädoyer für die psychologische Begleitung zu schreiben, dazu hat mich eigentlich eine junge Frau bei Instagram gebracht, der ich folge. Sie ist erst 25 aber leidet auch schon seit 5 Jahren an Krebs. Sie teilt sich fast täglich mit und sie kämpft richtig, richtig doll. Und eigentlich bin ich keine Anhänger dieser Kampfrethorik im Zusammenhang mit Krebs, aber sie ringt mit ihrem Krebs und mit sich selbst und mit ihrer Einstellung und mit den Tumoren wie ein verdammter Boxer, den es schon 10 mal auf die Matte gelegt hat, aber einfach nicht liegen bleiben will. Und sie leidet dabei sehr.

Und ich habe überlegt, ob ich ihr irgendetwas schreiben kann, was ihr vielleicht hilft, nicht nur aufmunternde Worte, die sie in ihren Kommentaren schon genug erhält, sondern etwas, an dem sie sich auch ein kleines bisschen festhalten kann. Aber selbst ich, ich, die fast zwanzig Jahre älter ist, selber schon bald 5 Krebsjahre auf dem Buckel habe, selber Pädagogin und psychologische Kenntnisse habe, auch mir fehlen da die passenden Worte. Denn es ist und bleibt furchtbar, was da passiert. Was uns passiert.

Man kann dazu kaum etwas sagen, aber tun kann man schon etwas und das mache ich gerade mit Dr. Paradise.

Dr. Paradise arbeitet vowiegend systemisch, was bedeutet, es interessiert nicht was war, sondern nur: was ist jetzt und was wünsche ich mir wie es werden soll. Also was genau belastet mich jetzt, Sind es Ängste? Was für Ängste genau? Vor was? Vor Schmerzen? Vor Abschied? In welchen Situationen? Zu welchen Zeiten? Wie drückt sich das aus? Wo fühle ich diese Ängste? Es wird genau geklärt, welcher Auftrag eigentlich besteht, was ich mir wünsche und welche Möglichkeiten in meinem Rahmen bestehen. Hier ist ein klarer Unterschied zu analytische Therapien, die man immer als erstes im Kopf hat, wenn das Wort Psychotherapie fällt: Wie war ihre Kindheit? 😉

Das interessiert den Systemiker nicht, nur: Wo stehst du jetzt? Wo willst du hin? Gemeinsam kriegen wir raus, wie du dahin kommst.

Ich hatte viel mit einem diffusen Angstgefühl zu kämpfen, einem Knoten im Bauch, der sich jeden Tag immer wieder bemerkbar macht, zu allen möglichen Zeiten, ein ganz allgemeines: Es wird etwas schlimmes passieren… Dann mit den verfluchten konkreten Ängsten, wenn irgendwo ein Schmerz auftaucht, das kennen alle Krebspatienten: Ist das nur eine Muskelverspannung oder eine verdammte Metastase? Außerdem habe ich meinen Gemütszustand in den letzten 5 Jahren als Wellenbewegung erlebt: ein paar gute Wochen, positive, starke Gedanken, ausgeglichenes Gefühl und dann ging es wieder abwärts, wochenlang hineingetaucht in depressive, negative, hilflose Gedanken in eine Ausweglosigkeit. Auf und ab. Ohne Kontrolle, nur dass ich gemerkt habe, oh, es geht wieder aufwärts, oh, es wieder bergab.

Und was haben wir dann konkret gemacht?

Wir haben erst mal die Glaubenssätze aufgespürt, die sich in meinem Kopf reingehakt haben. Dazu die Situation analysiert, die eintritt, wenn ich mal wieder im Krankenhaus sitze und auf meinen Arzt und Ergebnisse warte. Mich versuche darauf vorzubereiten, dass schlechte Nachrichten kommen, die konkreten Sätze, die fallen werden, wie ich damit umgehen kann. Dieses angespannte Sitzen und auf die Tür starren während man so tut, als würde man etwas lesen. Und dann haben wir die Sätze in meinem Kopf umformuliert, so z.B. ich muss mich vorbereiten versus ich darf loslassen. Und die neuen Sätze habe ich mir auf Karten aufgeschrieben und in die Tasche gesteckt. Und nehme sie mit.

In einer anderen Sitzung habe ich mich auf zwei verschiedene Stühle gesetzt. Der eine Stuhl war der Stuhl im Wartezimmer, für den anderen sollte ich mir eine ganz angenehme Situation aus meinem Alltag aussuchen. Dafür habe ich den Morgenspaziergang mit meinem Hund ausgewählt. Und dann sollte ich erzählen. Zuerst habe ich von meinem Morgen mit dem Hund erzählt, was alles wundervoll und schön daran ist. Dann habe ich mich auf den Stuhl des Wartezimmers gesetzt und sofort hat sich meine Kehle zugeschnürt. Ich habe dann erzählt, wie sich dieser Stuhl für mich anfühlt, dann bin ich wieder auf den anderen Stuhl gewechselt und zurück und so ein paar mal hin und her. Die Erkenntnis daraus: Erstens mache ich mir die Situation bewusst und lasse Gefühle zu, die mir in der echten Situation gar nicht so bewusst sind, weil ich versuche sie ganz klein zu drücken. Aber so ist das mit den mistigen Gefühlen: je mehr versucht sie ganz klein in eine Ecke zu stopfen umso mehr quellen sie dann aus jeder kleinen Ritze wieder raus.

Und zweitens war es ein echtes AHA- Erlebnis zu sehen, wie schnell ich in meinem Gefühlserleben hin und her wechseln kann, je nachdem woran ich denke, wie ich denke. Das gibt mir wieder ein Stück Kontrolle über die Situation zurück. Ich bin nicht hilflos und haltlos ausgeliefert, ich kann bestimmen, welchen Gedanken ich jetzt Raum gebe. Also Dingen Raum geben versus etwas versuchen klein zu drücken.

Wir haben an beruhigenden Phantasien und Meditationen gearbeitet, wie z.B. den sicheren inneren Ort oder heilendes Licht, dass durch dich hindurchfließt. Wir haben darüber gesprochen, dass es hilfreich sein kann, ein Bild für den eigenen Tod zu entwickeln. Da ich nicht sehr religiös bin und mir das Paradies und die Wiedergeburt unwahrscheinlich scheint, ergibt sich das nicht von selbst. Bisher habe ich ziemlich schnöde gedacht: ich sterbe, das wars. Körper für die Würmer, Seele gibts nicht. Ich bin weg. Ist jetzt nicht so tröstlich und eigentlich muss man sich die ganze Sache ja auch nicht schwerer machen, als sie ohnehin schon ist. Da ich also sowieso sterbe und ich auch nicht wissen kann, was nach meinem Tod passiert, kann ich doch versuchen mir ein Bild zu erarbeiten, dass etwas tröstlicher ist. Wir haben über die Vorstellungen im Christentum oder im Buddhismus gesprochen oder die Geschichte der Naturwissenschaften, Energie geht nicht verloren, und so… Da werde ich mir noch ein bisschen Gedanken drum machen müssen…

Und nicht zuletzt hatten wir auch zwei echte Traumasitzungen, bei denen ein erlittenes Trauma verarbeitet werden kann und das war extrem hilfreich und hatte sensationelle Effekte. Ich habe rund um meine Diagnose zwei Situationen, die tatsächlich traumatisch waren und mit denen ich bis jetzt nicht gut umgehen konnte. Zum einen die erste Diagnose, das Überbringen der „Sie-müssen-bald-sterben-Karte„, obwohl der Arzt wirklich sehr nett und einfühlsam war und dann etwas später eine Situation mit einer Krankenschwester, die mich tröstend in den Arm genommen hat. An beide Situationen konnte ich monatelang überhaupt nicht denken. Sobald das Bild des Arztes in meiner Zimmertür im KH auftauchte, brach die Erinnerung ab und ich habe nur noch unkontrolliert geweint. Ich konnte mir beide Situationen nicht vor Augen führen. Später konnte ich die Erinnerung wach rufen, aber umgehen konnte ich immer noch nicht damit und damit haben wir kurzen Prozess gemacht.

Wir haben in mehreren Sitzungen die Traumata mit EMDR bearbeitet, eine sehr effektive Technik, die unter anderem mit bestimmten Augenbewegungen die Erinnerung vom Angstzentrum in das Langzeitgedächnis überführt und das hat sehr gut funktioniert. Danach hatte ich wirklich das Gefühl, mir wurden ein paar Dämonen von der Schulter genommen.

Alles in allem arbeiten wir also ganz praktisch an ganz bestimmten Situationen, wir tun ganz viel anstatt zu reden und das ist tatsächlich hilfreich. Nichts kann den Krebs weg machen, aber den Umgang damit kann man sich etwas erleichtern, man kann sich Hilfe holen und das kann die Psychoonkologie auch leisten. Das ist jetzt natürlich nur ein stark verkürzter Auszug aus den Sitzungen, die ich hatte und den Methoden, die ich dort kennengelernt habe. Wenn ihr mehr wissen wollt, dann solltet ihr euch jetzt hinsetzen und nach Psychoonkologie + euer Wohnort googeln. Ich hatte übrigens Glück, den mein Therapeut hat mir sofort Termine angeboten, obwohl er auch eigentlich eine Warteliste hat und obwohl ich ihm sagte, dass ich schon 5 Jahre mit dem Kram rumrenne und nicht gestern meine Diagnose bekommen habe.

Ich hatte vor 5 Jahren ein erstes Gespräch mit einer Psychoonkologin im Krankenhaus und fand sie grottenschlecht. Denn außer einer großen Portion Mitleid hatte sie nichts zu bieten. Das hat mich lange abgeschreckt, mir Hilfe zu suchen. Jetzt bin ich sehr froh, dass ich es doch getan habe. Und zum ersten mal seit 5 Jahren geht es mir jetzt schon seit 4 Monaten richtig gut. Bisher keine schlimmen Wellen in Sicht, nur ruhiges Gewässer…

Familie

Ich habe jetzt schon eine Weile dem Thema Familie hier auf dem Blog so viel Raum gegeben, wie er auch in meinem Leben einnimmt – gar keinen.

Kurzer Rückblick:

Seit meiner Erkrankung bekam ich bei jedem Kontakt von meiner Schwägerin unablässig Komentare, die auf… ja auf was denn abzielten? Ich weiß es nicht… Meine Krankheit soll unsichtbar werden? Ich soll so tun, als wäre ich gar nicht krank? Mir soll das alles bitte nichts ausmachen? Keine Ahnung. Die ersten Worte meines Bruders, als ich ihm erzählte dass ich unheilbar an Krebs erkrankt bin und bald sterben werde ( das war zu diesem Zeitpunkt noch die Diagnose), waren: „Tja, hätteste mal nicht so viel geraucht..“. Meine Schwägerin meinte nach einer Woche zu mir: “ Du, die da drüben (meine Mutter) heult immer noch wegen dir“. Für sie war das Thema offenbar nach einer Woche abgehakt, sie hat sich ernsthaft darüber gewundert, dass es das für mich und sogar meine Mutter nicht ist.

Ernsthaft- sie konnte es nicht nachvollziehen dass für mich nach einer Woche meiner Todesdiagnose nicht alles beim Alten war. Man kann das wahrscheinlich nicht glauben, wenn man das liest, aber es war wirklich so, ich habe das Unverständnis in ihrem Gesicht gesehen.

Seitdem habe ich viel Unverständnis gesehen, in den Gesichtern meiner Familie und spüre diesen auch in meinem. Es ist als würden wir in komplett verschiedenen Welten leben und alles was bei mir richtig ist, ist dort falsch und umgekehrt.

Ich hatte schon versucht viel von Ihnen fernzuhalten, als ich noch dem irrigen Glauben anheim lag, meiner Familie würde irgendetwas an mir liegen. Inzwischen denke ich so nicht mehr. Glaube ich wirklich nicht. Es war jetzt auch gar nicht so, dass ich meine Eltern oder Geschwister jede Woche gesehen oder gesprochen hätte oder gejammert habe, oder oder… Ich habe schon versucht, dass für mich zu verarbeiten und sie wenig zu belasten. Allerdings waren schon Kleinigkeiten eine große Belastung für sie. Als ich zum Beispiel von einem Medikament sonnentoxische Reaktionen bekam und unter starken Schmerzen und Ausschläge litt, sobald ich in die Sonne kam, kamen blöde Reaktionen, als ich bat im Schatten sitzen zu dürfen. So ein „muss die wieder sofort ihre Krankheit raushängen lassen“ – Blicke. Es gab bei jedem Treffen mit meinem Bruder und meiner Schwägerin solche Reaktionen auf meinen inzwischen eben weitreichenden Abbau meines Körpers. Mir wurde unterstellt, dass ich mich anstelle, das ich übertreibe :“Ach du findest das Kortison so schlimm und du hast so krasse Nebenwirkungen? Also, ich nehme ja seit Jahrzehnten Asthmaspray, da ist auch Kortison drin, aber ich habe da keine Nebenwirkungen von.. – Ja, danke für das Gespräch.

Das Ganze ist ja dann eskaliert, wie hier bereits vor zwei Jahren beschrieben und das hat mich sehr getroffen. Es hat mich auch zu einem Zeitpunkt getroffen, an dem es mir körperlich sehr schlecht geht und ich mich auch in lebensgefährlicher Situation befand. Das war bekannt, aber das hat trotzdem niemanden in meiner Familie dazu bewegt, mit mir das Gespräch zu suchen, geschweige denn sich auch mal schützend vor mich zu stellen. Niemand, der die Frage gestellt hat, was soll das hier eigentlich? Warum? Was passiert hier? Ich habe es ja sogar selbst versucht, aber wurde von meinem Bruder kurz abgekanzelt und weggewischt. Sehr getroffen hat mich, dass meine Schwester kurz nach diesen krassen Ereignissen, zu einem Zeitpunkt als ich noch gerätselt habe, was hier überhaupt gerade passiert, mich gebeten hat, von den regelmäßigen Treffen der Frauen in der Familie fern zu bleiben. Sonst würde ja meine Schwägerin fern bleiben und dann auch meine Nichte und das wäre ja zu schade…

Ein dreiviertel Jahr später bin ich noch einmal sehr in mich gegangen. Soll ich noch mal das Gespräch suchen? Soll ich versuchen zu erklären, wie sehr mich diese Intrigen und Attacken getroffen haben? Dann dachte ich, selbst wenn sie es nachvollziehen würden, selbst wenn sie sich entschuldigen würden… Möchtest du wirklich mit diesen Menschen, die dir so deutlich gezeigt haben, wie gleichgültig du ihnen bist, je wieder etwas zu tun haben?

Heute sieht es so aus: seit ca. drei Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu meinem Bruder und seiner Familie, sie haben nie ein Gespräch zu mir gesucht. Seit einem Jahr habe ich keinen Kontakt mehr zu meiner Schwester, die fröhlich jede Party in der Familie mitnimmt und ganz viel Verständnis 😉 für mich hat, dass ich nicht kommen möchte… Mein Vater ruft mich einmal im Monat an, erzählt mir, was er gerade bastelt, fragt, ob der Arzt was Neues gesagt hat. Wenn ich dann sage, Ja, ich habe jetzt eine schwere Niereninsuffizienz, ja ich habe neue Metastasen, ja, ich kriege wieder Bestrahlungen… Dann ist seine Antwort: „Och… uns sonst so?“ Meine Mutter same, bloß das sie mich nur ein oder zweimal im Jahr anruft. Die Gespräche dauern ca. 7 Min. Ich war seit der Zeit auch nicht mehr in meinem Elternhaus, abgesehen davon, dass ich auch gar nicht eingeladen werde. Es gab ein, zwei Versuche mir zu erklären, dass ich mich irgendwie anstelle und niemand wüsste, warum ich überhaupt sauer wäre, und so…

Das war für mich ein sehr schwerer Prozess, den mir da meine Familie zusätzlich zu meiner Krebserkrankung aufgebürdet hat. Ich war ein Jahr wahnsinnig traurig und wütend, habe mich im zweiten Jahr etwas berappelt und brauchte die Zeit, um das Ganze auch wirklich zu glauben. Und jetzt bin ich an einem Punkt, es zu glauben und mich auch emotional von diesen psychischen Krüppeln zu lösen.

Ich war mit 18 schon einmal beinahe an diesem Punkt, damals hätte ich auch beinahe den Kontakt zu meiner Familie gelöst, habe es dann doch nicht gemacht. Meist sagt man, man soll den Dingen noch eine Chance geben aber jetzt denke ich, das war ein Fehler. Hätte ich damals schon einen klaren Schlussstrich setzten können, ich glaube für mich, für meine persönliche Entwicklung wäre das besser gewesen. Aber was ich damals versäumt habe, dass kann ich heute richtig machen.

Wie jeder andere Mensch auch, habe ich das Bedürfnis nach einer Familie, nach Menschen, die mich bedingungslos lieben und mich wertschätzen, die für mich da sind und mir beistehen. Die sich auch an mich wenden, wenn sie Hilfe brauchen und mir genauso bedingungslos ein Zuhause bieten, wie ich für sie. Aber ich hatte diese Familie nie. Es gibt diese Familien, da bin ich mir sicher, Menschen, die einander wichtig sind, aber ich habe so etwas nie kennengelernt.

Es gibt solche Menschen in meinem Leben, aber von meiner Ursprungsfamilie gehört keiner dazu.

Meine Eltern haben mich mein ganzes Leben in Stich gelassen und waren nicht für mich da. Eigentlich ganz schön dumm von mir zu glauben, dass sich etwas daran geändert hätte, nur weil ich schwer erkrankt bin. Es gab immer nur Fassade und dahinter, nichts. Alle was ich heute kann und bin und habe, habe ich trotz ihnen und nicht wegen ihnen. Und auch die Wertvorstellungen, die moralischen Einstellungen und die Verantwortlichkeit habe ich mir selbst zu verdanken. Und letztendlich war ich immer ein anderer Mensch, wenn ich in der Nähe meiner Familie war. Ich konnte nicht ich sein, ich konnte nicht aufhören, immer in Hab-Acht-Stellung zu stehen, weil schon immer aus jeder Ecke, jederzeit Verletzungen kommen konnten.

Mein Vater hat mich vor einem halben Jahr gefragt, warum ich denn den Kontakt zu meiner Schwester abgebrochen hätte, sie würde so leiden… (ja, genau). Ich habe ihm ganz freundlich und ruhig erklärt, dass ich in meiner Situation wirklich eine Familie gebraucht hätte, die für mich da ist und mich unterstützt und die mir beisteht, aber dass ich so eine Familie nun mal nicht habe. Er sagt: „Ja, stimmt.“

Meine Familie spielt Familie, sie feiern sich immer ganz groß für ihren Zusammenhalt und ihre Nähe (inklusive Handyvideos, wie irgendjemand vor Freude in Tränen ausbricht, wenn es ein tolles Geschenk gab), aber echte Gefühle gibt es da nicht. Da ist ein Haufen herzloser Menschen, die noch nie so etwas wie Empathie, Mitgefühl oder Selbstlosigkeit erlebt haben. Und die sich gegenseitig ständig schlimme Dinge antun. Das ich mich nicht mehr dazu zähle, ist eine gute Sache und ich merke, wie ich immer mehr der anständige Mensch sein kann, der ich sein will. Noch gestehe ich meinen Eltern ihre gelegentlichen sieben-Minuten-Anrufe zu, die, vermute ich, dazu dienen, ihren Bekannten versichern zu können, dass sie noch Kontakt zu mir haben und genau wissen, wie es mir geht. Aber ich denke früher oder später werde ich mir das auch nicht mehr antun.

Und das ist gut so.