Auf Reisen

Ich bin mal wieder unterwegs, diesmal fahre ich mit dem Schiff entlang der norwegischen Küste hoch ans Nordkap und wieder zurück nach Bergen. Angereist sind wir über Oslo und dann mit dem Zug hoch in die Berge auf fast 2000 m und wieder runter an die Küste, wo wir in Bergen an Bord gegangen sind. Das ist in echt genauso spektakulär, wie es sich anhört. Norwegen ist wunderschön.

Jemand hat mich über diesen Blog mal gefragt, wie geht das eigentlich, Reisen in deinem Zustand? Wenn man meine Diagnose liest, Krebs, Stadium 4, Metastasen, Lungenentzündung, dann meint man, ich müsste bettlägerig sein. Wenn man mich sieht, vergessen viele meine Diagnose, weil man es mir kaum anmerkt. Die Wahrheit liegt dazwischen. Früher hätte ich mich bei meiner Arbeitsstelle gemeldet und gesagt, ich bleib heute mal zuhause, mir ist nicht gut. 😁

Bei mir ist inzwischen aber längst angekommen, dass „mir ist nicht so gut“ der Dauerzustand ist und nicht mehr weg geht. Das ist eher mein neues „es geht mir gut“. „Es geht mir gut“ bedeutet, mir ist etwas schwindelig, ich habe immer wieder zwischendurch Bauchschmerzen und Sehstörungen, Muskelschmerzen, Muskelschwäche, Kreislaufprobleme, Verdauungsstörungen (mal weniger, mal mehr 😣) ich bin müde und nach einem anstrengenden Tag bekomme ich etwas, was ich Hirnklabaster nenne. Vor einigen Jahren habe ich mal so einen Videomarathon mit einer Freundin veranstaltet. Nach gut neun Stunden 😁 Serien gucken, war mein Hirn vollkommen überreizt, es fühlte sich an, als könnte man darauf Spiegeleier braten. Ich ertrug keinerlei Reize mehr, weder visuell, noch akustisch. Das habe ich heute nach einem Tag, an dem ich vielleicht vormittags 2 Stunden gearbeitet habe, mittags einkaufen war, am Nachmittag noch einen Kaffee mit einer Freundin getrunken und anschließend noch irgendeine Kleinigkeit erledigt habe. Am frühen Abend kann ich mich nur noch in die dunkle Stille legen und meinem Hirn beim Brutzeln zuhören.

Und wie kann man so reisen? Ganz gut, mit etwas Unterstützung vom besten Ehemann von allen 😊 . Vor meiner ersten Reise hatte ich wirklich Angst, zwei Monate davor hatte ich große Zweifel und habe schon bereut, die Reise gebucht zu haben. Aber dann ging alles ganz gut. Vor allem natürlich, weil d.b.E.v.A immer Pausen macht wenn ich es brauche und nicht genervt ist, wenn wir zwischendurch mal mehr vom Hotelzimmer als von allem anderen sehen. Manchmal sind wir unterwegs und dann möchte mein Körper nicht mehr so, wie ich gerade will. Übelkeit, Schwindel, Schmerzen. Dann nehme ich den Arm vom besten Ehemannes, lehne mich an und sag ihm, jetzt bitte mal ganz langsam. Und während ich mich darauf konzentrieren einfach einen Schritt vor den anderen zu setzen und tief ein- und auszuatmen, währenddessen kriegt sich mein Körper irgendwann wieder ein. Das dauert meist so 20 min und dann geht’s weiter.

Inzwischen ängstigt mich Reisen nicht mehr, ich weiß, es geht schon irgendwie und ich buche ja auch keine Raftingtouren, sondern halte eher nach den Seniorenvarianten Ausschau.

Und warum reise ich eigentlich so viel? Ich hab fast jedes Jahr Urlaub gemacht, war aber nie jemand, der Reisen zu seinem geliebten Hobby erklärt hätte. Jetzt bin ich wirklich oft unterwegs. Ich war in diesem Jahr schon in Rom, jetzt Norwegen, im Juni Amsterdam, Juli Greetsiel, im September Allgäu, im November Kanaren. .. Wow

Als Rentner habe ich natürlich erst mal mehr Zeit, von meiner Rente bleibt im Monat auch noch etwas übrig und wir sind natürlich auch zu zweit, ohne Kinder, ohne Auto.

Ich habe da aber auch noch einen anderen Verdacht. Immer wenn ich verreisen, dann fällt auch ein klein bisschen Lasten von mir ab. Ich bin dann aus meiner Welt und der Krebs, der bleibt auch Zuhause. Jedenfalls ein großes Stück vom Krebs, der Teil, der immer flüstert: diese Kopfschmerzen, das sind sicher neue Hirnmetastasen, hast du dem Arzt mal gesagt, dass du neuerdings immer so Schmerzen in der Hüfte hast? Und da, wo du neulich solche Krämpfe hattest, sitzt da nicht die Leber? Da musst du dich darum kümmern, das musst du alles im Auge behalten, pass bloß auf, der Krebs selbst hat sich ja auch unbemerkt angeschlichen.

Ja, aber jetzt hab ich Urlaub, da muss ich auf gar nichts aufpassen, außer einen Schritt vor den anderen zu setzten. Und alles was da ist und kommt, das muss eben warten, mein Arzt ist weit weg. Das hat Zeit.

Ich bin jetzt raus 😊

Krebs und Poesie ?

sprichBILDQUELLE:© IVECTOR, FOTOLIA.COM

Wie geht das denn zusammen? Hab ich mich auch gefragt und war am Weltkrebstag beim Poetry Slam zum Thema Sprich mit mir über Krebs.

Ich war etwas skeptisch, wie man so ein schwieriges Thema auf die Bühne bringen will, so, dass es zum Lachen ist, vielleicht auch zum weinen, aber das bitte nicht auf der Bühne. Manches war schwer auszuhalten, vieles hat mich und meine Krebskollegin mit der ich da war sehr berührt.

Unglaublich, die haben das so gut gemacht, aber seht selbst, bitte:

Das Ganze war übrigens organisiert von der Krebsgesellschaft NRW und hier gibt es noch weitere Infos:

http://www.krebsgesellschaft-nrw.de/was/b_projekte/Sprichmitmir

Schwimmen lernen 2

Wie ein Brocken im Hals liegt mir das letzte halbe Jahr und den muss ich jetzt aushusten, damit ich weitermachen kann, mit allem. Bevor ich irgendetwas anderes schreiben kann, muss erst noch diese ganze Geschichte zu Papier gebracht werden, raus aus meinem Kopf, in die Akten, in den großen fetten Ordner mit der Aufschrift SO ISSES!

Ich bin aus dem Krankenhaus entlassen, mein Mann und ich erzählen meiner Familie dass ich an Krebs sterben werde. Die erste Reaktion meines Bruders: „Tja, hättest du mal nicht so viel geraucht.“

Eine Woche, nachdem ich die Diagnose bekommen habe, dass ich Lungenkrebs im Endstadium habe und wahrscheinlich nur noch wenige Wochen leben werde, sitze ich auf der Terrasse meiner Schwägerin. Sie erzählt mir lachend, dass meine Mutter immer noch wegen mir rum heult…

Dank meiner Eltern habe ich nach einem Jahr einen kleinen Pudel, der fortan an meiner Seite ist, er ist mein kleiner Sterbebegleiter, er fordert mich, er will dass ich mich bewege, wenn ich nach schlechten Nachrichten aus dem Krankenhaus nach Hause komme, dann soll ich gefälligst mit ihm spielen statt zu weinen. Meine Eltern werden ihn nach meinem Tod aufnehmen und sie betreuen ihn, wann immer ich verreisen möchte und ihn nicht mitnehmen kann. Sie wollten nie einen Hund, sie tun das für mich. Sie lassen sich auf Elvis ein und gehen eine Beziehung zu ihm ein. Wer einen Hund hat, weiß, das ist fast ein kleiner Kinderersatz. Ich bin so froh, dass für ihn nach meinem Tod gesorgt ist. Meine Schwägerin sagt zu meinen Eltern, mein Hund gehört nicht hierher, er ist nur ein Gast hier, ihr eigener Hund hätte im Haus meiner Eltern Hausrecht, er wäre schon viel länger hier. 

Vielleicht hat mein Bruder seine erste Reaktion bereut, er fragt mich jedesmal, wenn wir uns (mal) sehen, wie es mir geht. Dieses „wie geht es dir“ mit dem ernsten Unterton. Ich sage gut. Er sagt gut. Dann wechselt er schnell das Thema. Danke für dein ehrliches Interesse. Nicht.

Ich war mal sehr sportlich, 5 mal die Woche habe ich trainiert, Laufen und Muskeltraining abwechselnd. Schnell habe ich zugenommen, nachdem ich wegen einem ausgeprägten Hirnödem sehr starkes Cortison über zwei Monate zu mir nehmen musste. Ich habe Schmerzen, Tag und vor allem nachts, weil die Medikamente gemeine Muskelschmerzen und Muskelschwäche auslösen. Ich bin 95 Jahre und schleppe mich im Park von einer Bank zur nächsten. Meine Schwägerin erzählt mir, dass sie jetzt läuft. Jeden Tag, 3 km, das tut so gut, sie fühlt sich so fit, sie hat abgenommen. Jeder sollte das mal versuchen, wirklich. Sie erzählt mir das über 6 Monate lang, jedes Mal wenn wir uns sehen.

Weihnachten. Ich und meine Eltern, mein Mann, meine Schwester, ihr Freund. Nebenan im Haus mein Bruder, seine Frau, die drei Kinder, die Schwiegereltern. Zum Nachtisch sollen wir zusammen treffen. Wir sind nicht so schnell, drüben wurde schon um 18 Uhr gegessen und jetzt ist die gemeinsame Bescherung geplant. Wann kommen wir endlich? Wir haben grad mit dem Essen angefangen. Ein einstündiger Telefonterror beginnt, immer wieder ruft sie an. Sind wir jetzt bald fertig? Ihr schön geplantes Weihnachtsfest steht wahrscheinlich auf dem Spiel. Es soll alles perfekt sein. Sie schickt ihre Tochter vorbei während wir noch essen…  schließlich können sie doch nicht abwarten und machen die tränenreiche, rührende Bescherung eben ohne uns. Sie haben es zum Glück gefilmt. Als immerwährende Erinnerung an ihr perfektes Weihnachten…. 

In ihrer Nachbarschaft ist eine Frau an Krebs gestorben. Sie erzählt ganz sachlich, auch dass der Mann kurz nach dem Tod mit der Frau abschließt, sich verabschiedet und dann ist gut. Auf eine kurze Nachfrage erzählt sie mir gerne (habe ich wirklich das Gefühl dabei) in epischer Breite von dem Krebstod und Umgang des Ehemannes damit. mit sichtbar guter Laune, total abgeklärt. So als wäre nichts dabei. So als wäre das nicht meine eigene Geschichte. Wenn ich etwas von meiner eigenen Geschichte erzähle, wenn es nur eine Anekdote aus dem Krankenhaus ist, dann wird betreten geschwiegen und auf die Erde geguckt. Als ob ich grade irgendwas total peinliches sage. In dieser Situation habe ich das erste mal im Kopf: Das macht sie extra. Das sind alles keine Zufälle oder Gedankenlosigkeit, sie macht das wirklich extra um mir weh zu tun. 

Ich war mein ganzes Leben für meinen Bruder und für meine Schwägerin da. Als die beiden sich in jungen Jahren getrennt haben, da habe ich meinen Bruder bei mir aufgenommen. Sechs Wochen habe ich mir die Litanei seines Liebeskummers angehört und versucht ihm Mut zu machen und für ihn da zu sein. Als alle aus der Familie meine Schwägerin schnitten, weil sie abgehauen ist und einen neuen Freund hatte, da habe ich mich ein paar mal mit ihr getroffen. später sagte sie, ich wäre die einzige aus der Familie gewesen, die für sie da gewesen wäre. Als sie Probleme mit den Kindern hatten, habe ich alles stehen und liegen lassen, bin hingefahren, habe mich gekümmert.

Ich kann mir sicher ein paar Dinge vorwerfen lassen. Ich bin manchmal ein Grinch, wenn der Kitsch in dieser Pinterest-Familie zu groß wird. Wären wir nicht verwand, wir hätten wahrscheinlich nichts miteinander zu tun, viel zu groß sind die Diskrepanzen, unsere Werte, unsere Vorstellungen von einem guten Leben. Dieser Lebensentwurf ist eher das Gegenteil von dem, was ich als erstrebenswert ansehe. 

Aber ich kann wohl sagen, dass jeder immer auf mich zählen konnte. Ich habe niemals jemanden in Stich gelassen, ich habe immer geholfen. Ich habe unterstützt,  wenn es gebraucht wurde, ich war immer da. 

Im Frühling erzählen mir meine Eltern, dass sie sich einen neuen Wohnwagen kaufen möchten. Den alten großen Familienwohnwagen möchten sie loswerden, sie wollen was kleines. Mein Mann und ich verabreden uns mit ihnen für die Caravan-Messe. Wir sind auch jedes Jahr da, auf der Tour Natur. Wir wollen gemeinsam nach einem Wohnwagen gucken, das macht Spaß, denke ich. 

Als wir dort ankommen, sind auch mein Bruder, meine Schwägerin, die beiden Töchter und der Freund meiner Nichte dort. Ich freue mich. Ich gehe mit meinem Mann erst auf die Tour Natur, die anderen gehen zusammen los. In der Mittagspause treffen wir uns wieder. Wir sitzen draußen, essen etwas, meine Schwägerin fragt mich, wie ich es finde, dass meine Schwester schwanger ist. Sofort höre ich an ihrem Ton worauf sie aus ist. Sie fragt nicht, wie es mir damit geht, weil ich ja eigentlich selbst Kinder haben wollte. Es interessiert sie nicht, ob ich damit gut umgehen kann, ob es mir schwer fällt. Sie zielt auf ein Gespräch ab, dass ich zwei Tage zuvor mit meiner Schwester und meiner Nichte auf meinem Balkon hatte. Meine Nichte hat ihr offenbar davon berichtet und ihrem Ton nach zu urteilen, hört sie ein Potential heraus, etwas gegen mich verwenden zu können. Dies ist tatsächlich mein spontaner Eindruck, in der Sekunde, in der sie ihre Frage stellt. Diesen Gedanken habe ich. Aber hintenrum ist nicht meine Sache. Ich sage ihr fast wortwörtlich was sie hören will, so wie ich es meiner Schwester auch gesagt habe, die dabei nur gelacht hat. Dass ich mich bei ihren ganzen bekloppten Ideen die sie hat, auf jeden Fall die nächsten neun Monate am besten ganz aus ihrer Schwangerschaft raushalte. Weil ich mich sonst nur aufrege. Im Nachhinein muss ich dazu sagen, dass mir das raushalten insbesondere bei ihrer Namenswahl nicht wirklich gelungen ist, aber erstens war es nur für das Wohl des Kindes ( 😉 ) und zweitens ist meine Schwester so geduldig und langmütig wie stur. 

Meine Schwägerin nickt befriedigt und sagt nichts mehr. Das wollte sie offenbar hören. Wie es mir geht interessiert sie immer noch nicht. 

Nach der Pause gehen wir zusammen Wohnwagen gucken. Dabei gibt es ein Problem. Meine Schwägerin will nicht, dass meine Eltern sich einen kleinen, sondern einen großen Wohnwagen kaufen. Weil sie in Zukunft ganz viele Enkel mit in den Urlaub nehmen sollen. Glaube ich. Die es nicht gibt. Aber die kommen dann ja alle und wenn die groß genug sind und meine Eltern dann bald auf die 80 zugehen, sollen die alle mit. Deshalb brauchen die einen großen Wohnwagen. Ich gucke weiterhin nach kleinen Wohnwagen. Ich sage das auch. Meine Eltern gucken auch nach kleinen Wohnwagen, aber sie sagen das nicht, sie sind bei solchen Dingen eher die Nichts-Sager. Die Familie meines Bruders versucht sie mit Nachdruck zu einem großen Wohnwagen zu überreden, ich sage auch nicht mehr viel dazu. Ich suche die kleinen. Plötzlich brechen sie auf, gehen alle, verabschieden sich freundlich. Ich bin verdutzt, aber gut.

Meine Eltern und mein Mann, wir gehen noch in die letzten Hallen. Und da stehen ganz tolle Wohnwagen, kosten fast die Hälfte von dem, was wir bisher gesehen haben. Und sie sehen gut aus. Gefällt meinen Eltern. Sie werfen nicht einen Blick in einen größeren Wohnwagen, interessiert sie gar nicht. Ich frage meine Eltern Und? Mein Vater, hm, ja , also eigentlich wollten wir ja erst nächstes Jahr einen kaufen. Ich frage warum? Und meine Mutter sagt, ja warum eigentlich? Sie überlegen, sie lachen, sie kaufen, sie freuen sich. Ich schreibe per What´s App den Verlauf. Das es hier einen Wagen gibt, der in Frage kommt. Keine Reaktion. Dass sie überlegen, ob sie ihn kaufen sollen. Keine Reaktion. Dass sie ihn gekauft haben. Keine Reaktion. Dass sie sich freuen. Keine Reaktion. 

Ich erfahre dann später, dass sie da alle schon im Garten sitzen, sich die Köpfe heiß reden, ich wäre es schuld, ich hätte sie überredet, sie wollten gar keinen Wohnwagen kaufen, nur wegen mir haben sie diesen gekauft etc etc. Ich weiß nicht, was noch für böse Worte gegen mich fallen. Selbst der Freund meiner Nichte erblödet sich nicht, den Kommentar abzugeben, dass ich ja voll genervt hätte mit der Suche nach einem kleinen Modell. Da sitz der Clan und wartet auf meine Eltern. Die kommen nach Hause und werden angeschrien. Wie können sie nur, alles wegen mir, sie sollten nicht, wollten nicht, durften nicht einen Wohnwagen kaufen (ohne Erlaubnis meines Bruders und meiner Schwägerin offenbar). Sie reden, überreden, verunsichern. meine Eltern, eben noch froh sind jetzt traurig. Gehen nach Hause. Meine jüngste Nichte kommt rein. Oh wie schade, sie kann ja jetzt gar nicht mehr mit in den Urlaub fahren, der Wohnwagen ist ja jetzt viel zu klein ( Anm. d. Red. Es sind drei Schlafplätze im Wohnwagen vorhanden). Aber es ihr leider viel zu klein. 

Meine Eltern grübeln, haben sie einen Fehler gemacht? Nein, entscheiden sie am nächsten Tag. Alles gut so. 

Ich höre erst zwei Tage später Andeutungen davon, sie dürfen mir nichts davon erzählen eigentlich. Das dort die ganze Zeit gegen mich gehetzt wird, dass sie meinen Eltern die Freude an ihrer Anschaffung kaputt machen. Ich rufe meinen Bruder an, ich möchte das ruhig klären. Möchte sagen, dass ich zu nichts überredet habe ( möchte nicht sagen wer hier versucht hat zu überreden). Ich werde von meinem Bruder in 30 Sek. abgespeist „Ja wenn du meinst“ „ist ja jetzt gelaufen“ „Tschüss“. Ich weine nach dem Telefonat, bin auch abends noch fassungslos, als mein Mann nach Hause kommt. Er tröstet mich. 

Der Terror meines Bruders und meiner Schwägerin geht weiter, sie kommen in die Wohnung meiner Eltern, schreien sie an, bis meine Mutter weinend aus dem Zimmer läuft. Aber immer noch ändern sie nicht ihre Meinung. 

Ein paar Tage später, mein Vater ruft mich an. Ich muss dich etwas fragen. Eigentlich darf ich dir nichts sagen, aber ich kann mir das einfach nicht vorstellen bei dir. Deine Schwägerin war gerade da. Ich weiß ja, dass du auch gerne Kinder gehabt hättest. Und wir hätten uns ja auch gefreut, wenn wir eine Enkelkind von dir bekommen hätten. Und die Situation jetzt ist bestimmt nicht leicht für dich. Aber deine Schwägerin hat gesagt, du hättest gesagt, dass du deiner Schwester die Schwangerschaft zur Hölle machen/ richtig schwer machen/ kaputt machen würdest (Anm. genauer Wortlaut hier, ist mir vor schock leider nicht mehr in Erinnerung).

Nein, sage ich, habe ich nie gesagt, würde ich niemals sagen, geschweige denn tun. Mein Vater sagt, dass konnte ich mir auch nicht vorstellen. 

Ich kann nach dem Telefonat gar nichts mehr denken. Ich weiß nicht was ich denken soll. Ich finde das eben gehörte so abwegig, dass ich gar nicht sauer bin, ich gar nichts mit dieser Information anfangen kann. Ich verstehe das nicht. Ich kann dazu nichts sagen. Auch weil meine Eltern ja nichts sagen dürfen, weil sie sonst wieder Ärger kriegen. Ich weiß wie das aussieht, ich habe das schon einmal miterlebt, aber das ist eine andere Geschichte. 

Ich weiß nicht was los ist. Der Monat vergeht, ich habe keine Medikamente, die alten wirken nicht mehr, die Beschaffung neuer zieht sich hin. Eine lebensgefährliche Situation für mich. Von meinem Bruder, seiner Familie kommt …. nichts. Wahrscheinlich sind sie noch damit beschäftig mir zu verzeihen, dass ich meinen Eltern einen viel zu kleinen Wohnwagen aufgedrängt habe. 

Weitere Wochen vergehen, keine Medikamente, keine Reaktion. 

Ich grüble derweil, halb nur, die andere Hälfte von mir macht sich zunehmend Sorgen wegen der medizinischen Situation. Ein großer Druck baut sich auf, der Tod ist mal wieder zum Greifen nah, auch wenn es Aussicht auf die Medikamente gibt. Aber wo sind sie? Nicht in meiner Hand. 

Eine Nachts wache ich auf und mir ist auf einmal klar, dass meine Schwägerin wirklich und wahrhaftig zu meinen Eltern gegangen ist und ihnen unfassbare Lügen über mich erzählt hat, mit dem Ziel, dass sie sich von mir distanzieren. Sie wollte die Eltern und ihre sterbende Tochter auseinanderbringen. Sie wollte meinen Eltern die letzte Zeit mit mir nehmen, sie wollte dass ich alleine sterbe. 

Im Nachhinein seltsam, dass ich so lange gebraucht habe, um das zu realisieren. Aber für mich so unfassbar, ich weiß auch nicht, ich kann es nicht erklären. Die Erkenntnisse kommen mir Stück für Stück. Das sie die Tatsache, dass ich wegen meiner Krebserkrankung keine Kinder bekommen kann, gegen mich einsetzt. Das sie versucht, mir daraus einen Strick zu drehen. An der Stelle, wo ich Mitgefühl und Verständnis erwartet habe ist nur Böses. 

Wir waren schon lange zu einem Familien- Termin verabredet, gleichzeitig ein Geburtstagsgeschenk für mich. Ich sage anderen Bescheid, dass ich nicht kommen kann. Sie schreibt mich an, ob sie den Termin verschieben sollen. Ich schreibe ihr, dass ich denke, dass sie, mein Bruder und ich mal eine kleine Beziehungspause brauchen. Dass sie sich keine Gedanken wegen dem Geschenk machen soll. Ich schreibe vorsichtig, weil ich immer noch nicht fertig bin mit, es fassen können und grübeln (und mir Sorgen wegen des Medikaments machen). Keine Reaktion mehr, bis heute. Nie wieder was von ihr gehört.

Mein Bruder kommt zum Geburtstag meines Mannes, zaghaft, fragt wie es mir geht. ich habe bei so vielen Gästen keine Zeit mit ihm diese Sache zu klären, er sagt nichts. Meine Schwägerin, meine Nichten sind in London. Immerhin, ich rechne es ihm hoch an, dass er kommt. Jetzt frage ich mich: warum eigentlich?

Auf einem Geburtstag meiner Nichten sehe ich meine Schwägerin wieder, nur kurz bei der Begrüßung, sie sagt Hallo, ich sage Hallo, sie sagt, hey du hast ja dunkle Haare, ich sage ja und gehe woanders hin. Auch nicht gerade der Ort und die Zeit für ein Gespräch. Aber ich bin inzwischen auch wirklich sauer. Die Wut ist endlich bei mir angekommen. Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Wie kann man? Wie geht das? Wieviel Niedertracht und Boshaftigkeit muss in deinem Charakter sein, um so etwas fertig zu bringen? Das alles?

Meine Eltern, meine Schwester sagen, da hat sie bestimmt nicht drüber nachgedacht, das hat sie bestimmt nicht so gemeint, so weit denkt die gar nicht… Ich rede mit meinem Mann darüber, die ganze Zeit über versichere ich mich bei ihm, liege ich falsch? Er ist deutlich rationaler als ich, er sagt nein, du hast recht. Nach und nach erzähle ich auch Freunden die Geschichte. Zuerst habe ich nichts gesagt, ich habe mich zu sehr für meinen Bruder und meine Schwägerin und meine Nichten geschämt. Diese ganze lächerliche Wohnwagengeschichte und wie sie meine Eltern fertig gemacht haben, war mir peinlich. Was, sagen meine Freunde, nie wieder würde ich ein Wort mit der reden und finden dann aber viele, ganz andere  Worte für sie. 

Ich beschließe, dass ich nichts mehr verheimlichen muss und lügen muss ich auch nicht für sie. Wer glaubt wirklich, dass ihr Verhalten nicht gemeine Absicht war und das schon die ganze Zeit. Dass sie schon, seitdem ich erkrankt bin, versucht mir zu schaden? Ich habe ja auch lange gebraucht, um das zu begreifen, ich kann nur noch sagen, Taten sprechen mehr als Worte. Und ein Mensch, der so etwas tut, das ist kein netter Mensch (liebe Schwester) man kann nicht so etwas tun und gleichzeitig doch eigentlich ganz nett sein. Das geht nicht. 

Sieben Monate sind vergangen, ich habe nichts gehört, von niemandem. Mein Bruder trifft meinen Mann manchmal auf einem Männerabend, dann fragt er natürlich pflichtschuldig wie es mir geht. Ich denke, es interessiert ihn eigentlich einen Scheiß. (Entschuldigung) 

Das sind Wahrheiten, die ich begreifen muss. Dass es da kein Zurück mehr gibt, das es da keine große Familie gibt, die hinter mir steht. Das hat meine Schwägerin (hauptsächlich) kaputt gemacht. Oder ans Tageslicht gebracht. Das da vielmehr Menschen sind, die hinter meinen Rücken daran arbeiten mir zu schaden. Die sich kein Stück für mich interessieren. Die mir die Zeit, die ich noch habe schwer machen. Denen ich auf gar keinen Fall vertrauen kann. Die einfach allesamt riesengroße gemeine Arschlöcher sind. 

Und das ich loslassen muss. 

Schwimmen lernen

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So.

6 Wochen ohne Medikamente. 6 Wochen ohne zu wissen was wird, geschwommen, ohne ein Ufer in Sicht. Von Tag zu Tag schwindet die eigene Zuversicht. Schwierige Zeit.

Ich habe die Reißleine gezogen, mich an die Experten an der Uni Köln gewandt, um Zweitmeinung gebeten und auch innerhalb von 24 Stunden bekommen. 3 Tage später konnte ich meinen Onkologen dann ein Rezept abringen, anders kann man es leider nicht sagen. Mein Onkologe ist nett und er weiß auch wirklich viel, auch über meine spezielle Krankheit. Leider holt er sich keine Hilfe, wenn er mal etrwas nicht weiß, das weiß ich jetzt. Gut dass Köln da ist, gut dass Köln so nah ist, dass ich jederzeit ganz dorthin wechseln kann. Jetzt steh ich erst mal da und die Metastasen konnten sich in ganzen 6 Wochen ungehindert in meinem Körper ausbreiten. Das ist schlecht. Zwischendurch denke ich, was wäre wenn… ich diesmal so viele Hirnmetastasen habe, dass ich eine Ganzkopfbestrahlung brauche? Ich so wenige habe, dass sie wieder Löcher in mein Hirn schießen wollen? Diese stechenden Schmerzen an der Hüfte Knochenmetastasen sind?  Und mein rechter Fuß? Werde ich wieder zu Kräften kommen oder bleibe ich jetzt so geschwächt?

Och, mal sehen…

Mit dem neuen Medikament werden die Fragen erst mal weniger drängender aber ich spüre trotzdem, dass in meinem ganzen Körper eine ANSPANNUNG bleibt. So stark, dass sie nur groß geschrieben werden kann. Als hätte ich was Wichtiges vergessen..

So, als wäre ich unterwegs und dann fällt mir ein, dass ich vielleicht das Bügeleisen angelassen habe. Habe ich die Herdplatte ausgemacht? Den Backofen? Liegt die Schokolade noch auf dem niedrigen Couchtisch und der Hund ist alleine zuhaus? Habe ich alle Kerzen ausgepustet? Kommt ein Sturm auf und das Fenster steht noch sperrangelweit offen? Alle Gäste sind schon da,wo bleibt der Caterer? War Antwort B in der Prüfung doch die Richtige?  Habe ich dem Redner gesagt, dass die Veranstaltung doch woanders stattfindet? Sind die Medikamente im Koffer? Und der Reisepass leider auch? War gestern der Geburtstag von…? Habe ich wirklich Krebs und werde daran sterben?

Ja.

And the winner is…

Na ja, fast. Immerhin 2. beim Hunderennen des Hundesportvereins! ELVIS!!

 

Ich habe das Plakat gesehen und ihn einfach mal angemeldet, beim Spaßrennen für Jederhund (außer Windhunde ! 😉  ) Und er hat sich gar nicht schlecht geschlagen mein kleiner Flitzer 🙂 Ganz knapp hat er den 2. Platz gemacht. Go Elvis Go

Und hier noch ein Schnappschuss mit seiner festen Freundin, er ist ja inzwischen schon ein Teenager. Er und Maggie kennen sich vom ersten Tag an, sie sind gleichalt.

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Und was gibt es sonst noch?

Ich warte gerade auf meine Medikamente. Im Augenblick nehme ich gar nichts. So sieht es aus und dass jetzt schon seit mehr als zwei Wochen. Bei meinem Tumor wurde wieder mal eine Resistenz festgestellt, also brauchen wir was anderes. In Deutschland gibt es keine zugelassenen Pillen mehr für mich, in den USA schon. Es wurde ein Antrag gestellt, schon vor vier Wochen und wir warten… und warten…

…und die bösen kleinen Zellen wuseln derweil durch meinen Körper und nisten sich wieder überall ein. So langsam mache ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass das nicht klappen könnte mit den Medis aus den USA. Das bedeutet erst mal eine Chemo und danach Immuntherapie (wobei beides in meinem Fall nicht viel bringt).  Also konkret: Abschied vorbereiten. So. Nicht pessimistisch, aber ich will nicht, dass es mich kalt erwischt. Viel mehr kann ich im Augenblick dazu nicht sagen. Jammern werde ich dann das nächste Mal. 🙂 Echt jetzt.

Die Familienstreitigkeiten befinden sich weiterhin in der Schweigephase, allerdings sind sie etwas in den Hintergrund gerückt, dafür bin ich gerade zu sehr damit beschäftigt mich mit anderen Dingen (siehe oben) auseinanderzusetzten oder nach hinten zu schieben, je nachdem. Ich erlaube mir eine „Beziehungspause“, wie der beste Ehemann von allen vorgeschlagen hat.

Und last but not least:

Meine Schwester ist schwanger! Jippie jea! Ich freu mich für sie, oder, um es in den Worten ihrer Chefin zu formulieren: Wie schön, dass sie sich diesen Wunsch in ihrem Alter noch erfüllen kann 😂😂😂 hehe

Ich musste bei der Nachricht natürlich neben den Glückwünschen für sie, auch erst mal schlucken. Ich hatte auch versucht schwanger zu werden, aber dann erwischte uns schon der Krebs eiskalt. Es war aber nicht die Schwangerschaft konkret, die mir ein wenig den Hals zuschnürte, denn ich bin sehr froh, dass ich mich jetzt nur um mich selbst kümmern muss, mit einem Kind wäre ich überfordert. Vielmehr dieses konkrete Zukunft gestalten, Pläne schmieden, Träume haben, Bilder vor seinem Augen sehen, wie in einem Jahr oder in fünf das Leben aussieht. Das hätte ich auch gern, dafür bräuchte ich kein Kind. Aber es war nach ein paar Tagen schon wieder gut. ich freue mich darauf meine Schwester fett werden zu sehen 😎😉Jeder braucht ein paar Träume 😆

Das Schweigen und die Wut

P.S. PreScriptum: Mal vorne eingeschoben: nächste Woche gibt es spektakuläre Bilder und News von Elvis the Zwergpudel, Versprochen 😉

Das Schweigen und die Wut…

…eine gute Überschrift für die verschiedenen Begebenheiten, die mich in letzter Zeit bewegt haben…

Ich war zuletzt eine Woche in einem Kloster um dort mittels Mediation die Kontrolle über das Universum, äh, ne, über mich selbst zu erlangen (ein kleines bisschen auch das Universum, seien wir ehrlich 😉 ) und ziemlich am Schluss praktizierten wir Stille. Das heißt, wir sollten ab dem Augenblick des ersten Aufwachens morgens im Bett bis zu einem Zeitpunkt am späten Nachmittag nicht sprechen und auch nicht in anderer Form kommunizieren. Kein Lächeln, kein Blickkontakt, keine Mimik, keine Gestik.

Um es kurz zu machen: 30 Sekunden nach dem Aufwachen war ich total wütend, anschließend depressiv, gefolgt von einer großen Niedergeschlagenheit, gefolgt von einem kurz bevor stehenden Amoklauf und einem imaginären Blutrausch durch Raserei. 5 Minuten nach dem Aufwachen hatte ich schon einen Verdacht:

Das war wohl nicht so ganz mein Ding. 🤔

Da ich mit einer Freundin gemeinsam ein Zimmer teilte, kam ich mir selbst schon mindestens grob unhöflich vor sie nicht zu begrüßen, sie anzuschweigen, an ihr vorbei zu sehen. Mit jedem Menschen, dem ich begegnete, verstärkte sich das Gefühl.

Die Dozentin hat diesen Schweigetag leider nicht gut eingeführt und nicht darauf vorbereitet, aber ich vermute, er sollte dazu dienen, sich ganz der Achtsamkeit mit jedem kleinsten Detail des Alltags hinzugeben. Ich erlebte aber nur Assoziationen mit Situationen aus meinem Leben, in denen es um Streit und Aggression ging, wo Menschen nicht mehr miteinander reden und sich beleidigt zurückziehen um den anderen mit seinem Schweigen abzustrafen. Während der Meditation hatte ich das Gefühl der gesammelte Hass aller anwesenden Menschen wird Kübelweise über mich ausgeschüttet… da habe ich das Experiment dann für mich auch endgültig beendet und bin meiner Wege gegangen. Ich habe hinterher gehört, dass ich nicht alleine war mit diesen Gedanken, ganz so ungewöhnlich ist diese Schlussfolgerung also nicht. Ich beschloss, niemals wieder so etwas mitzumachen, niemals mehr Schweigen! Reden ist Gold! Hurra

Ich war noch zwei Wochen lang wütend auf die Dozentin. 🙄😞

Schon bei der Kennenlernrunde erzählte ich, dass ich gerne manchmal besser mit meinen Gefühlen umgehen würde. Ich bin oft beseelt von Dalai Lama-artiger Friedfertigkeit, die aber durchbrochen wird durch ein inneres HB-Männchen. Oder, für die jüngere Generation, die Figur „Wut“ in „Alles steht Kopf“. Das bin ich. Bitte googeln, dann wisst ihr Bescheid 😉 Die Flammen schießen aus meinen Haaren, innerlich. Äußerlich hebe ich nur eine Augenbraue. Ich bin ja schon groß und weiß, dass ich erst mal die Flammen löschen sollte, bevor ich den Mund auf mache. Das ist bloß manchmal gar nicht so einfach. Nie eigentlich. Nie, Nie, nie. Manchmal möchte man einfach die Welt niederbrennen, oder? 🙂 Ach je

Das ist alles nicht einfacher geworden, seitdem ich erkrankt bin, ganz im Gegenteil. Ich habe oft das Gefühl, meine psychischen Ressourcen werden komplett dafür in Anspruch genommen, jedem Tag ausgeglichen, besser noch, positiv gestimmt zu begegnen. Auszuhalten, dass ich ein Alien inmitten von Menschen bin, die Pläne haben, ihre Zukunft gestalten und Sorgen haben, die ich sofort gegen meine eintauschen würde, egal was. Nur auf heute zu schauen und bloß nicht auf übermorgen und mich immer für andere freuen, andauernd irgendwie. Und das kriege ich hin. Sehr, sehr oft sogar, denn ich möchte die Zeit, die mir bleibt nicht traurig sondern überwiegend lachend verbringen. Wenn aber Stress dazu kommt, irgendwelche anstrengenden kleinen, nervigen Sorgen oder sogar Streit, dann merke ich, dafür habe ich keine Kraft mehr übrig. Das ist nichts mehr, was ich noch geben kann.

Und das Schweigen…

Das gibt es gerade bei mir in der Familie. Aus einem völlig nichtigen und albernen Grund wurde Streit angefangen. Also habe ich gehört, dass jemand Streit mit mir hat, da wusste ich das noch gar nicht 😉 denn derjenige, diejenigen haben ja geschwiegen. Versuche der Klärung meinerseits wurden abgeschmettert, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist etwas anderes, dies beschäftigt mich:

Ich habe das Gefühl, hier kommen schon lang gehegte, unterdrückte Aggressionen gegen mich zum Vorschein (anders kann ich mir diesen kleinen grundlosen Amoklauf nicht erklären). Und ich ahnte zwar nichts davon, würde es aber nachvollziehen können, weil es auf meiner Seite auf jeden Fall so ist. Ich muss zugeben, dass ich einigen Personen schon lange innerlich vorwerfe, auf meine Situation keine Rücksicht zu nehmen, mich gar nicht wahrzunehmen, nicht empathisch zu sein. Ein Beispiel: Ich war vor dem Krebs sehr sportlich, 5 bis 6 Mal die Woche habe ich trainiert. Jetzt kann ich mich ohne Schmerzen nicht mehr bewegen, bin müde und habe durch die Medikamente zugenommen. Seit einem halben Jahr berichtet mir „Jemand“ dass sie/er jetzt mit dem Laufen begonnen habe (nach 40 Jahren Unsportlichkeit) und erzählt mir penetrant jedes Mal wenn wir uns sehen, dass er/sie jetzt jeden Tag läuft (einen Bruchteil dessen, was ich früher gelaufen bin) und wie gut ihr/ihm das tut und wie sehr sie/er das empfehlen kann und dass das jeder machen sollte und wie fit sie/er geworden ist. Ähm, ja. Danke.

Von diesen Beispielen hätte ich noch ein paar auf Lager.

Ich habe dazu bisher einfach nichts gesagt. Ich wollte eigentlich nicht, dass irgendjemand das Gefühl hat, man kann nicht offen über alles sprechen, wenn ich dabei bin. Aber ich habe insgeheim eben doch die Erwartung, dass andere Menschen etwas feinfühliger mit mir umgehen und sich ein wenig Gedanken machen. Und wahrscheinlich gab es von der anderen Seite auch Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllt habe. Ich rate mal: keine Sonderstellung in der Familie einzunehmen, mich nicht zu verändern, meine Beziehungen zu einzelnen Familienmitgliedern (z.B. meine Eltern) nicht zu intensivieren, nicht von Tod oder Krankheit sprechen, solange ich noch nicht unmittelbar auf dem Sterbebett liege und überhaupt, mich nicht so anzustellen. Eine Woche, nachdem ich damals meine Diagnose bekommen habe und Stand der Dinge war, dass ich nur noch ein paar Wochen oder Monate hatte, hat „jemand“ sich mir gegenüber über meine Mutter lustig gemacht und fand es unverständlich, dass sie noch nicht darüber hinweg war, dass ich sterben würde…. ????? Und offenbar hat sich an dem Verständnis für meine Person im Laufe der Zeit genauso so viel vertieft – nichts.

Tja, so weit. Es kann also doch sein, dass diese Krankheit trennt, so wie ich es schon oft gelesen habe, aber bisher nicht selbst erlebt. Aber was tun? Wären es Freunde oder Bekannte, ja dann Tschüss, machts gut, schönes Leben weiterhin, Hasta la vista, Baby…

Familie? Schweigen? Wut? Wut. Schweigen. Familie… Kontakt abbrechen? Da sind ja auch noch mehr Menschen betroffen. Ich möchte nicht, dass noch mehr Personen von diesem Konflikt langfristig betroffen werden. Und doch…

Ich weiß nicht, ob ich diesen Menschen noch einmal vertrauen könnte. Da sind Leute, die glauben, mein Leben wäre so leicht, dass sie gerne Ihre Wut an mir auslassen könnten, ohne mit mir zu reden. Die mich abstrafen möchten, die wollen, dass es mir schlecht geht, weil ja mein Leben ohnehin nur Sonnenschein ist. Die mir weh tun wollen, über einen längeren Zeitraum hinweg und mir mein bisschen kostbare Zeit dunkelgrau färben wollen.

Vor meiner Krankheit hätte ich gesagt: „Streit, ja na gut, es wird sich schon alles wieder einrenken – irgendwann.“

Aber jetzt hat jedes Wort und jede Handlung eine intensivere Bedeutung.

Irgendwann gibt es nicht mehr.

Ommmmmmm

Ich bin im Kloster.

Eine ganze Woche beschäftige ich mich mit MBSR, der Meditation nach Jon Kabat- Zinn, entwickelt für chronisch Kranke und Schmerzpatienten. Dessen erstes Buch zu diesem Thema hatte den Titel „Die volle Katastrophe des Lebens“

Passt! 😁

Es ist so schön hier! Der Ort, in der Eifel, die Gruppe, die Lehrerin, die Übungen. Alles ist spannend und abwechslungsreich und ich bin wirklich froh, dass ich mich hierfür angemeldet habe. Es gibt natürlich ein paar kleine Unterschiede zwischen mir und den anderen Teilnehmern. Während die meisten diese Woche( auch) als einen weiteren Schritt ihrer Lernerfahrung für ihre Lebensentwicklung betrachten, erhoffe ich mir natürlich einen schnelleren und praktischeren Nutzen. Erleuchtung im Schnellverfahren, könnte man sagen. 😉 Jahrelanges Üben wird beim Meditieren bestimmt überbewertet. Hoffe ich. 😬

Könnte sein, dass mir das wirklich etwas bringen kann, mal sehen.Wenn nicht, war es eine schöne Woche 😊.

Hier habe ich einfach mal für mich behalten, dass ich Krebs habe, ich dachte das gönne ich mir mal. Sonst erzähle ich es von mir aus auch nicht, aber ich lüge auch nicht oder rede drum rum, wenn ich gefragt werde. Aber hier lernen sich natürlich alle kennen und fragen, was machst du so beruflich… und anstatt zu sagen,“Ich bin in Rente- oh, warum denn? – Krebs- oh, und…? (Wirst du überleben oder nicht)“ blablabla… nö, gönne ich mir einfach mal anonym zu bleiben, ich hab da keinen Bock drauf, ich möcht lieber in der Gruppe sein, als auf dem Präsentierteller und solange man es mir nicht ansieht😎😊Krebs Incognito.

Jeden Morgen beginnt der Tag um 7.30 Uhr mit einer Mediation, danach Yoga und so geht es durch den Tag. Morgen schweigen wir…

Blitzschnell habe ich letzte Woche mal eben fünf Bestrahlungen abgesessen, die Antwort meiner Ärzte auf das Tumorwachstum. Jetzt ist da kein Tumor mehr, weggebrutzelt das Ding und ich konnte mich schon mal meditativ einstimmen: 5 mal 30 Min in der Röhre durch den Schmerz geatmet, weil meine Arme in unnatürlichster Haltung eingeklemmt wurden. Noch jetzt sind meine Oberarme ganz taub. Nach dem ersten Mal war ich so schockiert von den Schmerzen, dass ich auf dem Parkplatz glatt ein paar Tränen verdrücken musste. Dann bin ich zu meiner Hausärztin gefahren und hab mir Novalgin verschreiben lassen, weil ich noch kein stärkeres Medikament kennen gelernt habe. Da habe ich auf jeden Fall Nachschulungsbedarf. Mit der anderthalbfachen Höchstdosis war die Bestrahlung gerade noch auszuhalten, aber ich stand auch ganz schön neben mir.

Von der Schmerzmeditation letzte Woche zurück zur Herzensmeditation heute :

Ich wünsche mir

Mich sicher und geborgen zu fühlen

Gesund zu sein

Frei von Traurigkeit und Angst zu sein

Glücklich zu werden

Ommmmmmm

Aber, nach Stephen King:

“ Wunsch in der einen Hand und Scheiße in der anderen Hand. Mal sehen welche sich schneller füllt.“

😉