Schwimmen lernen

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So.

6 Wochen ohne Medikamente. 6 Wochen ohne zu wissen was wird, geschwommen, ohne ein Ufer in Sicht. Von Tag zu Tag schwindet die eigene Zuversicht. Schwierige Zeit.

Ich habe die Reißleine gezogen, mich an die Experten an der Uni Köln gewandt, um Zweitmeinung gebeten und auch innerhalb von 24 Stunden bekommen. 3 Tage später konnte ich meinen Onkologen dann ein Rezept abringen, anders kann man es leider nicht sagen. Mein Onkologe ist nett und er weiß auch wirklich viel, auch über meine spezielle Krankheit. Leider holt er sich keine Hilfe, wenn er mal etrwas nicht weiß, das weiß ich jetzt. Gut dass Köln da ist, gut dass Köln so nah ist, dass ich jederzeit ganz dorthin wechseln kann. Jetzt steh ich erst mal da und die Metastasen konnten sich in ganzen 6 Wochen ungehindert in meinem Körper ausbreiten. Das ist schlecht. Zwischendurch denke ich, was wäre wenn… ich diesmal so viele Hirnmetastasen habe, dass ich eine Ganzkopfbestrahlung brauche? Ich so wenige habe, dass sie wieder Löcher in mein Hirn schießen wollen? Diese stechenden Schmerzen an der Hüfte Knochenmetastasen sind?  Und mein rechter Fuß? Werde ich wieder zu Kräften kommen oder bleibe ich jetzt so geschwächt?

Och, mal sehen…

Mit dem neuen Medikament werden die Fragen erst mal weniger drängender aber ich spüre trotzdem, dass in meinem ganzen Körper eine ANSPANNUNG bleibt. So stark, dass sie nur groß geschrieben werden kann. Als hätte ich was Wichtiges vergessen..

So, als wäre ich unterwegs und dann fällt mir ein, dass ich vielleicht das Bügeleisen angelassen habe. Habe ich die Herdplatte ausgemacht? Den Backofen? Liegt die Schokolade noch auf dem niedrigen Couchtisch und der Hund ist alleine zuhaus? Habe ich alle Kerzen ausgepustet? Kommt ein Sturm auf und das Fenster steht noch sperrangelweit offen? Alle Gäste sind schon da,wo bleibt der Caterer? War Antwort B in der Prüfung doch die Richtige?  Habe ich dem Redner gesagt, dass die Veranstaltung doch woanders stattfindet? Sind die Medikamente im Koffer? Und der Reisepass leider auch? War gestern der Geburtstag von…? Habe ich wirklich Krebs und werde daran sterben?

Ja.

And the winner is…

Na ja, fast. Immerhin 2. beim Hunderennen des Hundesportvereins! ELVIS!!

 

Ich habe das Plakat gesehen und ihn einfach mal angemeldet, beim Spaßrennen für Jederhund (außer Windhunde ! 😉  ) Und er hat sich gar nicht schlecht geschlagen mein kleiner Flitzer 🙂 Ganz knapp hat er den 2. Platz gemacht. Go Elvis Go

Und hier noch ein Schnappschuss mit seiner festen Freundin, er ist ja inzwischen schon ein Teenager. Er und Maggie kennen sich vom ersten Tag an, sie sind gleichalt.

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Und was gibt es sonst noch?

Ich warte gerade auf meine Medikamente. Im Augenblick nehme ich gar nichts. So sieht es aus und dass jetzt schon seit mehr als zwei Wochen. Bei meinem Tumor wurde wieder mal eine Resistenz festgestellt, also brauchen wir was anderes. In Deutschland gibt es keine zugelassenen Pillen mehr für mich, in den USA schon. Es wurde ein Antrag gestellt, schon vor vier Wochen und wir warten… und warten…

…und die bösen kleinen Zellen wuseln derweil durch meinen Körper und nisten sich wieder überall ein. So langsam mache ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass das nicht klappen könnte mit den Medis aus den USA. Das bedeutet erst mal eine Chemo und danach Immuntherapie (wobei beides in meinem Fall nicht viel bringt).  Also konkret: Abschied vorbereiten. So. Nicht pessimistisch, aber ich will nicht, dass es mich kalt erwischt. Viel mehr kann ich im Augenblick dazu nicht sagen. Jammern werde ich dann das nächste Mal. 🙂 Echt jetzt.

Die Familienstreitigkeiten befinden sich weiterhin in der Schweigephase, allerdings sind sie etwas in den Hintergrund gerückt, dafür bin ich gerade zu sehr damit beschäftigt mich mit anderen Dingen (siehe oben) auseinanderzusetzten oder nach hinten zu schieben, je nachdem. Ich erlaube mir eine „Beziehungspause“, wie der beste Ehemann von allen vorgeschlagen hat.

Und last but not least:

Meine Schwester ist schwanger! Jippie jea! Ich freu mich für sie, oder, um es in den Worten ihrer Chefin zu formulieren: Wie schön, dass sie sich diesen Wunsch in ihrem Alter noch erfüllen kann 😂😂😂 hehe

Ich musste bei der Nachricht natürlich neben den Glückwünschen für sie, auch erst mal schlucken. Ich hatte auch versucht schwanger zu werden, aber dann erwischte uns schon der Krebs eiskalt. Es war aber nicht die Schwangerschaft konkret, die mir ein wenig den Hals zuschnürte, denn ich bin sehr froh, dass ich mich jetzt nur um mich selbst kümmern muss, mit einem Kind wäre ich überfordert. Vielmehr dieses konkrete Zukunft gestalten, Pläne schmieden, Träume haben, Bilder vor seinem Augen sehen, wie in einem Jahr oder in fünf das Leben aussieht. Das hätte ich auch gern, dafür bräuchte ich kein Kind. Aber es war nach ein paar Tagen schon wieder gut. ich freue mich darauf meine Schwester fett werden zu sehen 😎😉Jeder braucht ein paar Träume 😆

Das Schweigen und die Wut

P.S. PreScriptum: Mal vorne eingeschoben: nächste Woche gibt es spektakuläre Bilder und News von Elvis the Zwergpudel, Versprochen 😉

Das Schweigen und die Wut…

…eine gute Überschrift für die verschiedenen Begebenheiten, die mich in letzter Zeit bewegt haben…

Ich war zuletzt eine Woche in einem Kloster um dort mittels Mediation die Kontrolle über das Universum, äh, ne, über mich selbst zu erlangen (ein kleines bisschen auch das Universum, seien wir ehrlich 😉 ) und ziemlich am Schluss praktizierten wir Stille. Das heißt, wir sollten ab dem Augenblick des ersten Aufwachens morgens im Bett bis zu einem Zeitpunkt am späten Nachmittag nicht sprechen und auch nicht in anderer Form kommunizieren. Kein Lächeln, kein Blickkontakt, keine Mimik, keine Gestik.

Um es kurz zu machen: 30 Sekunden nach dem Aufwachen war ich total wütend, anschließend depressiv, gefolgt von einer großen Niedergeschlagenheit, gefolgt von einem kurz bevor stehenden Amoklauf und einem imaginären Blutrausch durch Raserei. 5 Minuten nach dem Aufwachen hatte ich schon einen Verdacht:

Das war wohl nicht so ganz mein Ding. 🤔

Da ich mit einer Freundin gemeinsam ein Zimmer teilte, kam ich mir selbst schon mindestens grob unhöflich vor sie nicht zu begrüßen, sie anzuschweigen, an ihr vorbei zu sehen. Mit jedem Menschen, dem ich begegnete, verstärkte sich das Gefühl.

Die Dozentin hat diesen Schweigetag leider nicht gut eingeführt und nicht darauf vorbereitet, aber ich vermute, er sollte dazu dienen, sich ganz der Achtsamkeit mit jedem kleinsten Detail des Alltags hinzugeben. Ich erlebte aber nur Assoziationen mit Situationen aus meinem Leben, in denen es um Streit und Aggression ging, wo Menschen nicht mehr miteinander reden und sich beleidigt zurückziehen um den anderen mit seinem Schweigen abzustrafen. Während der Meditation hatte ich das Gefühl der gesammelte Hass aller anwesenden Menschen wird Kübelweise über mich ausgeschüttet… da habe ich das Experiment dann für mich auch endgültig beendet und bin meiner Wege gegangen. Ich habe hinterher gehört, dass ich nicht alleine war mit diesen Gedanken, ganz so ungewöhnlich ist diese Schlussfolgerung also nicht. Ich beschloss, niemals wieder so etwas mitzumachen, niemals mehr Schweigen! Reden ist Gold! Hurra

Ich war noch zwei Wochen lang wütend auf die Dozentin. 🙄😞

Schon bei der Kennenlernrunde erzählte ich, dass ich gerne manchmal besser mit meinen Gefühlen umgehen würde. Ich bin oft beseelt von Dalai Lama-artiger Friedfertigkeit, die aber durchbrochen wird durch ein inneres HB-Männchen. Oder, für die jüngere Generation, die Figur „Wut“ in „Alles steht Kopf“. Das bin ich. Bitte googeln, dann wisst ihr Bescheid 😉 Die Flammen schießen aus meinen Haaren, innerlich. Äußerlich hebe ich nur eine Augenbraue. Ich bin ja schon groß und weiß, dass ich erst mal die Flammen löschen sollte, bevor ich den Mund auf mache. Das ist bloß manchmal gar nicht so einfach. Nie eigentlich. Nie, Nie, nie. Manchmal möchte man einfach die Welt niederbrennen, oder? 🙂 Ach je

Das ist alles nicht einfacher geworden, seitdem ich erkrankt bin, ganz im Gegenteil. Ich habe oft das Gefühl, meine psychischen Ressourcen werden komplett dafür in Anspruch genommen, jedem Tag ausgeglichen, besser noch, positiv gestimmt zu begegnen. Auszuhalten, dass ich ein Alien inmitten von Menschen bin, die Pläne haben, ihre Zukunft gestalten und Sorgen haben, die ich sofort gegen meine eintauschen würde, egal was. Nur auf heute zu schauen und bloß nicht auf übermorgen und mich immer für andere freuen, andauernd irgendwie. Und das kriege ich hin. Sehr, sehr oft sogar, denn ich möchte die Zeit, die mir bleibt nicht traurig sondern überwiegend lachend verbringen. Wenn aber Stress dazu kommt, irgendwelche anstrengenden kleinen, nervigen Sorgen oder sogar Streit, dann merke ich, dafür habe ich keine Kraft mehr übrig. Das ist nichts mehr, was ich noch geben kann.

Und das Schweigen…

Das gibt es gerade bei mir in der Familie. Aus einem völlig nichtigen und albernen Grund wurde Streit angefangen. Also habe ich gehört, dass jemand Streit mit mir hat, da wusste ich das noch gar nicht 😉 denn derjenige, diejenigen haben ja geschwiegen. Versuche der Klärung meinerseits wurden abgeschmettert, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist etwas anderes, dies beschäftigt mich:

Ich habe das Gefühl, hier kommen schon lang gehegte, unterdrückte Aggressionen gegen mich zum Vorschein (anders kann ich mir diesen kleinen grundlosen Amoklauf nicht erklären). Und ich ahnte zwar nichts davon, würde es aber nachvollziehen können, weil es auf meiner Seite auf jeden Fall so ist. Ich muss zugeben, dass ich einigen Personen schon lange innerlich vorwerfe, auf meine Situation keine Rücksicht zu nehmen, mich gar nicht wahrzunehmen, nicht empathisch zu sein. Ein Beispiel: Ich war vor dem Krebs sehr sportlich, 5 bis 6 Mal die Woche habe ich trainiert. Jetzt kann ich mich ohne Schmerzen nicht mehr bewegen, bin müde und habe durch die Medikamente zugenommen. Seit einem halben Jahr berichtet mir „Jemand“ dass sie/er jetzt mit dem Laufen begonnen habe (nach 40 Jahren Unsportlichkeit) und erzählt mir penetrant jedes Mal wenn wir uns sehen, dass er/sie jetzt jeden Tag läuft (einen Bruchteil dessen, was ich früher gelaufen bin) und wie gut ihr/ihm das tut und wie sehr sie/er das empfehlen kann und dass das jeder machen sollte und wie fit sie/er geworden ist. Ähm, ja. Danke.

Von diesen Beispielen hätte ich noch ein paar auf Lager.

Ich habe dazu bisher einfach nichts gesagt. Ich wollte eigentlich nicht, dass irgendjemand das Gefühl hat, man kann nicht offen über alles sprechen, wenn ich dabei bin. Aber ich habe insgeheim eben doch die Erwartung, dass andere Menschen etwas feinfühliger mit mir umgehen und sich ein wenig Gedanken machen. Und wahrscheinlich gab es von der anderen Seite auch Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllt habe. Ich rate mal: keine Sonderstellung in der Familie einzunehmen, mich nicht zu verändern, meine Beziehungen zu einzelnen Familienmitgliedern (z.B. meine Eltern) nicht zu intensivieren, nicht von Tod oder Krankheit sprechen, solange ich noch nicht unmittelbar auf dem Sterbebett liege und überhaupt, mich nicht so anzustellen. Eine Woche, nachdem ich damals meine Diagnose bekommen habe und Stand der Dinge war, dass ich nur noch ein paar Wochen oder Monate hatte, hat „jemand“ sich mir gegenüber über meine Mutter lustig gemacht und fand es unverständlich, dass sie noch nicht darüber hinweg war, dass ich sterben würde…. ????? Und offenbar hat sich an dem Verständnis für meine Person im Laufe der Zeit genauso so viel vertieft – nichts.

Tja, so weit. Es kann also doch sein, dass diese Krankheit trennt, so wie ich es schon oft gelesen habe, aber bisher nicht selbst erlebt. Aber was tun? Wären es Freunde oder Bekannte, ja dann Tschüss, machts gut, schönes Leben weiterhin, Hasta la vista, Baby…

Familie? Schweigen? Wut? Wut. Schweigen. Familie… Kontakt abbrechen? Da sind ja auch noch mehr Menschen betroffen. Ich möchte nicht, dass noch mehr Personen von diesem Konflikt langfristig betroffen werden. Und doch…

Ich weiß nicht, ob ich diesen Menschen noch einmal vertrauen könnte. Da sind Leute, die glauben, mein Leben wäre so leicht, dass sie gerne Ihre Wut an mir auslassen könnten, ohne mit mir zu reden. Die mich abstrafen möchten, die wollen, dass es mir schlecht geht, weil ja mein Leben ohnehin nur Sonnenschein ist. Die mir weh tun wollen, über einen längeren Zeitraum hinweg und mir mein bisschen kostbare Zeit dunkelgrau färben wollen.

Vor meiner Krankheit hätte ich gesagt: „Streit, ja na gut, es wird sich schon alles wieder einrenken – irgendwann.“

Aber jetzt hat jedes Wort und jede Handlung eine intensivere Bedeutung.

Irgendwann gibt es nicht mehr.

Ommmmmmm

Ich bin im Kloster.

Eine ganze Woche beschäftige ich mich mit MBSR, der Meditation nach Jon Kabat- Zinn, entwickelt für chronisch Kranke und Schmerzpatienten. Dessen erstes Buch zu diesem Thema hatte den Titel „Die volle Katastrophe des Lebens“

Passt! 😁

Es ist so schön hier! Der Ort, in der Eifel, die Gruppe, die Lehrerin, die Übungen. Alles ist spannend und abwechslungsreich und ich bin wirklich froh, dass ich mich hierfür angemeldet habe. Es gibt natürlich ein paar kleine Unterschiede zwischen mir und den anderen Teilnehmern. Während die meisten diese Woche( auch) als einen weiteren Schritt ihrer Lernerfahrung für ihre Lebensentwicklung betrachten, erhoffe ich mir natürlich einen schnelleren und praktischeren Nutzen. Erleuchtung im Schnellverfahren, könnte man sagen. 😉 Jahrelanges Üben wird beim Meditieren bestimmt überbewertet. Hoffe ich. 😬

Könnte sein, dass mir das wirklich etwas bringen kann, mal sehen.Wenn nicht, war es eine schöne Woche 😊.

Hier habe ich einfach mal für mich behalten, dass ich Krebs habe, ich dachte das gönne ich mir mal. Sonst erzähle ich es von mir aus auch nicht, aber ich lüge auch nicht oder rede drum rum, wenn ich gefragt werde. Aber hier lernen sich natürlich alle kennen und fragen, was machst du so beruflich… und anstatt zu sagen,“Ich bin in Rente- oh, warum denn? – Krebs- oh, und…? (Wirst du überleben oder nicht)“ blablabla… nö, gönne ich mir einfach mal anonym zu bleiben, ich hab da keinen Bock drauf, ich möcht lieber in der Gruppe sein, als auf dem Präsentierteller und solange man es mir nicht ansieht😎😊Krebs Incognito.

Jeden Morgen beginnt der Tag um 7.30 Uhr mit einer Mediation, danach Yoga und so geht es durch den Tag. Morgen schweigen wir…

Blitzschnell habe ich letzte Woche mal eben fünf Bestrahlungen abgesessen, die Antwort meiner Ärzte auf das Tumorwachstum. Jetzt ist da kein Tumor mehr, weggebrutzelt das Ding und ich konnte mich schon mal meditativ einstimmen: 5 mal 30 Min in der Röhre durch den Schmerz geatmet, weil meine Arme in unnatürlichster Haltung eingeklemmt wurden. Noch jetzt sind meine Oberarme ganz taub. Nach dem ersten Mal war ich so schockiert von den Schmerzen, dass ich auf dem Parkplatz glatt ein paar Tränen verdrücken musste. Dann bin ich zu meiner Hausärztin gefahren und hab mir Novalgin verschreiben lassen, weil ich noch kein stärkeres Medikament kennen gelernt habe. Da habe ich auf jeden Fall Nachschulungsbedarf. Mit der anderthalbfachen Höchstdosis war die Bestrahlung gerade noch auszuhalten, aber ich stand auch ganz schön neben mir.

Von der Schmerzmeditation letzte Woche zurück zur Herzensmeditation heute :

Ich wünsche mir

Mich sicher und geborgen zu fühlen

Gesund zu sein

Frei von Traurigkeit und Angst zu sein

Glücklich zu werden

Ommmmmmm

Aber, nach Stephen King:

“ Wunsch in der einen Hand und Scheiße in der anderen Hand. Mal sehen welche sich schneller füllt.“

😉

Erweiterung des Kompetenzteams

Durch gegebenen Anlass. Ich habe meine zweite Lungenspiegelung hinter mir (wie viele braucht es, bevor die Routine werden?), da der Tumor wieder gewachsen ist.

Theorie 1, dem Tumor ist ein Tumor gewachsen,

Theorie 2, der Tumor hat sich in eine anderen Krebs verwandelt,

Theorie 3 der Tumor ist resistent gegen die Medikamente, die Metastasen nicht

Theorie 1000…..

Tja, das sind immer diese Momente, wo es einem einem flau im Magen wird, weil der Horizont in weiter Ferne plötzlich vor die Nasenspitze gezoomt wurde. Ist es jetzt schon soweit?

Letzte Woche hatte ich einen Termin beim ambulanten Hospizverein und ich bin wirklich froh, dass ich das jetzt mal in Angriff genommen habe. Die sind hier so eine Art Rundumsorglospaket für den palliativ begleiteten Patienten: Psychologen, Sozialberater, Pfleger, Palliativmediziner, und Ehrenamtler stehen zur Verfügung. Die sind jetzt für mich da. Zur Zeit bin ich dafür zu Hause zu sterben. Nicht nur weil ich dort ermutigt wurde, sondern auch weil die freundliche Beraterin erklärte, sie würden auf Wunsch auch helfen das richtige Hospiz für mich zu finden. Ähm, das richtige Hospiz??? Ja, jedes Hospiz wäre ja etwas anders, in der Ausrichtung, in der Atmosphäre, das Evangelische Hospiz in Stadtviertel wäre nicht für jeden was, manchmal wäre Garath die richtige Wahl. 😮 Es ist zwar richtig, dass man zum Sterben nach Garath geht, aber eigentlich muss man sich dazu nur auf den Bahnsteig stellen und 20 min warten… 😆 (höhö)

Nennt mich eingebildet, hochnäsig, einen Snob, Prinzessinnen, aber die Vorstellung vielleicht in Garaht zu enden hat mich direkt in der Entscheidung gefestigt in den eigenen vier Wänden zu sterben. Lieber kein Risiko eingehen -bis zum Schluss, ich bin ein Stadtmitte- Mädel!

Die Ergebnisse der Lungenspiegelung kommen erst Mitte Juli und ich dachte daran, dass damals vor einem Jahr meine inzwischen verstorbene Kollegin auch auf die Entscheidung der Tumor Konferenz gewartet hat. Nur dass die Tumor Konferenz darauf gewartet hat, dass sie stirbt, ohne dass sie es ihr so deutlich sagen müssen. Sie haben sich darum gedrückt zu sagen, „Das wars, wir können nichts mehr für Sie tun..“ Gut, ich glaube nicht, dass ich schon an diesem Punkt bin, bzw. dass die Ärzte an diesem Punkt sind. Manchmal sind die Patienten ja schneller bei dieser Erkenntnis als die Ärzte.

Auf jeden Fall zieht sich das Ganze hin, dauert nicht lange genug oder ist nicht schnell genug vorbei. Was ich ja eigentlich nicht sagen darf. Ich würde auch freiwillig nicht meine letzten Tage oder Wochen hergeben, aber je länger ich noch lebe, desto schwieriger finde ich es, anderen beim Leben zuzuschauen. „Ja, dann lebe doch“, mögen jetzt manche sagen, aber mach das mal, nennt das mal ein Leben ohne Sinn und Ziel. Ich glaube das ist es, warum es mir so schwer fiel etwas hier zu veröffentlichen und ich meinen Blog so vernachlässigt habe. Ich finde mich gerade nicht so zurecht hier zwischen Leben und Tod. Ich komme mir manchmal vor wie meine Großeltern am Ende deren Lebens: irgendwie immer mehr Zuschauer als Akteur und irgendwie immer mehr überflüssig. Aber die Mundwinkel hängen lassen ist auch überflüssig und sinnfrei. Ich labyrinthe ein bisschen vor mich hin… lost in Space, Groundcontrol to phase5…

Lass uns drüber reden…

oder lieber nicht?

Seit letztem Jahr hatte ich bei verschiedenen Gelegenheiten ein paar Erlebnisse, die ich erst jetzt zu einem großen Ganzen zusammenfüge. Doch von vorne:

Als ich meiner Familie meine Diagnose vermittelte, wir saßen alle in einem großen Kreis, da sagte meine Schwägerin:  „Wir werden darüber miteinander reden, wir werden das nicht totschweigen.“ Ich glaube, sie hatte in ihrem entfernteren Verwandtenkreis vielleicht schon eine Erfahrung gemacht? – Alle nickten mit dem Kopf “ Ja, auf jeden Fall.“

Jetzt 1,5 Jahre später, kenne ich alle gängigen Methoden um zu unterbinden, dass ich meine Krankheit erwähne. Meistens so ein kleines Kopfschütteln, begleitet mit einem Pschscht! 🙂 wirklich wahr! Oder auch ein: „Nicht jetzt!“.

Letztens saß ich mit meiner Schwester zusammen, ich erzählte etwas, wahrscheinlich ein Gedanke zum Thema Tod und wahrscheinlich eher humorig formuliert, ich weiß es nicht mehr so genau. Und meine Schwester wieder : „Pschpscht“ Kopfschüttel. Ich: „Das ist mein Leben, darüber kann ich doch sprechen.“ Und sie sagt: „Ich weiß, das ist auch mein Leben.“

Sie meint, als Schwester einer Krebskranken, als jemand der zurückbleibt und traurig sein wird. Und auch jetzt schon traurig ist.

Am Samstag hatte ich einen Mädelsabend 😉 Ihr wisst alle was das ist, jede Menge Frauen, mit der Hälfte war ich verwandt, mit viel Sitzfleisch, viel Wein, lecker Essen. Viele Geschichten über die Zukunft, einige wollen bald heiraten und dann Kinder kriegen, andere nehmen sich vor, zu ihrem nächsten großen runden Geburtstag den Jakobsweg zu wandern… Und ich dachte ziemlich oft an diesem Abend: oh, da bin ich schon tot. Oh, dann auch. 🙂 Habe ich natürlich nicht laut gesagt. Darf ich ja nicht. Weder traurig, noch lustig.

Heute habe ich Bekannte meiner Eltern auf der Straße getroffen, er sitzt im Rollstuhl, auch sehr krank. Ich vermutete aufgrund ihrer Lebenserfahrung sind sie gefestigter. Wir sprachen über Elvis, meinen Hund (den allerhübschesten Pudel, nebenbei bemerkt, tut mir so leid, dass niemand auf der Welt so einen niedlichen Hund hat wie ich 😉 ne tuts nicht 🙂 ) und sie sagten, sie hätten gedacht, dass sich eher meine Eltern mal einen Hund anschaffen würden und ich sage irgendwann gehört er ja auch ihnen und sie: “ Haha, jaja, zur Erholung mal.. “ schneller Themenwechsel.

Was ist denn bloß los? War ich früher auch so? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht jemandem begegnet zu sein, der sterbend ist.

Ich hatte auch eine gute Erfahrung! Ich habe nämlich den einzigen anderen jungen Hüpfer in der Pneumologie ausgemacht (Ja, bis unter 50 darf man sich auf meiner Station junger Hüpfer nennen 🙂 ) Als ich sie sah, sprach ich sie schnell in den 5 Minuten an, die wir Zeit hatten: Hallo, du auch Krebs? Mutation? Stadium 4? Telefonnummer? Whats app? 🙂 Sie sagt später, ich gehöre zu den skurrilen Begegnungen, die sie hat, seitdem sie an Krebs erkrankt ist. 🙂  Ich habe mich mit ihr auf einen Kaffee getroffen und einen herrlichen Nachmittag lang haben wir uns seltsame Geschichten erzählt, Witze über unsere Begräbnisse gemacht, über unsere Partner und unsere Familie gesprochen, über Galgenhumor und Schicksal geredet und es war eine überhaupt nicht traurige, wirklich schöne Begegnung.

Ich traue mich fast gar nicht mehr über meine Krankheit zu sprechen, wenn ich sie irgendwie erwähne, scheint es als hätte ich Syphilis oder Feigwarzen. Irgendetwas peinliches, fieses, unanständiges.

In das große Ganze jedenfalls ordne ich die Hochzeit letzten Sommer ein, die ich für mich irgendwie merkwürdig fand. Da ist mir dieses Phänomen nur das erste Mal massiv begegnet. Einen Geburtstag später, Weihnachten (Oh,Oh Weihnachten, an Weihnachten existiert Krebs überhaupt nicht auf der Welt, wusstet ihr das nicht? Doppelpschsch! ), Kaffetrinken usw. bin ich jetzt schlauer.

Ich weiß noch nicht, was ich damit mache. Ich merke, es fällt mir mittlerweile schwerer, mich für die anderen zu freuen, es fällt mir schwerer, heile Welt zu spielen und mein Lebensglück daraus zu ziehen, dass alle um mich herum so wahnsinnig glücklich sind und vor einer verheißungsvollen Zukunft stehen. Und ich soll schweigen, damit ich das Glück nicht zerstöre. Weil das kaputt geht, wenn ich erwähne, dass ich krank bin? Also, ich gebe ehrlich mein Bestes, aber in mir brodelt es (ein bisschen nur bisher). Wer kann so selbstlos sein?

Was ich mir wünsche, ist das ich einfach ganz normal darüber sprechen kann, so wie andere auch sagen dürfen, sie waren gerade beim Arzt, oder sie haben sich den Rücken verrenkt. Ich will weder Mitleid auslösen, noch Trauer, ich will nur das Gefühl haben, dass ich auch über mein Leben sprechen darf. und das das normal ist. Das darüber sprechen und mein Leben sowieso.

 

P.S. Weihnachten, dass muss ich noch sagen, da gab es die perfekte Inszenierung einer glücklichen, absolut perfekten 50er Jahre Fernsehfamilie. Ich war lieb, aber ehrlich, ganz ehrlich, ich hätte quer über den Tisch brechen können. Seufz…

Zombie-Yoga

nennt der beste Ehemann von allen das, was ich seit zwei Wochen jeden Morgen für 10 Minuten im Wohnzimmer versuche. Ein Fuß vorne, einer hinten hebt sich mein Arm ruckweise schräg über meinen Kopf, begleitet von guturalen Lauten… Uuuuaaaahhhh

zombie_900Warum?

Damit ich aufwache!

Ich schlafe und schlafe und schlafe jetzt seit Wochen. Seitdem ich aus dem Urlaub wieder zurück bin, quäle ich mich durch meine Arbeit mit dem schlechten Gewissen, nicht annähernd zu genügen, immer mit laufender Nase und schweren Kopf, unterbrochen von einwöchigen Krankschreibungen wegen starker Erkältung, in denen ich dann nicht den halben, sondern den ganzen Tag schlafe.

In den letzten zwei Wochen bin ich meine Nasenspray-Sucht Herr geworden, aber nur weil mein Mann mir erzählt hat, man kann von zuviel Spray eine Stinke-Nase bekommen 😉

Wach werden…

Ich hatte vor zwei Wochen ein Gespräch mit meinen Vorgesetzten und seitdem geht es langsam bergauf. Ich habe Anfang Januar endlich meine Erwerbsminderungsrente beantragt und gleichzeitig „gebeichtet“ dass ich meine Stundenzahl bei weitem nicht halten kann. Arbeite ich drei Stunden vormittags, liege ich nachmittags 4 Stunden auf dem Sofa und schlafe komaartig. Ich wache auf und draußen ist es dunkel. Ich wollte heute doch noch etwas machen – der Tag ist weg… So geht es jetzt seit Wochen.

Meine Vorgesetzten waren sehr sehr liebevoll und entgegenkommend, ich kann es nicht anders sagen. Ich habe meine Wünsche geäußert, wie und was ich gerne in Zukunft arbeiten möchte und sie bemühen sich mir eine maßgeschneiderte Extrawurst zu braten.

Und seitdem ich nicht mehr diesen Druck habe, meine Stundenzahl unbedingt irgendwie erfüllen zu müssen, weil da einige Leute einfach beide Augen zudrücken, geht es mir auch besser. Jetzt kämpfe ich mich langsam wie ein Bergsteigern cm für cm dem Licht entgegen. Erst mal mit Yoga und Meditation, so ganz vorsichtig- aber ich bereite mich  mental darauf vor, es nochmal mit dem Laufen zu probieren- Oho!

Eigentlich ist das alles so lachhaft lächerlich – aus gesunden Augen betrachtet. In meinen Augen gewöhne ich mich widerwillig daran meine Ziele immer niedriger zu stecken, bis ich irgenwann kriechend eins erreichen kann. Ich weiß nicht, ich fühl mich etwas verloren. Ich weiß nicht in welche Richtung es geht, bekomme ich meinen Körper noch mal ein bisschen hoch oder ist das verlorene Liebesmüh? Also, ich versuche das jetzt.

Im Übrigen steht ja auch noch gar nicht fest, ob ich meine Rente wirklich bewilligt bekomme. Im letzten Befund hat mein Arzt auf der Rückseite im Fließtext schön reingeschrieben, dass ich gerade Urlaub auf Hawaii gemacht habe 🙂 Ich bin nicht ganz sicher, ob das wirklich hilfreich war 😉 Ich nehme an, das war das, was er noch am ehesten erinnern konnte, nach ein paar Tagen, neben „Es läuft“ 🙂 ich warte jetzt, dass ich vom Amtsarzt einbrufen werde, um ihm das zu erklären 🙂

Beim letzten Besuch hatte ich Dr. Piep nochmal ausführlicher meine Einschränkungen dargelegt, warum weiß ich gar nicht so genau. Wahrscheinlich, weil er mich immer fragt, wie es mir geht. Mein Arzt schaute mich dann ganz nett an und antwortete vorsichtig : „Sie wissen ja, das Ihre Krankheit nicht heilbar ist…“ Das war ganz freundlich für: Sie leben, sie stehen und gehen und können sich noch selber waschen, sie können sehen und hören und schmecken – alles andere ist Luxus. Jahaaa, ich weiß. Ja, ich weiß.