Arztgespräche

Vor ein paar Tagen habe ich zu diesem Thema ein Video aufgenommen und zu Cancer Unites gesendet, die aus den Beiträgen mehrerer Krebsblogger einen Film zusammenschneiden. Ich glaube, ich habe wirklich das erste mal ein Video von mir aufgenommen und das war nicht einfach. Also, ja, klar, Handy an und los geht’s, aber die Vorgabe war eine Frage in einer Minute zu beantworten wie z.B . Was gefällt dir, bzw. was gefällt dir nicht an deinem Arzt? Um das in einer Minute zu beantworten muss man schon auch zügig durchsprechen, keine Gedankenpausen machen oder zwischendurch doof in die Kamera gucken. Nachdem ich mir die ersten Videos angesehen habe, war ich echt etwas überrascht: ich bin ein langsamer Sprecher. Mannoman, wie sagt man so schön: „Der kannst du beim Gehen die Schuhsohlen beschlagen.“ Da ich vor meiner Rente Fortbildungen gegeben und öfter auch Vorträge gehalten habe und da ein gutes Feedback, gerade bezogen auf meine Sprechweise, erhalten habe, schiebe ich das jetzt einfach mal auf das ungewohnte Format. Mal gucken, vielleicht bin ich das nächste Mal zufriedener mit mir.

Jetzt mal zum Inhalt: Arztgespräche, davon hatte ich dieses Jahr schon reichlich! Im Januar lief ich vom Onkologen zum Strahlentherapeuten, zur Neurochirugie, zum Neurologen. Der Tumor wächst, wir müssen ihn bestrahlen, Hirnmetastasen waren noch keine da, bei der Neurologin war ich wegen Migräne und Polyneuropathien.

Fingerspitzen und Zehen wurden mit kleinen elektrischen Stromschlägen traktiert um zu sehen, ob Nervenschädigungen vorlagen. Im Dezember, als ich mich bei der Neurologin vorgestellt hatte, sprachen wir darüber, jetzt sollte getestet werden. Im Dezember war die Neurologin ganz zugewandt und freundlich, da hatte sie meine Diagnose vor sich auf dem Tisch liegen. Das hatte sie offenbar im Januar nicht, denn als ich nach dem Test (der ihre Idee war) in ihr Sprechzimmer kam, war sie etwas schroff und kurz angebunden. Der Test war negativ (hatte ich mir auch gedacht, weil die Polyneuros erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt werden) und ich hatte den spontanen Eindruck, dass sie 1. dachte ich bin ein Hypochonder und 2. sie keinen Schimmer mehr hatte, weswegen ich eigentlich da war.  Das ist die Krux, wenn man mit einem Bein im Grab steht, aber aussieht wie das blühende Leben. Ich hatte keine Lust sie zu erinnern.

Das komplette Gegenteil ist mein Arzt in der Strahlenklinik, total zugewandt und mitfühlend. Und ernst.

Mein Onkologe ist eine Teddybär der mit dem Kopf wackelt: Hmm, ja, das sieht so aus, tja, da sollten wir vielleicht noch mal genauer hingucken, da sollten wir doch mal was machen.. und so.

Letzte Woche hatte ich CT. Gespräch mit Onko und Strahlenarzt stand an. Der bestrahlte Tumor tut das was er tun soll, nämlich nix. Der Tumor, der vor 1,5 Jahren bestrahlt wurde, wächst, wächst an seinen Rändern weiter Richtung Mitte, Richtung Luftröhre, Speiseröhre, Herz etc. Das ist jetzt mal speziell für Bestrahlungen nicht so toll.

Der Onkologe: Ja, das sieht so aus, als ob der andere Tumor größer geworden ist, aber ich hab wirklich nicht den Eindruck, dass das so dramatisch ist, wie im Befund beschrieben, das ist ja noch klein, ich glaub das reicht, wenn wir im Sommer da noch mal drauf schauen. Wenn sie möchten, können wir auch jetzt schon ein Broncho (Bronchoskopie) machen, aber, ähm, tja, was meinen Sie denn? sie sprechen ja noch mit dem Strahlungsdok, können wir ja mal hören, vielleicht können die den ja  auch nochmal bestrahlen…

Der Strahlenarzt: Ach, Frau 5Phasen, sehen Sie, der Tumor wächst Richtung Körpermitte, also wir haben lange über Sie gesprochen, Sie sind ja ein außergewöhnlicher Fall, das ist dann die zweite, an manchen Stellen die dritte Bestrahlung an dieser Stelle. Wir sind dazu bereit, aber die Risiken steigen stark an und wir möchten lieber auch noch soviel Zeit verstreichen lassen wie möglich, bevor wir da dran gehen. Eine Lungenblutung ist wahrscheinlich, eine Entzündung des ganzen Mediastinums (also einfach alles was sich da so in der Körpermitte tummelt) und, und, und…  Wir brauchen im Sommer auf jeden Fall ein Komplett-Staging mit Knochen und Gehirn und wir wollen Sie ins Tumorboard nehmen ( gemeinsame Konferenz meiner unterschiedlichen Kliniken).

Liebe Frau 5Phasen, ich weiß gar nicht wovor ich mehr Angst habe, bei ihnen etwas zu tun oder bei ihnen nichts zu tun…

Ratet mal, nach welchem Gespräch es mir besser ging.

Unterschiedliche Patienten ziehen unterschiedliche Arztgespräche vor, keine Frage. Ich kann nur von mir sprechen. Mir ist lieber, der Arzt macht kein Alarm, bleibt ruhig und gelassen, egal wie es gerade steht. Ich bin palliativ, mein Krebs steht niemals still,  er sucht jede Lücke die er finden kann und grätscht da rein. Wie das ausgeht ist seit Beginn bekannt und schlimmer kann´s ja nicht kommen. Wozu sich also aufregen? Ich weiß wo die Reise letztendlich hingeht und je weniger dieser Weg und das Ziel negativ besetzt werden, um so besser. Ich möchte nicht suggeriert bekommen, dass der Tod etwas furchtbar Schlimmes ist, den man, wenn es nur irgendwie geht, unter allen Umständen ausweichen und vermeiden muss.  Ich habe ja keine Wahl, Akzeptanz und Gelassenheit sind die einzigen Werkzeuge, die mir weiterhelfen und dass würde ich mir auch von den Menschen wünschen, die mich auf diesen Weg ein Stück begleiten. Und ein bisschen Humor noch, bitte schön.

Arzt: “ Sie haben Krebs und Sie haben Alzheimer“
Patient: “ Na Gott sei Dank kein Krebs“

Wer darf leben?

Am Sonntag schlage ich die Zeitung auf und sehe diese Überschrift. Um es kurz zu machen: ich nicht.

Die lange Version: die medizinische Ethik-Kommission hat sich Gedanken über die schwierige Situation für Ärzte gemacht, die in Italien leider schon Alltag ist, zu wenig Beatmungsgeräte für zu viele Patienten und die Entscheidung, wer wird beatmet, wer nicht. Diese Entscheidung mussten sehr viele Ärzte alleine und zu Beginn oft auch halb aus dem Bauch heraus treffen, was die meisten schwer emotional mitgenommen haben dürfte. Aus diesem Grund hat sich die Kommission berechtigt überlegt, den Ärzten hier klare Kriterien an die Hand zu geben, nach denen sie entscheiden können, wer behandelt wird und wer nicht, wenn auch hier die Anzahl der Patienten die Kapazitäten der Klinik übersteigen.

Anders als in Frankreich und inzwischen auch in Italien ist hier nicht das Alter das einzige Kriterium (ab 75 bist du weg vom Fenster), sondern eine Abwägung der Chancen des jeweiligen Patienten. Seine Vorerkrankung, seine Konstitution, auch sein Alter, aber nicht nur. Fortgeschrittene Krebserkrankung ist ein Ausschlusskriterium für die Beatmung bei einem schwerwiegenden Verlauf.

Ich habe wirklich nicht an diesem Sonntagmorgen damit gerechnet, die Zeitung aufzuschlagen und zu lesen, dass mir nicht geholfen wird, wenn ich an Covid erkranke. Ich musste unwillkürlich an diesen Sci-Fi-Film denken, Deep Impact.  Der, in dem ein riesiger Meteor auf die Erde zurast und alles Leben auslöschen wird und eine Verlosung stattfindet, wer in die staatlichen Bunker darf. Da gibt es diese Szene, die ältere Mutter eines Protagonisten sitzt vor dem Fernseher und hört, dass alle ab 65 von der Verlosung ausgeschlossen werden, keine Chance auf Rettung für sie. Ich fand diesen Film immer sehr bedrückend. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages in der gleichen Situation sein werde.

Fakt ist, meine Lunge ist gerade in ziemlich desolaten Zustand, seit mehr als einem Jahr eine chronische Lungenentzündung durch die Medikamente und durch eine erneute Bestrahlung im Februar die erhöhte Gefahr einer zusätzlichen strahlungsbedingten Lungenentzündung und die Aussicht auf eine mögliche Lungenblutung, weil sich bestrahlte Gebiete überlappen. Ich glaube also echt nicht an eine leichte Verlaufsform, falls ich mich anstecke. Und die Ansteckungsgefahr ist groß.

In einem anderen Artikel wurde mir empfohlen gar nicht erst in ein Krankenhaus zu gehen, erstens belaste ich unnötig Notarztwagen, Sanitäter, Pfleger und Ärzte, wo mir doch sowieso nicht wirklich geholfen wird und zweitens, würde ich doch auch so nicht sterben wollen, isoliert und nur unkenntliche Maskengesichter um mich herum. Wenn denn überhaupt jemand da ist. Lieber soll ich bei Ansteckung den ambulanten Palliativdienst kontaktieren, damit ich zu Hause sterben kann.

Habe ich Verständnis dafür? Ja, kann ich verstehen. Kann ich wirklich. Ist das unglaublich erschreckend für mich? Ja, total. Ich habe gerade nicht so wirklich viel Hoffnung in drei Monaten noch zu leben. Draußen laufen die Menschen herum, sonnen sich, gehen spazieren, spielen im Park, sprechen von Entschleunigung und davon dass das Virus doch auf für etwas gut ist. Ich komme mir vor wie in der Twilight Zone.

Dann kommen immer mehr Rufe, man muss auch an die Wirtschaft denken, Trump, der Vollpfosten, sagt, die Kur darf nicht schlimmer sein als die Krankheit. Jetzt muss es aber mal langsam gut sein, lasst uns doch einfach die Risikopatienten isolieren und alle anderen können dann ihr Ding machen. Wegen 10% sollen 90% ruiniert werden…

Ach echt? In Deutschland leben ca. 4,5 Mio  Menschen, die älter sind als 80 Jahre ( ich nehme mal diese Altersgruppe, um weniger Überlappungen mit den nachfolgenden zu haben),  1,7 Mio. Krebskranke, 8 Mio. Asthmakranke, 6,7 Mio. Menschen mit Diabetes und keine Ahnung wie viele Menschen eine Herz-Kreislauferkrankung haben, die mit Abstand häufigste Todesursache jedes Jahr. Leberkranke, Nierenkranke… mehr als 22 Millionen Menschen, rund ein Viertel unserer Bevölkerung, die Risikopatienten sind. Die übrigens mit Nicht-Risikopatienten zusammenleben. Ich bin nicht das statistische Bundesamt, aber es scheint mir doch sehr unrealistisch, dass wir diese Menschen alle gut isolieren können. Mein Mann müsste die nächsten 6 Monate ausziehen, den Hund mitnehmen und irgendjemand stellt mir jede Woche eine Tüte Lebensmittel vor die Tür und einmal im Monat lege ich Kampfmontur an und fahre ins Krankenhaus? Ich glaub nicht.

Mein Großvater wurde 1910 geboren, ich weiß, dass er aufgrund von Krieg und Rezession zweimal alles verloren hatte, was er besaß. Sein Geld war nichts mehr wert, die Wohnung war zerbombt, das Eigentum verstreut und zerstört. Das hat er einmal beiläufig erwähnt. Die Menschen, die er verloren hatte oder deren Leid er sah, lagen ihm schwerer auf der Seele.

Jeder lebt in seiner Welt und spürt vor allem das, was ihn unmittelbar angeht. Aber wenn ihr morgen spazieren geht, dann denkt doch mal kurz daran, dass gerade eben ein Mensch an euch vorbei gelaufen ist, der weiß, dass er wahrscheinlich bald an dieser Krankheit sterben wird, die euch so gar keine Angst macht. Außer das es an euer Geld geht. Ich beneide euch.