Innere Kündigung

Heute ist ein sehr schwieriger Tag für mich. Heute steht eine große Familienfeier an, meine letzte hoffentlich.
Der Konflikt zu einem Teil meiner Familie besteht weiterhin, fast ein Jahr hat mich das beschäftigt. Ich habe es hin und her gewendet, gegrübelt, nachts wach gelegen, war unendlich wütend, traurig und enttäuscht. Währenddessen ging für den Rest meiner Familie das Leben weiter. Meine Eltern haben die ganze Geschichte einfach beiseitegeschoben und tun so, als wäre nichts gewesen. Das ist ihre Art und da sind sie auch richtig gut drin. Ich kann es ein bisschen verstehen, schließlich wohnen sie Tür an Tür, da ist ein harmonisches Familienleben hilfreich. Abgesehen davon sind sie konfliktscheuer als ein Hoppelhäschen. Sie haben schon fast alles vergessen und wissen auch gar nicht so recht, warum ich nicht einfach genauso handle. Meine Schwester sagt, „ich halte mich da raus“ und fragt mich, ob ich besser nicht zu den Mädelsabende komme, denn wenn meine Schwägerin fernbleibt, dann ja sicher auch meine Nichte usw.

Sich von einem Teil seiner Familie zu verabschieden, ist überhaupt nicht leicht, das ist ein Prozess, der mit vielen Emotionen verbunden ist. Ich habe mit meinem Mann gemeinsam vor ca. 1 Monat beschlossen, dass es jetzt reicht. Ich will meine Zeit nicht länger vergeuden. Die Tür, die wir beide noch aufgehalten haben, wird jetzt unwiederbringlich geschlossen. Ich möchte diese Menschen nicht mehr sehen.
Ich habe auch das ganze Jahr darüber nachgedacht, wie sich der Rest der Familie sich in dieser Situation verhält. Es handelt sich ja nicht um einen Streit zwischen verschiedenen Personen, sondern eine Person, in diesem Fall ich, wurde völlig überraschend massiv attackiert, es wurden Lügen über mich erzählt, ich wurde schlecht gemacht, man hat versucht die Beziehung zu meinen Eltern und indirekt auch zu meiner Schwester zu verschlechtern. Meine Eltern schieben die Geschichte beiseite, meine Schwester gibt sich neutral. Sie stehen daneben und gucken zu, anschließend trinken Sie Kaffee mit ihnen. Dürfen sie das? Ja.
Ich hatte die ganze Zeit über  Kontakt zu meiner Schwester und zu meinen Eltern, die sich auch bemüht haben, diesen zu halten, sozusagen die Familie meines Bruders und mich und meinen Mann gleich zu „bedienen“. Ich habe mich auch bemüht.
Ich habe mich wirklich bemüht Ihnen zuzugestehen, dass sie selbst entscheiden können, wie sie sich in der ganzen Situation verhalten. Ich habe lange nachgedacht, was „richtig“ ist. Aber ich habe festgestellt, dass in mir ganz unmerklich schleichend etwas passiert ist. Ich habe innerlich gekündigt.
Ich habe mich verändert in den letzten drei Jahren, ich bin dünnhäutig und vor allem schwach geworden. Körperlich schwach, konstitionell schwach, seelisch weniger belastbar. Ich brauche Schutz und Bestand, wenn ich angegriffen werde. Ich habe erfahren, wer ihn mir nicht gibt. Wer mir nicht beisteht und nicht für mich da ist. Zu wem ich Vertrauen haben kann.

Leider werden in meiner Situation solche Dinge direkt existenziell verhandelt und haben eine andere Bedeutung.

Meine Familie verhält sich und das hat etwas mit mir gemacht. Sie haben das Recht, sich selbst zu einer Position zu bekennen. Ich habe das Recht meine Konsequenzen daraus zu ziehen. Das heißt nicht, dass ich den Kontakt zu meinen Eltern und meiner Schwester abbreche, ich möchte ihnen nicht weh tun. Aber ich werde zunächst meine Erwartungen an sie massiv runterschrauben. Und mich innerlich distanzieren. Mich auf andere Menschen konzentrieren, von denen ich weiß, dass sie in jeder Situation für mich da sind. Und ich werde mich keinen unangenehmen Situationen mehr aufsetzten, um anderen einen Gefallen zu tun. Zu Familienfeier zu gehen, z.B. . Zuzugucken wie alle weggucken.
Heute feiert mein Vater seinen 70. Geburtstag. Ich gehe hin und werde den ganzen Tag lächeln. Ich wünsche ihm einen schönen Geburtstag. Und dann wars das für mich. Ich schleiche mich raus. Ich lebe noch, aber meine Familie ist leider an Krebs gestorben.

5 Phasen

Fünf Phasen habe ich damals diesen Blog genannt, zwei Wochen nach meiner Diagnose, vor mittlerweile fast drei Jahren. Ich habe Krebs, ich werde sterben, flüsterte mir mein Hirn unablässig ins Ohr. Was soll ich tun? Wie soll ich damit umgehen? Wie kann ein Mensch so etwas aushalten?

Nach drei Jahren könnte ich doch mal einen kompetenten Rückblick auf Frau Kübler-Ross 5 Phasen-Modell werfen, die damit eine Antwort auf die Fragen geben wollte.

Leugnen – Zorn – Verhandlung – Depression- Akzeptanz oder auch:

Phase 1: Hoffnung auf Irrtum – der Betroffene will die Diagnose nicht wahrhaben

Phase 2: Frage nach dem Warum – Der Sterbende hat seine Diagnose angenommen, reagiert aber negativ auf seine Umwelt, reagiert zornig, weil er von der Frage getrieben ist : Warum ausgerechnet ich?

Phase 3: Wunsch nach Aufschub – Er verhandelt mit Ärzten, Vertrauten und Gott darüber, was er tun würde, wenn ihm mehr Zeit gewährt würde

Phase 4: Trauer um vergebene Chancen –  Der Todkranke verfällt in eine depressive Stimmung, trauert möglicherweise vergebenen Chancen im Leben nach, aber auch  um sein Leben, das er verlieren wird.

Phase 5: Abkopplung von der Umwelt – Viele Sterbende haben nun ihr Schicksal voll und ganz akzeptiert. Sie koppeln sich langsam von ihrer Umwelt ab und wollen sterben.

So, das war´s, ihr wisst jetzt was euch bevorsteht, ich kann den Beitrag speichern und mich  amüsanteren Dingen widmen 😉

Meine 5 Phasen gehen so: Akzeptanz – Schock – Akzeptanz- Schuldgefühle – Depression – Gleichgültigkeit – Depression – Verhandlung – Akzeptanz – Depression……

5 Phasen sind, finde ich, auch eine unnötige Begrenzung. Vielleicht kommt es aber auch darauf an, wie viel Zeit man zur Verfügung hat. Wäre es bei mir bei den zunächst angekündigten wenigen Wochen nach meiner Diagnose geblieben, hätte ich die 5 Phasen vielleicht zügig durchlaufen und schon vor 3 Jahren mit seligem Lächeln ermattet und natürlich friedlich eingeschlafen. Stattdessen werde ich von einer Phase in die nächste vor- und zurück geworfen.

Die Phase des Schocks dauerte ein paar Wochen und war gnädig. Wie in einen Wattebausch gehüllt, nimmt man wenig wahr und ist unfähig sich allzu viele Gedanken zu machen.

 Es gab nie ein Phase des Leugnens bei mir, ich wusste in dem Augenblick, in dem mir meine Ärztin eröffnete, dass da ein Schatten auf meiner Lunge sei, dass ich Krebs habe und wahrscheinlich sterben werde. Oder kennt ihr jemanden, der Lungenkrebs überlebt hat? Nein? Das liegt daran, dass man Lungenkrebs überhaupt nicht spürt, bis es in den meisten der Fälle echt zu spät ist.

Es gab auch nie eine Phase des Zorns, ich habe mich nie gefragt, warum ausgerechnet ich. Warum nicht ich? 2016 war gerade die Zeit als sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen und mir war sehr bewusst, dass ich bis dahin, verglichen mit den meisten Menschen auf der Welt, ein sehr gutes Leben voller Chancen und Freiheiten genießen durfte.

Ich war in den letzten drei Jahren häufig traurig, ich habe um mich selbst getrauert, dass mein Leben zu Ende ist, dass ich mit meinem Mann nicht gemeinsam alt werden kann. Das erste Jahr habe ich jeden Tag mindestens einmal sehr heftig geweint. Davor hatte ich, glaube ich, Jahre nicht mehr geweint. Einmal am Tag musste ich den Druck ablassen und die Schleusen öffnen, das habe ich mir erlaubt. Inzwischen bin ich der beiläufige Weiner geworden, ich weine nicht mehr jeden Tag aber schon sehr häufig, wann immer ich etwas Trauriges höre oder sehe oder denke. Mir schießen dann drei Tränen in die Augen, ziemlich oft in der U-Bahn übrigens, und ich lass sie dann auch gleichgültig laufen. Was raus muss muss raus.  Was andere Passanten denken, darüber mache ich mir schon lange keine Gedanken mehr. Ich weine nicht mehr jeden Tag, aber ich habe jeden Tag sehr traurige Momente.

Ich hatte im ersten Jahr auch unbestimmte Schuldgefühle. Es tat mir für meinen Mann, für meine Familie und für meine Freunde so leid, dass ich sterben werde. Natürlich habe auch ich gedacht, hättest du nicht früher zum Arzt gehen können? Gab es nicht doch Hinweise darauf, was in deinem Körper heranwächst?

Es ist wie es ist, ich kann nichts ändern.

Und ich hatte kleine Anflüge von Verhandlung. Hätte ich mein Leben mehr schätzen müssen, sollen, können? War ich ein guter Mensch oder nicht? Gibt es einen Gott, der darüber entscheidet?

Bis zu meinem Tod wird es jeden Tag Arbeit bleiben, damit umzugehen. Es ist ein Drahtseilakt, jeden Tag muss ich mich bemühen, eine innere Balance herzustellen. Es ist ein willentlicher Vorsatz für jeden Tag, einen guten Tag zu haben, ihn so gut und positiv und ausgeglichen zu machen, wie es eben nur geht. Mich nur auf heute zu konzentrieren und einfach auszublenden was in der Zukunft liegt.

In den letzten drei Jahren gab es nie mehr das Gefühl, das gerade jetzt alles gut ist. Diese Momente, in denen man sich zurücklehnt und das Leben ist schön. Weil nicht alles schön ist, da ist jetzt etwas sehr bedrohliches, das immer da ist. Die Unbeschwertheit ist weg. Manchmal kann ich an das ganz entspannte Gefühl nah dran kommen, meistens, wenn sehr viel Alkohol, am liebsten Cocktails im Spiel sind 🙂 Ich trinke jetzt viel lieber Alkohol als früher, wenn auch nicht unbedingt öfter, was daran liegt dass ich keinen guten Mojito mixen kann. Es dürfte ja wohl eigentlich nicht so schwer sein, aber ich krieg´s nicht hin.

Ich bin dünnhäutig geworden. Meine Stressresistenz ist mit der Balance meiner inneren Grundstimmung vollkommen ausgelastet. Jeder außergewöhnliche Termin, jeder Konflikt ist zu viel. Habe ich zwei Verpflichtungen an einem Tag, z.B morgens einen Arzttermin und nachmittags einen Gitarrenkurs, dann steh ich den Tag einfach nur irgendwie durch. Ich habe oft Momente, in denen ich vollkommen überfordert und überlastet bin. Dann setz ich mich hin und trinke Kaffee.

Man muss einfach nur für alles die richtige Strategie haben.

Ich glaube, ganz ehrlich, das soll alles nicht so. Dafür sind Menschen nicht gemacht, jahrelang mit der Klinge an der Kehle rumzulaufen. Oh Wunder der modernen Medizin. Ich habe schon oft gedacht, wäre es bei der ursprünglichen Diagnose geblieben, dann hättest du das alles hinter dir. Möchte ich jetzt mal ganz sachlich feststellen. Dieses Leben ist nämlich sehr anstrengend und irgendwie sinnlos.

Ich möchte jetzt hier so gerne etwas Positives hinschreiben z.B dass ich ganz weise geworden bin und mit ganz viel Gelassenheit auf mein Leben zurückblicke. Das ich Kleinigkeiten nicht mehr so schwer nehme und jetzt endlich weiß, was wichtig ist in meinem Leben. Oder, wartet, der Klassiker, ich bin so froh, dass ich das Leben jetzt ganz intensiv spüre. Ich bin glücklich um jeden Tag, den ich mit meinen Lieben erleben darf.

Ja, doch, das vielleicht schon eher. Ich bin glücklich um jeden Tag, den ich mit dem besten Ehemann von allen erleben darf. Oder sagen wir meistens 😉 Und Elvis der Pudel, natürlich. Auch meistens.

Ein Fazit:

Man braucht wirklich viel Humor, vorzugsweise Galgenhumor. Und es hilft auch etwas sarkastisch zu sein.

Man sollte auf jeden Fall ohne schlechtes Gewissen seinen Alkoholkonsum erhöhen und sich die Welt ein bisschen schöner saufen.

Pass auf dich auf. Und geh nicht in das Licht.

Und zur Erbauung halte dich an Churchill:                                                                           Das ist die Art von verdammten Blödsinn, den ich mir nicht gefallen lassen werde!

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Auf Reisen

Ich bin mal wieder unterwegs, diesmal fahre ich mit dem Schiff entlang der norwegischen Küste hoch ans Nordkap und wieder zurück nach Bergen. Angereist sind wir über Oslo und dann mit dem Zug hoch in die Berge auf fast 2000 m und wieder runter an die Küste, wo wir in Bergen an Bord gegangen sind. Das ist in echt genauso spektakulär, wie es sich anhört. Norwegen ist wunderschön.

Jemand hat mich über diesen Blog mal gefragt, wie geht das eigentlich, Reisen in deinem Zustand? Wenn man meine Diagnose liest, Krebs, Stadium 4, Metastasen, Lungenentzündung, dann meint man, ich müsste bettlägerig sein. Wenn man mich sieht, vergessen viele meine Diagnose, weil man es mir kaum anmerkt. Die Wahrheit liegt dazwischen. Früher hätte ich mich bei meiner Arbeitsstelle gemeldet und gesagt, ich bleib heute mal zuhause, mir ist nicht gut. 😁

Bei mir ist inzwischen aber längst angekommen, dass „mir ist nicht so gut“ der Dauerzustand ist und nicht mehr weg geht. Das ist eher mein neues „es geht mir gut“. „Es geht mir gut“ bedeutet, mir ist etwas schwindelig, ich habe immer wieder zwischendurch Bauchschmerzen und Sehstörungen, Muskelschmerzen, Muskelschwäche, Kreislaufprobleme, Verdauungsstörungen (mal weniger, mal mehr 😣) ich bin müde und nach einem anstrengenden Tag bekomme ich etwas, was ich Hirnklabaster nenne. Vor einigen Jahren habe ich mal so einen Videomarathon mit einer Freundin veranstaltet. Nach gut neun Stunden 😁 Serien gucken, war mein Hirn vollkommen überreizt, es fühlte sich an, als könnte man darauf Spiegeleier braten. Ich ertrug keinerlei Reize mehr, weder visuell, noch akustisch. Das habe ich heute nach einem Tag, an dem ich vielleicht vormittags 2 Stunden gearbeitet habe, mittags einkaufen war, am Nachmittag noch einen Kaffee mit einer Freundin getrunken und anschließend noch irgendeine Kleinigkeit erledigt habe. Am frühen Abend kann ich mich nur noch in die dunkle Stille legen und meinem Hirn beim Brutzeln zuhören.

Und wie kann man so reisen? Ganz gut, mit etwas Unterstützung vom besten Ehemann von allen 😊 . Vor meiner ersten Reise hatte ich wirklich Angst, zwei Monate davor hatte ich große Zweifel und habe schon bereut, die Reise gebucht zu haben. Aber dann ging alles ganz gut. Vor allem natürlich, weil d.b.E.v.A immer Pausen macht wenn ich es brauche und nicht genervt ist, wenn wir zwischendurch mal mehr vom Hotelzimmer als von allem anderen sehen. Manchmal sind wir unterwegs und dann möchte mein Körper nicht mehr so, wie ich gerade will. Übelkeit, Schwindel, Schmerzen. Dann nehme ich den Arm vom besten Ehemannes, lehne mich an und sag ihm, jetzt bitte mal ganz langsam. Und während ich mich darauf konzentrieren einfach einen Schritt vor den anderen zu setzen und tief ein- und auszuatmen, währenddessen kriegt sich mein Körper irgendwann wieder ein. Das dauert meist so 20 min und dann geht’s weiter.

Inzwischen ängstigt mich Reisen nicht mehr, ich weiß, es geht schon irgendwie und ich buche ja auch keine Raftingtouren, sondern halte eher nach den Seniorenvarianten Ausschau.

Und warum reise ich eigentlich so viel? Ich hab fast jedes Jahr Urlaub gemacht, war aber nie jemand, der Reisen zu seinem geliebten Hobby erklärt hätte. Jetzt bin ich wirklich oft unterwegs. Ich war in diesem Jahr schon in Rom, jetzt Norwegen, im Juni Amsterdam, Juli Greetsiel, im September Allgäu, im November Kanaren. .. Wow

Als Rentner habe ich natürlich erst mal mehr Zeit, von meiner Rente bleibt im Monat auch noch etwas übrig und wir sind natürlich auch zu zweit, ohne Kinder, ohne Auto.

Ich habe da aber auch noch einen anderen Verdacht. Immer wenn ich verreisen, dann fällt auch ein klein bisschen Lasten von mir ab. Ich bin dann aus meiner Welt und der Krebs, der bleibt auch Zuhause. Jedenfalls ein großes Stück vom Krebs, der Teil, der immer flüstert: diese Kopfschmerzen, das sind sicher neue Hirnmetastasen, hast du dem Arzt mal gesagt, dass du neuerdings immer so Schmerzen in der Hüfte hast? Und da, wo du neulich solche Krämpfe hattest, sitzt da nicht die Leber? Da musst du dich darum kümmern, das musst du alles im Auge behalten, pass bloß auf, der Krebs selbst hat sich ja auch unbemerkt angeschlichen.

Ja, aber jetzt hab ich Urlaub, da muss ich auf gar nichts aufpassen, außer einen Schritt vor den anderen zu setzten. Und alles was da ist und kommt, das muss eben warten, mein Arzt ist weit weg. Das hat Zeit.

Ich bin jetzt raus 😊

Krebs und Poesie ?

sprichBILDQUELLE:© IVECTOR, FOTOLIA.COM

Wie geht das denn zusammen? Hab ich mich auch gefragt und war am Weltkrebstag beim Poetry Slam zum Thema Sprich mit mir über Krebs.

Ich war etwas skeptisch, wie man so ein schwieriges Thema auf die Bühne bringen will, so, dass es zum Lachen ist, vielleicht auch zum weinen, aber das bitte nicht auf der Bühne. Manches war schwer auszuhalten, vieles hat mich und meine Krebskollegin mit der ich da war sehr berührt.

Unglaublich, die haben das so gut gemacht, aber seht selbst, bitte:

Das Ganze war übrigens organisiert von der Krebsgesellschaft NRW und hier gibt es noch weitere Infos:

http://www.krebsgesellschaft-nrw.de/was/b_projekte/Sprichmitmir

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Wie ein Brocken im Hals liegt mir das letzte halbe Jahr und den muss ich jetzt aushusten, damit ich weitermachen kann, mit allem. Bevor ich irgendetwas anderes schreiben kann, muss erst noch diese ganze Geschichte zu Papier gebracht werden, raus aus meinem Kopf, in die Akten, in den großen fetten Ordner mit der Aufschrift SO ISSES!

Ich bin aus dem Krankenhaus entlassen, mein Mann und ich erzählen meiner Familie dass ich an Krebs sterben werde. Die erste Reaktion meines Bruders: „Tja, hättest du mal nicht so viel geraucht.“

Eine Woche, nachdem ich die Diagnose bekommen habe, dass ich Lungenkrebs im Endstadium habe und wahrscheinlich nur noch wenige Wochen leben werde, sitze ich auf der Terrasse meiner Schwägerin. Sie erzählt mir lachend, dass meine Mutter immer noch wegen mir rum heult…

Dank meiner Eltern habe ich nach einem Jahr einen kleinen Pudel, der fortan an meiner Seite ist, er ist mein kleiner Sterbebegleiter, er fordert mich, er will dass ich mich bewege, wenn ich nach schlechten Nachrichten aus dem Krankenhaus nach Hause komme, dann soll ich gefälligst mit ihm spielen statt zu weinen. Meine Eltern werden ihn nach meinem Tod aufnehmen und sie betreuen ihn, wann immer ich verreisen möchte und ihn nicht mitnehmen kann. Sie wollten nie einen Hund, sie tun das für mich. Sie lassen sich auf Elvis ein und gehen eine Beziehung zu ihm ein. Wer einen Hund hat, weiß, das ist fast ein kleiner Kinderersatz. Ich bin so froh, dass für ihn nach meinem Tod gesorgt ist. Meine Schwägerin sagt zu meinen Eltern, mein Hund gehört nicht hierher, er ist nur ein Gast hier, ihr eigener Hund hätte im Haus meiner Eltern Hausrecht, er wäre schon viel länger hier. 

Vielleicht hat mein Bruder seine erste Reaktion bereut, er fragt mich jedesmal, wenn wir uns (mal) sehen, wie es mir geht. Dieses „wie geht es dir“ mit dem ernsten Unterton. Ich sage gut. Er sagt gut. Dann wechselt er schnell das Thema. Danke für dein ehrliches Interesse. Nicht.

Ich war mal sehr sportlich, 5 mal die Woche habe ich trainiert, Laufen und Muskeltraining abwechselnd. Schnell habe ich zugenommen, nachdem ich wegen einem ausgeprägten Hirnödem sehr starkes Cortison über zwei Monate zu mir nehmen musste. Ich habe Schmerzen, Tag und vor allem nachts, weil die Medikamente gemeine Muskelschmerzen und Muskelschwäche auslösen. Ich bin 95 Jahre und schleppe mich im Park von einer Bank zur nächsten. Meine Schwägerin erzählt mir, dass sie jetzt läuft. Jeden Tag, 3 km, das tut so gut, sie fühlt sich so fit, sie hat abgenommen. Jeder sollte das mal versuchen, wirklich. Sie erzählt mir das über 6 Monate lang, jedes Mal wenn wir uns sehen.

Weihnachten. Ich und meine Eltern, mein Mann, meine Schwester, ihr Freund. Nebenan im Haus mein Bruder, seine Frau, die drei Kinder, die Schwiegereltern. Zum Nachtisch sollen wir zusammen treffen. Wir sind nicht so schnell, drüben wurde schon um 18 Uhr gegessen und jetzt ist die gemeinsame Bescherung geplant. Wann kommen wir endlich? Wir haben grad mit dem Essen angefangen. Ein einstündiger Telefonterror beginnt, immer wieder ruft sie an. Sind wir jetzt bald fertig? Ihr schön geplantes Weihnachtsfest steht wahrscheinlich auf dem Spiel. Es soll alles perfekt sein. Sie schickt ihre Tochter vorbei während wir noch essen…  schließlich können sie doch nicht abwarten und machen die tränenreiche, rührende Bescherung eben ohne uns. Sie haben es zum Glück gefilmt. Als immerwährende Erinnerung an ihr perfektes Weihnachten…. 

In ihrer Nachbarschaft ist eine Frau an Krebs gestorben. Sie erzählt ganz sachlich, auch dass der Mann kurz nach dem Tod mit der Frau abschließt, sich verabschiedet und dann ist gut. Auf eine kurze Nachfrage erzählt sie mir gerne (habe ich wirklich das Gefühl dabei) in epischer Breite von dem Krebstod und Umgang des Ehemannes damit. mit sichtbar guter Laune, total abgeklärt. So als wäre nichts dabei. So als wäre das nicht meine eigene Geschichte. Wenn ich etwas von meiner eigenen Geschichte erzähle, wenn es nur eine Anekdote aus dem Krankenhaus ist, dann wird betreten geschwiegen und auf die Erde geguckt. Als ob ich grade irgendwas total peinliches sage. In dieser Situation habe ich das erste mal im Kopf: Das macht sie extra. Das sind alles keine Zufälle oder Gedankenlosigkeit, sie macht das wirklich extra um mir weh zu tun. 

Ich war mein ganzes Leben für meinen Bruder und für meine Schwägerin da. Als die beiden sich in jungen Jahren getrennt haben, da habe ich meinen Bruder bei mir aufgenommen. Sechs Wochen habe ich mir die Litanei seines Liebeskummers angehört und versucht ihm Mut zu machen und für ihn da zu sein. Als alle aus der Familie meine Schwägerin schnitten, weil sie abgehauen ist und einen neuen Freund hatte, da habe ich mich ein paar mal mit ihr getroffen. später sagte sie, ich wäre die einzige aus der Familie gewesen, die für sie da gewesen wäre. Als sie Probleme mit den Kindern hatten, habe ich alles stehen und liegen lassen, bin hingefahren, habe mich gekümmert.

Ich kann mir sicher ein paar Dinge vorwerfen lassen. Ich bin manchmal ein Grinch, wenn der Kitsch in dieser Pinterest-Familie zu groß wird. Wären wir nicht verwand, wir hätten wahrscheinlich nichts miteinander zu tun, viel zu groß sind die Diskrepanzen, unsere Werte, unsere Vorstellungen von einem guten Leben. Dieser Lebensentwurf ist eher das Gegenteil von dem, was ich als erstrebenswert ansehe. 

Aber ich kann wohl sagen, dass jeder immer auf mich zählen konnte. Ich habe niemals jemanden in Stich gelassen, ich habe immer geholfen. Ich habe unterstützt,  wenn es gebraucht wurde, ich war immer da. 

Im Frühling erzählen mir meine Eltern, dass sie sich einen neuen Wohnwagen kaufen möchten. Den alten großen Familienwohnwagen möchten sie loswerden, sie wollen was kleines. Mein Mann und ich verabreden uns mit ihnen für die Caravan-Messe. Wir sind auch jedes Jahr da, auf der Tour Natur. Wir wollen gemeinsam nach einem Wohnwagen gucken, das macht Spaß, denke ich. 

Als wir dort ankommen, sind auch mein Bruder, meine Schwägerin, die beiden Töchter und der Freund meiner Nichte dort. Ich freue mich. Ich gehe mit meinem Mann erst auf die Tour Natur, die anderen gehen zusammen los. In der Mittagspause treffen wir uns wieder. Wir sitzen draußen, essen etwas, meine Schwägerin fragt mich, wie ich es finde, dass meine Schwester schwanger ist. Sofort höre ich an ihrem Ton worauf sie aus ist. Sie fragt nicht, wie es mir damit geht, weil ich ja eigentlich selbst Kinder haben wollte. Es interessiert sie nicht, ob ich damit gut umgehen kann, ob es mir schwer fällt. Sie zielt auf ein Gespräch ab, dass ich zwei Tage zuvor mit meiner Schwester und meiner Nichte auf meinem Balkon hatte. Meine Nichte hat ihr offenbar davon berichtet und ihrem Ton nach zu urteilen, hört sie ein Potential heraus, etwas gegen mich verwenden zu können. Dies ist tatsächlich mein spontaner Eindruck, in der Sekunde, in der sie ihre Frage stellt. Diesen Gedanken habe ich. Aber hintenrum ist nicht meine Sache. Ich sage ihr fast wortwörtlich was sie hören will, so wie ich es meiner Schwester auch gesagt habe, die dabei nur gelacht hat. Dass ich mich bei ihren ganzen bekloppten Ideen die sie hat, auf jeden Fall die nächsten neun Monate am besten ganz aus ihrer Schwangerschaft raushalte. Weil ich mich sonst nur aufrege. Im Nachhinein muss ich dazu sagen, dass mir das raushalten insbesondere bei ihrer Namenswahl nicht wirklich gelungen ist, aber erstens war es nur für das Wohl des Kindes ( 😉 ) und zweitens ist meine Schwester so geduldig und langmütig wie stur. 

Meine Schwägerin nickt befriedigt und sagt nichts mehr. Das wollte sie offenbar hören. Wie es mir geht interessiert sie immer noch nicht. 

Nach der Pause gehen wir zusammen Wohnwagen gucken. Dabei gibt es ein Problem. Meine Schwägerin will nicht, dass meine Eltern sich einen kleinen, sondern einen großen Wohnwagen kaufen. Weil sie in Zukunft ganz viele Enkel mit in den Urlaub nehmen sollen. Glaube ich. Die es nicht gibt. Aber die kommen dann ja alle und wenn die groß genug sind und meine Eltern dann bald auf die 80 zugehen, sollen die alle mit. Deshalb brauchen die einen großen Wohnwagen. Ich gucke weiterhin nach kleinen Wohnwagen. Ich sage das auch. Meine Eltern gucken auch nach kleinen Wohnwagen, aber sie sagen das nicht, sie sind bei solchen Dingen eher die Nichts-Sager. Die Familie meines Bruders versucht sie mit Nachdruck zu einem großen Wohnwagen zu überreden, ich sage auch nicht mehr viel dazu. Ich suche die kleinen. Plötzlich brechen sie auf, gehen alle, verabschieden sich freundlich. Ich bin verdutzt, aber gut.

Meine Eltern und mein Mann, wir gehen noch in die letzten Hallen. Und da stehen ganz tolle Wohnwagen, kosten fast die Hälfte von dem, was wir bisher gesehen haben. Und sie sehen gut aus. Gefällt meinen Eltern. Sie werfen nicht einen Blick in einen größeren Wohnwagen, interessiert sie gar nicht. Ich frage meine Eltern Und? Mein Vater, hm, ja , also eigentlich wollten wir ja erst nächstes Jahr einen kaufen. Ich frage warum? Und meine Mutter sagt, ja warum eigentlich? Sie überlegen, sie lachen, sie kaufen, sie freuen sich. Ich schreibe per What´s App den Verlauf. Das es hier einen Wagen gibt, der in Frage kommt. Keine Reaktion. Dass sie überlegen, ob sie ihn kaufen sollen. Keine Reaktion. Dass sie ihn gekauft haben. Keine Reaktion. Dass sie sich freuen. Keine Reaktion. 

Ich erfahre dann später, dass sie da alle schon im Garten sitzen, sich die Köpfe heiß reden, ich wäre es schuld, ich hätte sie überredet, sie wollten gar keinen Wohnwagen kaufen, nur wegen mir haben sie diesen gekauft etc etc. Ich weiß nicht, was noch für böse Worte gegen mich fallen. Selbst der Freund meiner Nichte erblödet sich nicht, den Kommentar abzugeben, dass ich ja voll genervt hätte mit der Suche nach einem kleinen Modell. Da sitz der Clan und wartet auf meine Eltern. Die kommen nach Hause und werden angeschrien. Wie können sie nur, alles wegen mir, sie sollten nicht, wollten nicht, durften nicht einen Wohnwagen kaufen (ohne Erlaubnis meines Bruders und meiner Schwägerin offenbar). Sie reden, überreden, verunsichern. meine Eltern, eben noch froh sind jetzt traurig. Gehen nach Hause. Meine jüngste Nichte kommt rein. Oh wie schade, sie kann ja jetzt gar nicht mehr mit in den Urlaub fahren, der Wohnwagen ist ja jetzt viel zu klein ( Anm. d. Red. Es sind drei Schlafplätze im Wohnwagen vorhanden). Aber es ihr leider viel zu klein. 

Meine Eltern grübeln, haben sie einen Fehler gemacht? Nein, entscheiden sie am nächsten Tag. Alles gut so. 

Ich höre erst zwei Tage später Andeutungen davon, sie dürfen mir nichts davon erzählen eigentlich. Das dort die ganze Zeit gegen mich gehetzt wird, dass sie meinen Eltern die Freude an ihrer Anschaffung kaputt machen. Ich rufe meinen Bruder an, ich möchte das ruhig klären. Möchte sagen, dass ich zu nichts überredet habe ( möchte nicht sagen wer hier versucht hat zu überreden). Ich werde von meinem Bruder in 30 Sek. abgespeist „Ja wenn du meinst“ „ist ja jetzt gelaufen“ „Tschüss“. Ich weine nach dem Telefonat, bin auch abends noch fassungslos, als mein Mann nach Hause kommt. Er tröstet mich. 

Der Terror meines Bruders und meiner Schwägerin geht weiter, sie kommen in die Wohnung meiner Eltern, schreien sie an, bis meine Mutter weinend aus dem Zimmer läuft. Aber immer noch ändern sie nicht ihre Meinung. 

Ein paar Tage später, mein Vater ruft mich an. Ich muss dich etwas fragen. Eigentlich darf ich dir nichts sagen, aber ich kann mir das einfach nicht vorstellen bei dir. Deine Schwägerin war gerade da. Ich weiß ja, dass du auch gerne Kinder gehabt hättest. Und wir hätten uns ja auch gefreut, wenn wir eine Enkelkind von dir bekommen hätten. Und die Situation jetzt ist bestimmt nicht leicht für dich. Aber deine Schwägerin hat gesagt, du hättest gesagt, dass du deiner Schwester die Schwangerschaft zur Hölle machen/ richtig schwer machen/ kaputt machen würdest (Anm. genauer Wortlaut hier, ist mir vor schock leider nicht mehr in Erinnerung).

Nein, sage ich, habe ich nie gesagt, würde ich niemals sagen, geschweige denn tun. Mein Vater sagt, dass konnte ich mir auch nicht vorstellen. 

Ich kann nach dem Telefonat gar nichts mehr denken. Ich weiß nicht was ich denken soll. Ich finde das eben gehörte so abwegig, dass ich gar nicht sauer bin, ich gar nichts mit dieser Information anfangen kann. Ich verstehe das nicht. Ich kann dazu nichts sagen. Auch weil meine Eltern ja nichts sagen dürfen, weil sie sonst wieder Ärger kriegen. Ich weiß wie das aussieht, ich habe das schon einmal miterlebt, aber das ist eine andere Geschichte. 

Ich weiß nicht was los ist. Der Monat vergeht, ich habe keine Medikamente, die alten wirken nicht mehr, die Beschaffung neuer zieht sich hin. Eine lebensgefährliche Situation für mich. Von meinem Bruder, seiner Familie kommt …. nichts. Wahrscheinlich sind sie noch damit beschäftig mir zu verzeihen, dass ich meinen Eltern einen viel zu kleinen Wohnwagen aufgedrängt habe. 

Weitere Wochen vergehen, keine Medikamente, keine Reaktion. 

Ich grüble derweil, halb nur, die andere Hälfte von mir macht sich zunehmend Sorgen wegen der medizinischen Situation. Ein großer Druck baut sich auf, der Tod ist mal wieder zum Greifen nah, auch wenn es Aussicht auf die Medikamente gibt. Aber wo sind sie? Nicht in meiner Hand. 

Eine Nachts wache ich auf und mir ist auf einmal klar, dass meine Schwägerin wirklich und wahrhaftig zu meinen Eltern gegangen ist und ihnen unfassbare Lügen über mich erzählt hat, mit dem Ziel, dass sie sich von mir distanzieren. Sie wollte die Eltern und ihre sterbende Tochter auseinanderbringen. Sie wollte meinen Eltern die letzte Zeit mit mir nehmen, sie wollte dass ich alleine sterbe. 

Im Nachhinein seltsam, dass ich so lange gebraucht habe, um das zu realisieren. Aber für mich so unfassbar, ich weiß auch nicht, ich kann es nicht erklären. Die Erkenntnisse kommen mir Stück für Stück. Das sie die Tatsache, dass ich wegen meiner Krebserkrankung keine Kinder bekommen kann, gegen mich einsetzt. Das sie versucht, mir daraus einen Strick zu drehen. An der Stelle, wo ich Mitgefühl und Verständnis erwartet habe ist nur Böses. 

Wir waren schon lange zu einem Familien- Termin verabredet, gleichzeitig ein Geburtstagsgeschenk für mich. Ich sage anderen Bescheid, dass ich nicht kommen kann. Sie schreibt mich an, ob sie den Termin verschieben sollen. Ich schreibe ihr, dass ich denke, dass sie, mein Bruder und ich mal eine kleine Beziehungspause brauchen. Dass sie sich keine Gedanken wegen dem Geschenk machen soll. Ich schreibe vorsichtig, weil ich immer noch nicht fertig bin mit, es fassen können und grübeln (und mir Sorgen wegen des Medikaments machen). Keine Reaktion mehr, bis heute. Nie wieder was von ihr gehört.

Mein Bruder kommt zum Geburtstag meines Mannes, zaghaft, fragt wie es mir geht. ich habe bei so vielen Gästen keine Zeit mit ihm diese Sache zu klären, er sagt nichts. Meine Schwägerin, meine Nichten sind in London. Immerhin, ich rechne es ihm hoch an, dass er kommt. Jetzt frage ich mich: warum eigentlich?

Auf einem Geburtstag meiner Nichten sehe ich meine Schwägerin wieder, nur kurz bei der Begrüßung, sie sagt Hallo, ich sage Hallo, sie sagt, hey du hast ja dunkle Haare, ich sage ja und gehe woanders hin. Auch nicht gerade der Ort und die Zeit für ein Gespräch. Aber ich bin inzwischen auch wirklich sauer. Die Wut ist endlich bei mir angekommen. Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Wie kann man? Wie geht das? Wieviel Niedertracht und Boshaftigkeit muss in deinem Charakter sein, um so etwas fertig zu bringen? Das alles?

Meine Eltern, meine Schwester sagen, da hat sie bestimmt nicht drüber nachgedacht, das hat sie bestimmt nicht so gemeint, so weit denkt die gar nicht… Ich rede mit meinem Mann darüber, die ganze Zeit über versichere ich mich bei ihm, liege ich falsch? Er ist deutlich rationaler als ich, er sagt nein, du hast recht. Nach und nach erzähle ich auch Freunden die Geschichte. Zuerst habe ich nichts gesagt, ich habe mich zu sehr für meinen Bruder und meine Schwägerin und meine Nichten geschämt. Diese ganze lächerliche Wohnwagengeschichte und wie sie meine Eltern fertig gemacht haben, war mir peinlich. Was, sagen meine Freunde, nie wieder würde ich ein Wort mit der reden und finden dann aber viele, ganz andere  Worte für sie. 

Ich beschließe, dass ich nichts mehr verheimlichen muss und lügen muss ich auch nicht für sie. Wer glaubt wirklich, dass ihr Verhalten nicht gemeine Absicht war und das schon die ganze Zeit. Dass sie schon, seitdem ich erkrankt bin, versucht mir zu schaden? Ich habe ja auch lange gebraucht, um das zu begreifen, ich kann nur noch sagen, Taten sprechen mehr als Worte. Und ein Mensch, der so etwas tut, das ist kein netter Mensch (liebe Schwester) man kann nicht so etwas tun und gleichzeitig doch eigentlich ganz nett sein. Das geht nicht. 

Sieben Monate sind vergangen, ich habe nichts gehört, von niemandem. Mein Bruder trifft meinen Mann manchmal auf einem Männerabend, dann fragt er natürlich pflichtschuldig wie es mir geht. Ich denke, es interessiert ihn eigentlich einen Scheiß. (Entschuldigung) 

Das sind Wahrheiten, die ich begreifen muss. Dass es da kein Zurück mehr gibt, das es da keine große Familie gibt, die hinter mir steht. Das hat meine Schwägerin (hauptsächlich) kaputt gemacht. Oder ans Tageslicht gebracht. Das da vielmehr Menschen sind, die hinter meinen Rücken daran arbeiten mir zu schaden. Die sich kein Stück für mich interessieren. Die mir die Zeit, die ich noch habe schwer machen. Denen ich auf gar keinen Fall vertrauen kann. Die einfach allesamt riesengroße gemeine Arschlöcher sind. 

Und das ich loslassen muss. 

Schwimmen lernen

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So.

6 Wochen ohne Medikamente. 6 Wochen ohne zu wissen was wird, geschwommen, ohne ein Ufer in Sicht. Von Tag zu Tag schwindet die eigene Zuversicht. Schwierige Zeit.

Ich habe die Reißleine gezogen, mich an die Experten an der Uni Köln gewandt, um Zweitmeinung gebeten und auch innerhalb von 24 Stunden bekommen. 3 Tage später konnte ich meinen Onkologen dann ein Rezept abringen, anders kann man es leider nicht sagen. Mein Onkologe ist nett und er weiß auch wirklich viel, auch über meine spezielle Krankheit. Leider holt er sich keine Hilfe, wenn er mal etrwas nicht weiß, das weiß ich jetzt. Gut dass Köln da ist, gut dass Köln so nah ist, dass ich jederzeit ganz dorthin wechseln kann. Jetzt steh ich erst mal da und die Metastasen konnten sich in ganzen 6 Wochen ungehindert in meinem Körper ausbreiten. Das ist schlecht. Zwischendurch denke ich, was wäre wenn… ich diesmal so viele Hirnmetastasen habe, dass ich eine Ganzkopfbestrahlung brauche? Ich so wenige habe, dass sie wieder Löcher in mein Hirn schießen wollen? Diese stechenden Schmerzen an der Hüfte Knochenmetastasen sind?  Und mein rechter Fuß? Werde ich wieder zu Kräften kommen oder bleibe ich jetzt so geschwächt?

Och, mal sehen…

Mit dem neuen Medikament werden die Fragen erst mal weniger drängender aber ich spüre trotzdem, dass in meinem ganzen Körper eine ANSPANNUNG bleibt. So stark, dass sie nur groß geschrieben werden kann. Als hätte ich was Wichtiges vergessen..

So, als wäre ich unterwegs und dann fällt mir ein, dass ich vielleicht das Bügeleisen angelassen habe. Habe ich die Herdplatte ausgemacht? Den Backofen? Liegt die Schokolade noch auf dem niedrigen Couchtisch und der Hund ist alleine zuhaus? Habe ich alle Kerzen ausgepustet? Kommt ein Sturm auf und das Fenster steht noch sperrangelweit offen? Alle Gäste sind schon da,wo bleibt der Caterer? War Antwort B in der Prüfung doch die Richtige?  Habe ich dem Redner gesagt, dass die Veranstaltung doch woanders stattfindet? Sind die Medikamente im Koffer? Und der Reisepass leider auch? War gestern der Geburtstag von…? Habe ich wirklich Krebs und werde daran sterben?

Ja.

And the winner is…

Na ja, fast. Immerhin 2. beim Hunderennen des Hundesportvereins! ELVIS!!

 

Ich habe das Plakat gesehen und ihn einfach mal angemeldet, beim Spaßrennen für Jederhund (außer Windhunde ! 😉  ) Und er hat sich gar nicht schlecht geschlagen mein kleiner Flitzer 🙂 Ganz knapp hat er den 2. Platz gemacht. Go Elvis Go

Und hier noch ein Schnappschuss mit seiner festen Freundin, er ist ja inzwischen schon ein Teenager. Er und Maggie kennen sich vom ersten Tag an, sie sind gleichalt.

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Und was gibt es sonst noch?

Ich warte gerade auf meine Medikamente. Im Augenblick nehme ich gar nichts. So sieht es aus und dass jetzt schon seit mehr als zwei Wochen. Bei meinem Tumor wurde wieder mal eine Resistenz festgestellt, also brauchen wir was anderes. In Deutschland gibt es keine zugelassenen Pillen mehr für mich, in den USA schon. Es wurde ein Antrag gestellt, schon vor vier Wochen und wir warten… und warten…

…und die bösen kleinen Zellen wuseln derweil durch meinen Körper und nisten sich wieder überall ein. So langsam mache ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass das nicht klappen könnte mit den Medis aus den USA. Das bedeutet erst mal eine Chemo und danach Immuntherapie (wobei beides in meinem Fall nicht viel bringt).  Also konkret: Abschied vorbereiten. So. Nicht pessimistisch, aber ich will nicht, dass es mich kalt erwischt. Viel mehr kann ich im Augenblick dazu nicht sagen. Jammern werde ich dann das nächste Mal. 🙂 Echt jetzt.

Die Familienstreitigkeiten befinden sich weiterhin in der Schweigephase, allerdings sind sie etwas in den Hintergrund gerückt, dafür bin ich gerade zu sehr damit beschäftigt mich mit anderen Dingen (siehe oben) auseinanderzusetzten oder nach hinten zu schieben, je nachdem. Ich erlaube mir eine „Beziehungspause“, wie der beste Ehemann von allen vorgeschlagen hat.

Und last but not least:

Meine Schwester ist schwanger! Jippie jea! Ich freu mich für sie, oder, um es in den Worten ihrer Chefin zu formulieren: Wie schön, dass sie sich diesen Wunsch in ihrem Alter noch erfüllen kann 😂😂😂 hehe

Ich musste bei der Nachricht natürlich neben den Glückwünschen für sie, auch erst mal schlucken. Ich hatte auch versucht schwanger zu werden, aber dann erwischte uns schon der Krebs eiskalt. Es war aber nicht die Schwangerschaft konkret, die mir ein wenig den Hals zuschnürte, denn ich bin sehr froh, dass ich mich jetzt nur um mich selbst kümmern muss, mit einem Kind wäre ich überfordert. Vielmehr dieses konkrete Zukunft gestalten, Pläne schmieden, Träume haben, Bilder vor seinem Augen sehen, wie in einem Jahr oder in fünf das Leben aussieht. Das hätte ich auch gern, dafür bräuchte ich kein Kind. Aber es war nach ein paar Tagen schon wieder gut. ich freue mich darauf meine Schwester fett werden zu sehen 😎😉Jeder braucht ein paar Träume 😆