Das Schweigen und die Wut

P.S. PreScriptum: Mal vorne eingeschoben: nächste Woche gibt es spektakuläre Bilder und News von Elvis the Zwergpudel, Versprochen 😉

Das Schweigen und die Wut…

…eine gute Überschrift für die verschiedenen Begebenheiten, die mich in letzter Zeit bewegt haben…

Ich war zuletzt eine Woche in einem Kloster um dort mittels Mediation die Kontrolle über das Universum, äh, ne, über mich selbst zu erlangen (ein kleines bisschen auch das Universum, seien wir ehrlich 😉 ) und ziemlich am Schluss praktizierten wir Stille. Das heißt, wir sollten ab dem Augenblick des ersten Aufwachens morgens im Bett bis zu einem Zeitpunkt am späten Nachmittag nicht sprechen und auch nicht in anderer Form kommunizieren. Kein Lächeln, kein Blickkontakt, keine Mimik, keine Gestik.

Um es kurz zu machen: 30 Sekunden nach dem Aufwachen war ich total wütend, anschließend depressiv, gefolgt von einer großen Niedergeschlagenheit, gefolgt von einem kurz bevor stehenden Amoklauf und einem imaginären Blutrausch durch Raserei. 5 Minuten nach dem Aufwachen hatte ich schon einen Verdacht:

Das war wohl nicht so ganz mein Ding. 🤔

Da ich mit einer Freundin gemeinsam ein Zimmer teilte, kam ich mir selbst schon mindestens grob unhöflich vor sie nicht zu begrüßen, sie anzuschweigen, an ihr vorbei zu sehen. Mit jedem Menschen, dem ich begegnete, verstärkte sich das Gefühl.

Die Dozentin hat diesen Schweigetag leider nicht gut eingeführt und nicht darauf vorbereitet, aber ich vermute, er sollte dazu dienen, sich ganz der Achtsamkeit mit jedem kleinsten Detail des Alltags hinzugeben. Ich erlebte aber nur Assoziationen mit Situationen aus meinem Leben, in denen es um Streit und Aggression ging, wo Menschen nicht mehr miteinander reden und sich beleidigt zurückziehen um den anderen mit seinem Schweigen abzustrafen. Während der Meditation hatte ich das Gefühl der gesammelte Hass aller anwesenden Menschen wird Kübelweise über mich ausgeschüttet… da habe ich das Experiment dann für mich auch endgültig beendet und bin meiner Wege gegangen. Ich habe hinterher gehört, dass ich nicht alleine war mit diesen Gedanken, ganz so ungewöhnlich ist diese Schlussfolgerung also nicht. Ich beschloss, niemals wieder so etwas mitzumachen, niemals mehr Schweigen! Reden ist Gold! Hurra

Ich war noch zwei Wochen lang wütend auf die Dozentin. 🙄😞

Schon bei der Kennenlernrunde erzählte ich, dass ich gerne manchmal besser mit meinen Gefühlen umgehen würde. Ich bin oft beseelt von Dalai Lama-artiger Friedfertigkeit, die aber durchbrochen wird durch ein inneres HB-Männchen. Oder, für die jüngere Generation, die Figur „Wut“ in „Alles steht Kopf“. Das bin ich. Bitte googeln, dann wisst ihr Bescheid 😉 Die Flammen schießen aus meinen Haaren, innerlich. Äußerlich hebe ich nur eine Augenbraue. Ich bin ja schon groß und weiß, dass ich erst mal die Flammen löschen sollte, bevor ich den Mund auf mache. Das ist bloß manchmal gar nicht so einfach. Nie eigentlich. Nie, Nie, nie. Manchmal möchte man einfach die Welt niederbrennen, oder? 🙂 Ach je

Das ist alles nicht einfacher geworden, seitdem ich erkrankt bin, ganz im Gegenteil. Ich habe oft das Gefühl, meine psychischen Ressourcen werden komplett dafür in Anspruch genommen, jedem Tag ausgeglichen, besser noch, positiv gestimmt zu begegnen. Auszuhalten, dass ich ein Alien inmitten von Menschen bin, die Pläne haben, ihre Zukunft gestalten und Sorgen haben, die ich sofort gegen meine eintauschen würde, egal was. Nur auf heute zu schauen und bloß nicht auf übermorgen und mich immer für andere freuen, andauernd irgendwie. Und das kriege ich hin. Sehr, sehr oft sogar, denn ich möchte die Zeit, die mir bleibt nicht traurig sondern überwiegend lachend verbringen. Wenn aber Stress dazu kommt, irgendwelche anstrengenden kleinen, nervigen Sorgen oder sogar Streit, dann merke ich, dafür habe ich keine Kraft mehr übrig. Das ist nichts mehr, was ich noch geben kann.

Und das Schweigen…

Das gibt es gerade bei mir in der Familie. Aus einem völlig nichtigen und albernen Grund wurde Streit angefangen. Also habe ich gehört, dass jemand Streit mit mir hat, da wusste ich das noch gar nicht 😉 denn derjenige, diejenigen haben ja geschwiegen. Versuche der Klärung meinerseits wurden abgeschmettert, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist etwas anderes, dies beschäftigt mich:

Ich habe das Gefühl, hier kommen schon lang gehegte, unterdrückte Aggressionen gegen mich zum Vorschein (anders kann ich mir diesen kleinen grundlosen Amoklauf nicht erklären). Und ich ahnte zwar nichts davon, würde es aber nachvollziehen können, weil es auf meiner Seite auf jeden Fall so ist. Ich muss zugeben, dass ich einigen Personen schon lange innerlich vorwerfe, auf meine Situation keine Rücksicht zu nehmen, mich gar nicht wahrzunehmen, nicht empathisch zu sein. Ein Beispiel: Ich war vor dem Krebs sehr sportlich, 5 bis 6 Mal die Woche habe ich trainiert. Jetzt kann ich mich ohne Schmerzen nicht mehr bewegen, bin müde und habe durch die Medikamente zugenommen. Seit einem halben Jahr berichtet mir „Jemand“ dass sie/er jetzt mit dem Laufen begonnen habe (nach 40 Jahren Unsportlichkeit) und erzählt mir penetrant jedes Mal wenn wir uns sehen, dass er/sie jetzt jeden Tag läuft (einen Bruchteil dessen, was ich früher gelaufen bin) und wie gut ihr/ihm das tut und wie sehr sie/er das empfehlen kann und dass das jeder machen sollte und wie fit sie/er geworden ist. Ähm, ja. Danke.

Von diesen Beispielen hätte ich noch ein paar auf Lager.

Ich habe dazu bisher einfach nichts gesagt. Ich wollte eigentlich nicht, dass irgendjemand das Gefühl hat, man kann nicht offen über alles sprechen, wenn ich dabei bin. Aber ich habe insgeheim eben doch die Erwartung, dass andere Menschen etwas feinfühliger mit mir umgehen und sich ein wenig Gedanken machen. Und wahrscheinlich gab es von der anderen Seite auch Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllt habe. Ich rate mal: keine Sonderstellung in der Familie einzunehmen, mich nicht zu verändern, meine Beziehungen zu einzelnen Familienmitgliedern (z.B. meine Eltern) nicht zu intensivieren, nicht von Tod oder Krankheit sprechen, solange ich noch nicht unmittelbar auf dem Sterbebett liege und überhaupt, mich nicht so anzustellen. Eine Woche, nachdem ich damals meine Diagnose bekommen habe und Stand der Dinge war, dass ich nur noch ein paar Wochen oder Monate hatte, hat „jemand“ sich mir gegenüber über meine Mutter lustig gemacht und fand es unverständlich, dass sie noch nicht darüber hinweg war, dass ich sterben würde…. ????? Und offenbar hat sich an dem Verständnis für meine Person im Laufe der Zeit genauso so viel vertieft – nichts.

Tja, so weit. Es kann also doch sein, dass diese Krankheit trennt, so wie ich es schon oft gelesen habe, aber bisher nicht selbst erlebt. Aber was tun? Wären es Freunde oder Bekannte, ja dann Tschüss, machts gut, schönes Leben weiterhin, Hasta la vista, Baby…

Familie? Schweigen? Wut? Wut. Schweigen. Familie… Kontakt abbrechen? Da sind ja auch noch mehr Menschen betroffen. Ich möchte nicht, dass noch mehr Personen von diesem Konflikt langfristig betroffen werden. Und doch…

Ich weiß nicht, ob ich diesen Menschen noch einmal vertrauen könnte. Da sind Leute, die glauben, mein Leben wäre so leicht, dass sie gerne Ihre Wut an mir auslassen könnten, ohne mit mir zu reden. Die mich abstrafen möchten, die wollen, dass es mir schlecht geht, weil ja mein Leben ohnehin nur Sonnenschein ist. Die mir weh tun wollen, über einen längeren Zeitraum hinweg und mir mein bisschen kostbare Zeit dunkelgrau färben wollen.

Vor meiner Krankheit hätte ich gesagt: „Streit, ja na gut, es wird sich schon alles wieder einrenken – irgendwann.“

Aber jetzt hat jedes Wort und jede Handlung eine intensivere Bedeutung.

Irgendwann gibt es nicht mehr.

Ommmmmmm

Ich bin im Kloster.

Eine ganze Woche beschäftige ich mich mit MBSR, der Meditation nach Jon Kabat- Zinn, entwickelt für chronisch Kranke und Schmerzpatienten. Dessen erstes Buch zu diesem Thema hatte den Titel „Die volle Katastrophe des Lebens“

Passt! 😁

Es ist so schön hier! Der Ort, in der Eifel, die Gruppe, die Lehrerin, die Übungen. Alles ist spannend und abwechslungsreich und ich bin wirklich froh, dass ich mich hierfür angemeldet habe. Es gibt natürlich ein paar kleine Unterschiede zwischen mir und den anderen Teilnehmern. Während die meisten diese Woche( auch) als einen weiteren Schritt ihrer Lernerfahrung für ihre Lebensentwicklung betrachten, erhoffe ich mir natürlich einen schnelleren und praktischeren Nutzen. Erleuchtung im Schnellverfahren, könnte man sagen. 😉 Jahrelanges Üben wird beim Meditieren bestimmt überbewertet. Hoffe ich. 😬

Könnte sein, dass mir das wirklich etwas bringen kann, mal sehen.Wenn nicht, war es eine schöne Woche 😊.

Hier habe ich einfach mal für mich behalten, dass ich Krebs habe, ich dachte das gönne ich mir mal. Sonst erzähle ich es von mir aus auch nicht, aber ich lüge auch nicht oder rede drum rum, wenn ich gefragt werde. Aber hier lernen sich natürlich alle kennen und fragen, was machst du so beruflich… und anstatt zu sagen,“Ich bin in Rente- oh, warum denn? – Krebs- oh, und…? (Wirst du überleben oder nicht)“ blablabla… nö, gönne ich mir einfach mal anonym zu bleiben, ich hab da keinen Bock drauf, ich möcht lieber in der Gruppe sein, als auf dem Präsentierteller und solange man es mir nicht ansieht😎😊Krebs Incognito.

Jeden Morgen beginnt der Tag um 7.30 Uhr mit einer Mediation, danach Yoga und so geht es durch den Tag. Morgen schweigen wir…

Blitzschnell habe ich letzte Woche mal eben fünf Bestrahlungen abgesessen, die Antwort meiner Ärzte auf das Tumorwachstum. Jetzt ist da kein Tumor mehr, weggebrutzelt das Ding und ich konnte mich schon mal meditativ einstimmen: 5 mal 30 Min in der Röhre durch den Schmerz geatmet, weil meine Arme in unnatürlichster Haltung eingeklemmt wurden. Noch jetzt sind meine Oberarme ganz taub. Nach dem ersten Mal war ich so schockiert von den Schmerzen, dass ich auf dem Parkplatz glatt ein paar Tränen verdrücken musste. Dann bin ich zu meiner Hausärztin gefahren und hab mir Novalgin verschreiben lassen, weil ich noch kein stärkeres Medikament kennen gelernt habe. Da habe ich auf jeden Fall Nachschulungsbedarf. Mit der anderthalbfachen Höchstdosis war die Bestrahlung gerade noch auszuhalten, aber ich stand auch ganz schön neben mir.

Von der Schmerzmeditation letzte Woche zurück zur Herzensmeditation heute :

Ich wünsche mir

Mich sicher und geborgen zu fühlen

Gesund zu sein

Frei von Traurigkeit und Angst zu sein

Glücklich zu werden

Ommmmmmm

Aber, nach Stephen King:

“ Wunsch in der einen Hand und Scheiße in der anderen Hand. Mal sehen welche sich schneller füllt.“

😉

Erweiterung des Kompetenzteams

Durch gegebenen Anlass. Ich habe meine zweite Lungenspiegelung hinter mir (wie viele braucht es, bevor die Routine werden?), da der Tumor wieder gewachsen ist.

Theorie 1, dem Tumor ist ein Tumor gewachsen,

Theorie 2, der Tumor hat sich in eine anderen Krebs verwandelt,

Theorie 3 der Tumor ist resistent gegen die Medikamente, die Metastasen nicht

Theorie 1000…..

Tja, das sind immer diese Momente, wo es einem einem flau im Magen wird, weil der Horizont in weiter Ferne plötzlich vor die Nasenspitze gezoomt wurde. Ist es jetzt schon soweit?

Letzte Woche hatte ich einen Termin beim ambulanten Hospizverein und ich bin wirklich froh, dass ich das jetzt mal in Angriff genommen habe. Die sind hier so eine Art Rundumsorglospaket für den palliativ begleiteten Patienten: Psychologen, Sozialberater, Pfleger, Palliativmediziner, und Ehrenamtler stehen zur Verfügung. Die sind jetzt für mich da. Zur Zeit bin ich dafür zu Hause zu sterben. Nicht nur weil ich dort ermutigt wurde, sondern auch weil die freundliche Beraterin erklärte, sie würden auf Wunsch auch helfen das richtige Hospiz für mich zu finden. Ähm, das richtige Hospiz??? Ja, jedes Hospiz wäre ja etwas anders, in der Ausrichtung, in der Atmosphäre, das Evangelische Hospiz in Stadtviertel wäre nicht für jeden was, manchmal wäre Garath die richtige Wahl. 😮 Es ist zwar richtig, dass man zum Sterben nach Garath geht, aber eigentlich muss man sich dazu nur auf den Bahnsteig stellen und 20 min warten… 😆 (höhö)

Nennt mich eingebildet, hochnäsig, einen Snob, Prinzessinnen, aber die Vorstellung vielleicht in Garaht zu enden hat mich direkt in der Entscheidung gefestigt in den eigenen vier Wänden zu sterben. Lieber kein Risiko eingehen -bis zum Schluss, ich bin ein Stadtmitte- Mädel!

Die Ergebnisse der Lungenspiegelung kommen erst Mitte Juli und ich dachte daran, dass damals vor einem Jahr meine inzwischen verstorbene Kollegin auch auf die Entscheidung der Tumor Konferenz gewartet hat. Nur dass die Tumor Konferenz darauf gewartet hat, dass sie stirbt, ohne dass sie es ihr so deutlich sagen müssen. Sie haben sich darum gedrückt zu sagen, „Das wars, wir können nichts mehr für Sie tun..“ Gut, ich glaube nicht, dass ich schon an diesem Punkt bin, bzw. dass die Ärzte an diesem Punkt sind. Manchmal sind die Patienten ja schneller bei dieser Erkenntnis als die Ärzte.

Auf jeden Fall zieht sich das Ganze hin, dauert nicht lange genug oder ist nicht schnell genug vorbei. Was ich ja eigentlich nicht sagen darf. Ich würde auch freiwillig nicht meine letzten Tage oder Wochen hergeben, aber je länger ich noch lebe, desto schwieriger finde ich es, anderen beim Leben zuzuschauen. „Ja, dann lebe doch“, mögen jetzt manche sagen, aber mach das mal, nennt das mal ein Leben ohne Sinn und Ziel. Ich glaube das ist es, warum es mir so schwer fiel etwas hier zu veröffentlichen und ich meinen Blog so vernachlässigt habe. Ich finde mich gerade nicht so zurecht hier zwischen Leben und Tod. Ich komme mir manchmal vor wie meine Großeltern am Ende deren Lebens: irgendwie immer mehr Zuschauer als Akteur und irgendwie immer mehr überflüssig. Aber die Mundwinkel hängen lassen ist auch überflüssig und sinnfrei. Ich labyrinthe ein bisschen vor mich hin… lost in Space, Groundcontrol to phase5…

Lass uns drüber reden…

oder lieber nicht?

Seit letztem Jahr hatte ich bei verschiedenen Gelegenheiten ein paar Erlebnisse, die ich erst jetzt zu einem großen Ganzen zusammenfüge. Doch von vorne:

Als ich meiner Familie meine Diagnose vermittelte, wir saßen alle in einem großen Kreis, da sagte meine Schwägerin:  „Wir werden darüber miteinander reden, wir werden das nicht totschweigen.“ Ich glaube, sie hatte in ihrem entfernteren Verwandtenkreis vielleicht schon eine Erfahrung gemacht? – Alle nickten mit dem Kopf “ Ja, auf jeden Fall.“

Jetzt 1,5 Jahre später, kenne ich alle gängigen Methoden um zu unterbinden, dass ich meine Krankheit erwähne. Meistens so ein kleines Kopfschütteln, begleitet mit einem Pschscht! 🙂 wirklich wahr! Oder auch ein: „Nicht jetzt!“.

Letztens saß ich mit meiner Schwester zusammen, ich erzählte etwas, wahrscheinlich ein Gedanke zum Thema Tod und wahrscheinlich eher humorig formuliert, ich weiß es nicht mehr so genau. Und meine Schwester wieder : „Pschpscht“ Kopfschüttel. Ich: „Das ist mein Leben, darüber kann ich doch sprechen.“ Und sie sagt: „Ich weiß, das ist auch mein Leben.“

Sie meint, als Schwester einer Krebskranken, als jemand der zurückbleibt und traurig sein wird. Und auch jetzt schon traurig ist.

Am Samstag hatte ich einen Mädelsabend 😉 Ihr wisst alle was das ist, jede Menge Frauen, mit der Hälfte war ich verwandt, mit viel Sitzfleisch, viel Wein, lecker Essen. Viele Geschichten über die Zukunft, einige wollen bald heiraten und dann Kinder kriegen, andere nehmen sich vor, zu ihrem nächsten großen runden Geburtstag den Jakobsweg zu wandern… Und ich dachte ziemlich oft an diesem Abend: oh, da bin ich schon tot. Oh, dann auch. 🙂 Habe ich natürlich nicht laut gesagt. Darf ich ja nicht. Weder traurig, noch lustig.

Heute habe ich Bekannte meiner Eltern auf der Straße getroffen, er sitzt im Rollstuhl, auch sehr krank. Ich vermutete aufgrund ihrer Lebenserfahrung sind sie gefestigter. Wir sprachen über Elvis, meinen Hund (den allerhübschesten Pudel, nebenbei bemerkt, tut mir so leid, dass niemand auf der Welt so einen niedlichen Hund hat wie ich 😉 ne tuts nicht 🙂 ) und sie sagten, sie hätten gedacht, dass sich eher meine Eltern mal einen Hund anschaffen würden und ich sage irgendwann gehört er ja auch ihnen und sie: “ Haha, jaja, zur Erholung mal.. “ schneller Themenwechsel.

Was ist denn bloß los? War ich früher auch so? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht jemandem begegnet zu sein, der sterbend ist.

Ich hatte auch eine gute Erfahrung! Ich habe nämlich den einzigen anderen jungen Hüpfer in der Pneumologie ausgemacht (Ja, bis unter 50 darf man sich auf meiner Station junger Hüpfer nennen 🙂 ) Als ich sie sah, sprach ich sie schnell in den 5 Minuten an, die wir Zeit hatten: Hallo, du auch Krebs? Mutation? Stadium 4? Telefonnummer? Whats app? 🙂 Sie sagt später, ich gehöre zu den skurrilen Begegnungen, die sie hat, seitdem sie an Krebs erkrankt ist. 🙂  Ich habe mich mit ihr auf einen Kaffee getroffen und einen herrlichen Nachmittag lang haben wir uns seltsame Geschichten erzählt, Witze über unsere Begräbnisse gemacht, über unsere Partner und unsere Familie gesprochen, über Galgenhumor und Schicksal geredet und es war eine überhaupt nicht traurige, wirklich schöne Begegnung.

Ich traue mich fast gar nicht mehr über meine Krankheit zu sprechen, wenn ich sie irgendwie erwähne, scheint es als hätte ich Syphilis oder Feigwarzen. Irgendetwas peinliches, fieses, unanständiges.

In das große Ganze jedenfalls ordne ich die Hochzeit letzten Sommer ein, die ich für mich irgendwie merkwürdig fand. Da ist mir dieses Phänomen nur das erste Mal massiv begegnet. Einen Geburtstag später, Weihnachten (Oh,Oh Weihnachten, an Weihnachten existiert Krebs überhaupt nicht auf der Welt, wusstet ihr das nicht? Doppelpschsch! ), Kaffetrinken usw. bin ich jetzt schlauer.

Ich weiß noch nicht, was ich damit mache. Ich merke, es fällt mir mittlerweile schwerer, mich für die anderen zu freuen, es fällt mir schwerer, heile Welt zu spielen und mein Lebensglück daraus zu ziehen, dass alle um mich herum so wahnsinnig glücklich sind und vor einer verheißungsvollen Zukunft stehen. Und ich soll schweigen, damit ich das Glück nicht zerstöre. Weil das kaputt geht, wenn ich erwähne, dass ich krank bin? Also, ich gebe ehrlich mein Bestes, aber in mir brodelt es (ein bisschen nur bisher). Wer kann so selbstlos sein?

Was ich mir wünsche, ist das ich einfach ganz normal darüber sprechen kann, so wie andere auch sagen dürfen, sie waren gerade beim Arzt, oder sie haben sich den Rücken verrenkt. Ich will weder Mitleid auslösen, noch Trauer, ich will nur das Gefühl haben, dass ich auch über mein Leben sprechen darf. und das das normal ist. Das darüber sprechen und mein Leben sowieso.

 

P.S. Weihnachten, dass muss ich noch sagen, da gab es die perfekte Inszenierung einer glücklichen, absolut perfekten 50er Jahre Fernsehfamilie. Ich war lieb, aber ehrlich, ganz ehrlich, ich hätte quer über den Tisch brechen können. Seufz…

Zombie-Yoga

nennt der beste Ehemann von allen das, was ich seit zwei Wochen jeden Morgen für 10 Minuten im Wohnzimmer versuche. Ein Fuß vorne, einer hinten hebt sich mein Arm ruckweise schräg über meinen Kopf, begleitet von guturalen Lauten… Uuuuaaaahhhh

zombie_900Warum?

Damit ich aufwache!

Ich schlafe und schlafe und schlafe jetzt seit Wochen. Seitdem ich aus dem Urlaub wieder zurück bin, quäle ich mich durch meine Arbeit mit dem schlechten Gewissen, nicht annähernd zu genügen, immer mit laufender Nase und schweren Kopf, unterbrochen von einwöchigen Krankschreibungen wegen starker Erkältung, in denen ich dann nicht den halben, sondern den ganzen Tag schlafe.

In den letzten zwei Wochen bin ich meine Nasenspray-Sucht Herr geworden, aber nur weil mein Mann mir erzählt hat, man kann von zuviel Spray eine Stinke-Nase bekommen 😉

Wach werden…

Ich hatte vor zwei Wochen ein Gespräch mit meinen Vorgesetzten und seitdem geht es langsam bergauf. Ich habe Anfang Januar endlich meine Erwerbsminderungsrente beantragt und gleichzeitig „gebeichtet“ dass ich meine Stundenzahl bei weitem nicht halten kann. Arbeite ich drei Stunden vormittags, liege ich nachmittags 4 Stunden auf dem Sofa und schlafe komaartig. Ich wache auf und draußen ist es dunkel. Ich wollte heute doch noch etwas machen – der Tag ist weg… So geht es jetzt seit Wochen.

Meine Vorgesetzten waren sehr sehr liebevoll und entgegenkommend, ich kann es nicht anders sagen. Ich habe meine Wünsche geäußert, wie und was ich gerne in Zukunft arbeiten möchte und sie bemühen sich mir eine maßgeschneiderte Extrawurst zu braten.

Und seitdem ich nicht mehr diesen Druck habe, meine Stundenzahl unbedingt irgendwie erfüllen zu müssen, weil da einige Leute einfach beide Augen zudrücken, geht es mir auch besser. Jetzt kämpfe ich mich langsam wie ein Bergsteigern cm für cm dem Licht entgegen. Erst mal mit Yoga und Meditation, so ganz vorsichtig- aber ich bereite mich  mental darauf vor, es nochmal mit dem Laufen zu probieren- Oho!

Eigentlich ist das alles so lachhaft lächerlich – aus gesunden Augen betrachtet. In meinen Augen gewöhne ich mich widerwillig daran meine Ziele immer niedriger zu stecken, bis ich irgenwann kriechend eins erreichen kann. Ich weiß nicht, ich fühl mich etwas verloren. Ich weiß nicht in welche Richtung es geht, bekomme ich meinen Körper noch mal ein bisschen hoch oder ist das verlorene Liebesmüh? Also, ich versuche das jetzt.

Im Übrigen steht ja auch noch gar nicht fest, ob ich meine Rente wirklich bewilligt bekomme. Im letzten Befund hat mein Arzt auf der Rückseite im Fließtext schön reingeschrieben, dass ich gerade Urlaub auf Hawaii gemacht habe 🙂 Ich bin nicht ganz sicher, ob das wirklich hilfreich war 😉 Ich nehme an, das war das, was er noch am ehesten erinnern konnte, nach ein paar Tagen, neben „Es läuft“ 🙂 ich warte jetzt, dass ich vom Amtsarzt einbrufen werde, um ihm das zu erklären 🙂

Beim letzten Besuch hatte ich Dr. Piep nochmal ausführlicher meine Einschränkungen dargelegt, warum weiß ich gar nicht so genau. Wahrscheinlich, weil er mich immer fragt, wie es mir geht. Mein Arzt schaute mich dann ganz nett an und antwortete vorsichtig : „Sie wissen ja, das Ihre Krankheit nicht heilbar ist…“ Das war ganz freundlich für: Sie leben, sie stehen und gehen und können sich noch selber waschen, sie können sehen und hören und schmecken – alles andere ist Luxus. Jahaaa, ich weiß. Ja, ich weiß.

Reise Reise!

Das ist nicht nur ein Titel von Rammstein, sondern auch das althergebrachte Signal für Matrosen, dass es jetzt losgeht, im Sinne von Aufbruch. Also Reise, Reise im doppelten Sinne:

Natürlich müssen hier noch ein paar Fotos meiner tollen Reise rein:

Das war eine Reise, kein Urlaub, aber ein Abenteuer. Anstrengend, aber wunderbar. Das war mein Reise-Jahr.  Ich hatte noch durch meine Krankschreibung einige Wochen Resturlaub und ich habe mir ausgerechnet, dass ich in diesem Jahr sehr wahrscheinlich noch körperlich gut in der Lage bin zu verreisen. Das war dann im Rückblick doch eher nur bedingt so, letztendlich hatte ich einfach nur Glück, dass die neuen Metastasen und die Behandlungen immer schön zwischen meinen Reisen aufgetreten sind ;-). So! ich startete dieses Jahr im Januar mit Hamburg, machte weiter mit Barcelona zu Ostern, Zeeland über Pfingsten, Santorin und Oberstdorf im Sommer und schließlich Oahu, Maui und San Francisco im November 🙂 ganz schön Kilometer gemacht. Ich bin jetzt wirklich froh, erst mal einfach nur zuhause zu sein. Ich habe mein Konto komplett platt gemacht, so dass ich zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren mal wieder vor dem Geldautomaten stand und da kam nix raus 😮

Und darüber kann ich natürlich nur lachen, weil ich, machen wir uns nichts vor, einen besten Ehemann von allen habe, der genug verdient um mich im Notfall mitzuversorgen oder dreiviertel der Reisen bezahlen kann. Wäre ich alleine, dann hätte ich durch die Stundenreduzierung dieses Jahr mein Geldbeutel eng schnüren müssen. Angesicht der Aussichten ist mein Erspartes auch eher ein Notgroschen. Ich hab eben gedacht, ich hab noch 25 Jahre Zeit mehr anzusparen. Wenn man in meiner Situation alleine für das Haushaltseinkommen sorgen muss, dann hat man auch nur noch Sorgen. Das ist nicht das Erste, was man hört oder woran man denkt, aber Krebs geht ins Geld!

Reise Reise heißt es bald auch für meine Arbeitssituation. Ich hatte ja von der Beförderung geschrieben, von der schnell abgesehen wurde, nachdem klar wurde, dass eine 100 % Behinderung tatsächlich eine Einschränkung bedeutet. Ich bin dem Team in meiner Abteilung nicht böse, dass ich so schnell aus dem Rennen geworfen wurde, weil ich weiß, dass sie es wirklich nett meinen. Leider ist das bloß nicht immer gleich gut gemacht. Und ich denke weiterhin, dass man nicht Inklusion von den Fußsoldaten fordern kann und sich in der Chefetage darum drückt hier Vorbild zu sein. Aber um mich noch einmal für die Stelle ins Gespräch zu bringen, bräuchte ich Ermutigung von meiner Chefin und nicht das Gefühl, dass ich etwas beweisen muss. Druck. Ich habe mir Gedanken gemacht und mir die Kommentare als Denkanstöße genommen. Ich habe keine Lust mein Arbeitsleben mit einer Schonstelle zu beenden. Irgendwas Unwichtiges, wo es nicht schlimm ist, das ich fehle.  Ich war fantastisch gut in meinem Job, wahnsinnig erfolgreich, ich habe viel gegeben, ich hatte viel Freude bei der Arbeit und habe etwas aufgebaut. Jetzt kann ich die Arbeit nicht mehr machen. Seit Monaten rette ich mich mit Urlaub und alten Überstunden über die Tatsache hinweg, dass ich das Stundenpensum und die Belastung bei weitem nicht mehr tragen kann.

Ich habe mich entschlossen im Januar Rente zu beantragen. Mir kam die Idee, diesen Schritt nicht als Ende, sondern auch als Anfang zu betrachten. Ich mach jetzt was anderes und ich habe endlich Zeit dafür. Ich habe gar keine Bedenken, dass ich die Zeit nicht gefüllt bekomme, ich habe Ideen. Und ich würde auch gerne wieder ein paar wenige Stunden zurück zu meiner früheren Arbeitsstätte, in die Kita. Wieder mit Kindern lachen. Nach meinem Studium war ich dazu zu überqualifiziert. Am 18. Januar habe ich einen Termin mit der Chefin und der Chefinchefin. Jetzt wo ich die Entscheidung gefällt habe, freue ich mich drauf und verabschiede mich auch schon innerlich ziemlich schnell von meinem heißgeliebten Job.

Der beste Ehemann von allen musste auch erst mal schlucken und dachte ich meine es nicht ernst, denn ich habe immer wahnsinnig gerne gearbeitet. Und ich fand es schon gut, nicht unwesentlich zu verdienen und nicht abhängig zu sein. Aber es ist nur noch mühsam. Und ich bin jetzt definitiv von ihm finanziell abhängig. Dann hat er (natürlich) gesagt, mach einfach das, was für dich das Beste ist. So ist der Beste eben 😉

Die Reaktionen in meinem Umfeld sind wenig spektakulär. Ich persönlich finde eigentlich eine Verschlechterung meines Gesundheitszustandes innerhalb 18 Monate von nix zur Rente schon sensationell. aber offenbar haben die anderen das schon früher kommen sehen oder sie wollen sich  den Schreck nicht anmerken lassen. Also ich war schon erschrocken. Jetzt nicht mehr so sehr, nur noch manchmal und damit muss ich eben leben, Pech.

Aber so geht die ganze Geschichte ja die ganze Zeit ihren Weg, Stufe für Stufe geht’s bergab und man kann doch nur versuchen, das Beste draus zu machen. Ich jedenfalls, ich werde. Aber Hallo, werde ich meine Rente genießen!  Reise Reise

 

P.S. Ich bin kein Rammstein Fan, aber an alle: sehr zu empfehlen: „Heute hat die Welt Geburtstag“ von Flake. Tolles Buch, macht Spaß!

 

 

 

 

Aloha

So klingt Husten unter Palmen 🙂 Na gut, nicht ganz. Seit zwei Wochen weile ich im Südpazifik, letzte Woche auf Oahu, wie eigentlich die Insel heißt, die man mit Hawaii verbindet. Ganz klassisch am Waikiki Beach bei Honolulu und diese Woche auf Maui.Na gut, wenn sein muss, ein paar Bilder ( gähn, rekel)

😉 Jetzt bin ich hier und es ist wunderschön , es ist warm, es ist seit den 50ern die Zeit stehen geblieben und es gibt hier wirklich nur Eier und Pancakes zum Frühstück.

Das fühlt sich alles anders an, als ein“normaler“ Urlaub. Ich war schon 4 Wochen vorher fix und fertig, weil der Gedanke, diese Reise bewältigen zu müssen mir unmöglich schien. Wenn man gerne 2 Stunden ruhen möchten, nachdem man sich morgens schon erfolgreich geduscht und angezogen hat, wie kommt man dann auf den Gedanken um die Welt zu fliegen? Also eigentlich genauso, Schritt für Schritt, das geht schon. Und Schläfchen lassen sich doch unter Palmen viel besser halten als zuhaus. Ich scheine das leicht tropische Klima leider nicht gut zu vertragen, denn ich habe eine dicke Erkältung seitdem ich hier bin, aber auch das stört irgendwie weniger als man meinen sollte. Ich fühl mich so oder so nicht gesund, da machen Husten und Schnupfen den Braten auch nicht mehr fett 😉

Jedenfalls, jetzt bin ich hier. Es fühlt sich nicht wie Urlaub an. Ich bin jetzt einfach hier.

Hängt vielleicht auch damit zusammen, dass ich mir vor meinem Urlaub ein wenig über meine bekannte Arbeitssituation und auch über hilfreiche Kommentare Gedanken gemacht habe.  Vielleicht fühlt sich das auch nicht wir Urlaub an, weil ich tatsächlich überlege, gar nicht mehr arbeiten zu gehen. Noch vor 2 Monaten hätte ich mir das nicht vorstellen können, aber Zustände und Realitäten ändern sich jetzt echt schnell. So schnell kannste gar nicht gucken und plötzlich sieht die Wahrheit ganz anders aus…

Morgen geht’s nach San Francisco. Ich vermisse meinen Pudel.