Schwimmen lernen 2

Wie ein Brocken im Hals liegt mir das letzte halbe Jahr und den muss ich jetzt aushusten, damit ich weitermachen kann, mit allem. Bevor ich irgendetwas anderes schreiben kann, muss erst noch diese ganze Geschichte zu Papier gebracht werden, raus aus meinem Kopf, in die Akten, in den großen fetten Ordner mit der Aufschrift SO ISSES!

Ich bin aus dem Krankenhaus entlassen, mein Mann und ich erzählen meiner Familie dass ich an Krebs sterben werde. Die erste Reaktion meines Bruders: „Tja, hättest du mal nicht so viel geraucht.“

Eine Woche, nachdem ich die Diagnose bekommen habe, dass ich Lungenkrebs im Endstadium habe und wahrscheinlich nur noch wenige Wochen leben werde, sitze ich auf der Terrasse meiner Schwägerin. Sie erzählt mir lachend, dass meine Mutter immer noch wegen mir rum heult…

Dank meiner Eltern habe ich nach einem Jahr einen kleinen Pudel, der fortan an meiner Seite ist, er ist mein kleiner Sterbebegleiter, er fordert mich, er will dass ich mich bewege, wenn ich nach schlechten Nachrichten aus dem Krankenhaus nach Hause komme, dann soll ich gefälligst mit ihm spielen statt zu weinen. Meine Eltern werden ihn nach meinem Tod aufnehmen und sie betreuen ihn, wann immer ich verreisen möchte und ihn nicht mitnehmen kann. Sie wollten nie einen Hund, sie tun das für mich. Sie lassen sich auf Elvis ein und gehen eine Beziehung zu ihm ein. Wer einen Hund hat, weiß, das ist fast ein kleiner Kinderersatz. Ich bin so froh, dass für ihn nach meinem Tod gesorgt ist. Meine Schwägerin sagt zu meinen Eltern, mein Hund gehört nicht hierher, er ist nur ein Gast hier, ihr eigener Hund hätte im Haus meiner Eltern Hausrecht, er wäre schon viel länger hier. 

Vielleicht hat mein Bruder seine erste Reaktion bereut, er fragt mich jedesmal, wenn wir uns (mal) sehen, wie es mir geht. Dieses „wie geht es dir“ mit dem ernsten Unterton. Ich sage gut. Er sagt gut. Dann wechselt er schnell das Thema. Danke für dein ehrliches Interesse. Nicht.

Ich war mal sehr sportlich, 5 mal die Woche habe ich trainiert, Laufen und Muskeltraining abwechselnd. Schnell habe ich zugenommen, nachdem ich wegen einem ausgeprägten Hirnödem sehr starkes Cortison über zwei Monate zu mir nehmen musste. Ich habe Schmerzen, Tag und vor allem nachts, weil die Medikamente gemeine Muskelschmerzen und Muskelschwäche auslösen. Ich bin 95 Jahre und schleppe mich im Park von einer Bank zur nächsten. Meine Schwägerin erzählt mir, dass sie jetzt läuft. Jeden Tag, 3 km, das tut so gut, sie fühlt sich so fit, sie hat abgenommen. Jeder sollte das mal versuchen, wirklich. Sie erzählt mir das über 6 Monate lang, jedes Mal wenn wir uns sehen.

Weihnachten. Ich und meine Eltern, mein Mann, meine Schwester, ihr Freund. Nebenan im Haus mein Bruder, seine Frau, die drei Kinder, die Schwiegereltern. Zum Nachtisch sollen wir zusammen treffen. Wir sind nicht so schnell, drüben wurde schon um 18 Uhr gegessen und jetzt ist die gemeinsame Bescherung geplant. Wann kommen wir endlich? Wir haben grad mit dem Essen angefangen. Ein einstündiger Telefonterror beginnt, immer wieder ruft sie an. Sind wir jetzt bald fertig? Ihr schön geplantes Weihnachtsfest steht wahrscheinlich auf dem Spiel. Es soll alles perfekt sein. Sie schickt ihre Tochter vorbei während wir noch essen…  schließlich können sie doch nicht abwarten und machen die tränenreiche, rührende Bescherung eben ohne uns. Sie haben es zum Glück gefilmt. Als immerwährende Erinnerung an ihr perfektes Weihnachten…. 

In ihrer Nachbarschaft ist eine Frau an Krebs gestorben. Sie erzählt ganz sachlich, auch dass der Mann kurz nach dem Tod mit der Frau abschließt, sich verabschiedet und dann ist gut. Auf eine kurze Nachfrage erzählt sie mir gerne (habe ich wirklich das Gefühl dabei) in epischer Breite von dem Krebstod und Umgang des Ehemannes damit. mit sichtbar guter Laune, total abgeklärt. So als wäre nichts dabei. So als wäre das nicht meine eigene Geschichte. Wenn ich etwas von meiner eigenen Geschichte erzähle, wenn es nur eine Anekdote aus dem Krankenhaus ist, dann wird betreten geschwiegen und auf die Erde geguckt. Als ob ich grade irgendwas total peinliches sage. In dieser Situation habe ich das erste mal im Kopf: Das macht sie extra. Das sind alles keine Zufälle oder Gedankenlosigkeit, sie macht das wirklich extra um mir weh zu tun. 

Ich war mein ganzes Leben für meinen Bruder und für meine Schwägerin da. Als die beiden sich in jungen Jahren getrennt haben, da habe ich meinen Bruder bei mir aufgenommen. Sechs Wochen habe ich mir die Litanei seines Liebeskummers angehört und versucht ihm Mut zu machen und für ihn da zu sein. Als alle aus der Familie meine Schwägerin schnitten, weil sie abgehauen ist und einen neuen Freund hatte, da habe ich mich ein paar mal mit ihr getroffen. später sagte sie, ich wäre die einzige aus der Familie gewesen, die für sie da gewesen wäre. Als sie Probleme mit den Kindern hatten, habe ich alles stehen und liegen lassen, bin hingefahren, habe mich gekümmert.

Ich kann mir sicher ein paar Dinge vorwerfen lassen. Ich bin manchmal ein Grinch, wenn der Kitsch in dieser Pinterest-Familie zu groß wird. Wären wir nicht verwand, wir hätten wahrscheinlich nichts miteinander zu tun, viel zu groß sind die Diskrepanzen, unsere Werte, unsere Vorstellungen von einem guten Leben. Dieser Lebensentwurf ist eher das Gegenteil von dem, was ich als erstrebenswert ansehe. 

Aber ich kann wohl sagen, dass jeder immer auf mich zählen konnte. Ich habe niemals jemanden in Stich gelassen, ich habe immer geholfen. Ich habe unterstützt,  wenn es gebraucht wurde, ich war immer da. 

Im Frühling erzählen mir meine Eltern, dass sie sich einen neuen Wohnwagen kaufen möchten. Den alten großen Familienwohnwagen möchten sie loswerden, sie wollen was kleines. Mein Mann und ich verabreden uns mit ihnen für die Caravan-Messe. Wir sind auch jedes Jahr da, auf der Tour Natur. Wir wollen gemeinsam nach einem Wohnwagen gucken, das macht Spaß, denke ich. 

Als wir dort ankommen, sind auch mein Bruder, meine Schwägerin, die beiden Töchter und der Freund meiner Nichte dort. Ich freue mich. Ich gehe mit meinem Mann erst auf die Tour Natur, die anderen gehen zusammen los. In der Mittagspause treffen wir uns wieder. Wir sitzen draußen, essen etwas, meine Schwägerin fragt mich, wie ich es finde, dass meine Schwester schwanger ist. Sofort höre ich an ihrem Ton worauf sie aus ist. Sie fragt nicht, wie es mir damit geht, weil ich ja eigentlich selbst Kinder haben wollte. Es interessiert sie nicht, ob ich damit gut umgehen kann, ob es mir schwer fällt. Sie zielt auf ein Gespräch ab, dass ich zwei Tage zuvor mit meiner Schwester und meiner Nichte auf meinem Balkon hatte. Meine Nichte hat ihr offenbar davon berichtet und ihrem Ton nach zu urteilen, hört sie ein Potential heraus, etwas gegen mich verwenden zu können. Dies ist tatsächlich mein spontaner Eindruck, in der Sekunde, in der sie ihre Frage stellt. Diesen Gedanken habe ich. Aber hintenrum ist nicht meine Sache. Ich sage ihr fast wortwörtlich was sie hören will, so wie ich es meiner Schwester auch gesagt habe, die dabei nur gelacht hat. Dass ich mich bei ihren ganzen bekloppten Ideen die sie hat, auf jeden Fall die nächsten neun Monate am besten ganz aus ihrer Schwangerschaft raushalte. Weil ich mich sonst nur aufrege. Im Nachhinein muss ich dazu sagen, dass mir das raushalten insbesondere bei ihrer Namenswahl nicht wirklich gelungen ist, aber erstens war es nur für das Wohl des Kindes ( 😉 ) und zweitens ist meine Schwester so geduldig und langmütig wie stur. 

Meine Schwägerin nickt befriedigt und sagt nichts mehr. Das wollte sie offenbar hören. Wie es mir geht interessiert sie immer noch nicht. 

Nach der Pause gehen wir zusammen Wohnwagen gucken. Dabei gibt es ein Problem. Meine Schwägerin will nicht, dass meine Eltern sich einen kleinen, sondern einen großen Wohnwagen kaufen. Weil sie in Zukunft ganz viele Enkel mit in den Urlaub nehmen sollen. Glaube ich. Die es nicht gibt. Aber die kommen dann ja alle und wenn die groß genug sind und meine Eltern dann bald auf die 80 zugehen, sollen die alle mit. Deshalb brauchen die einen großen Wohnwagen. Ich gucke weiterhin nach kleinen Wohnwagen. Ich sage das auch. Meine Eltern gucken auch nach kleinen Wohnwagen, aber sie sagen das nicht, sie sind bei solchen Dingen eher die Nichts-Sager. Die Familie meines Bruders versucht sie mit Nachdruck zu einem großen Wohnwagen zu überreden, ich sage auch nicht mehr viel dazu. Ich suche die kleinen. Plötzlich brechen sie auf, gehen alle, verabschieden sich freundlich. Ich bin verdutzt, aber gut.

Meine Eltern und mein Mann, wir gehen noch in die letzten Hallen. Und da stehen ganz tolle Wohnwagen, kosten fast die Hälfte von dem, was wir bisher gesehen haben. Und sie sehen gut aus. Gefällt meinen Eltern. Sie werfen nicht einen Blick in einen größeren Wohnwagen, interessiert sie gar nicht. Ich frage meine Eltern Und? Mein Vater, hm, ja , also eigentlich wollten wir ja erst nächstes Jahr einen kaufen. Ich frage warum? Und meine Mutter sagt, ja warum eigentlich? Sie überlegen, sie lachen, sie kaufen, sie freuen sich. Ich schreibe per What´s App den Verlauf. Das es hier einen Wagen gibt, der in Frage kommt. Keine Reaktion. Dass sie überlegen, ob sie ihn kaufen sollen. Keine Reaktion. Dass sie ihn gekauft haben. Keine Reaktion. Dass sie sich freuen. Keine Reaktion. 

Ich erfahre dann später, dass sie da alle schon im Garten sitzen, sich die Köpfe heiß reden, ich wäre es schuld, ich hätte sie überredet, sie wollten gar keinen Wohnwagen kaufen, nur wegen mir haben sie diesen gekauft etc etc. Ich weiß nicht, was noch für böse Worte gegen mich fallen. Selbst der Freund meiner Nichte erblödet sich nicht, den Kommentar abzugeben, dass ich ja voll genervt hätte mit der Suche nach einem kleinen Modell. Da sitz der Clan und wartet auf meine Eltern. Die kommen nach Hause und werden angeschrien. Wie können sie nur, alles wegen mir, sie sollten nicht, wollten nicht, durften nicht einen Wohnwagen kaufen (ohne Erlaubnis meines Bruders und meiner Schwägerin offenbar). Sie reden, überreden, verunsichern. meine Eltern, eben noch froh sind jetzt traurig. Gehen nach Hause. Meine jüngste Nichte kommt rein. Oh wie schade, sie kann ja jetzt gar nicht mehr mit in den Urlaub fahren, der Wohnwagen ist ja jetzt viel zu klein ( Anm. d. Red. Es sind drei Schlafplätze im Wohnwagen vorhanden). Aber es ihr leider viel zu klein. 

Meine Eltern grübeln, haben sie einen Fehler gemacht? Nein, entscheiden sie am nächsten Tag. Alles gut so. 

Ich höre erst zwei Tage später Andeutungen davon, sie dürfen mir nichts davon erzählen eigentlich. Das dort die ganze Zeit gegen mich gehetzt wird, dass sie meinen Eltern die Freude an ihrer Anschaffung kaputt machen. Ich rufe meinen Bruder an, ich möchte das ruhig klären. Möchte sagen, dass ich zu nichts überredet habe ( möchte nicht sagen wer hier versucht hat zu überreden). Ich werde von meinem Bruder in 30 Sek. abgespeist „Ja wenn du meinst“ „ist ja jetzt gelaufen“ „Tschüss“. Ich weine nach dem Telefonat, bin auch abends noch fassungslos, als mein Mann nach Hause kommt. Er tröstet mich. 

Der Terror meines Bruders und meiner Schwägerin geht weiter, sie kommen in die Wohnung meiner Eltern, schreien sie an, bis meine Mutter weinend aus dem Zimmer läuft. Aber immer noch ändern sie nicht ihre Meinung. 

Ein paar Tage später, mein Vater ruft mich an. Ich muss dich etwas fragen. Eigentlich darf ich dir nichts sagen, aber ich kann mir das einfach nicht vorstellen bei dir. Deine Schwägerin war gerade da. Ich weiß ja, dass du auch gerne Kinder gehabt hättest. Und wir hätten uns ja auch gefreut, wenn wir eine Enkelkind von dir bekommen hätten. Und die Situation jetzt ist bestimmt nicht leicht für dich. Aber deine Schwägerin hat gesagt, du hättest gesagt, dass du deiner Schwester die Schwangerschaft zur Hölle machen/ richtig schwer machen/ kaputt machen würdest (Anm. genauer Wortlaut hier, ist mir vor schock leider nicht mehr in Erinnerung).

Nein, sage ich, habe ich nie gesagt, würde ich niemals sagen, geschweige denn tun. Mein Vater sagt, dass konnte ich mir auch nicht vorstellen. 

Ich kann nach dem Telefonat gar nichts mehr denken. Ich weiß nicht was ich denken soll. Ich finde das eben gehörte so abwegig, dass ich gar nicht sauer bin, ich gar nichts mit dieser Information anfangen kann. Ich verstehe das nicht. Ich kann dazu nichts sagen. Auch weil meine Eltern ja nichts sagen dürfen, weil sie sonst wieder Ärger kriegen. Ich weiß wie das aussieht, ich habe das schon einmal miterlebt, aber das ist eine andere Geschichte. 

Ich weiß nicht was los ist. Der Monat vergeht, ich habe keine Medikamente, die alten wirken nicht mehr, die Beschaffung neuer zieht sich hin. Eine lebensgefährliche Situation für mich. Von meinem Bruder, seiner Familie kommt …. nichts. Wahrscheinlich sind sie noch damit beschäftig mir zu verzeihen, dass ich meinen Eltern einen viel zu kleinen Wohnwagen aufgedrängt habe. 

Weitere Wochen vergehen, keine Medikamente, keine Reaktion. 

Ich grüble derweil, halb nur, die andere Hälfte von mir macht sich zunehmend Sorgen wegen der medizinischen Situation. Ein großer Druck baut sich auf, der Tod ist mal wieder zum Greifen nah, auch wenn es Aussicht auf die Medikamente gibt. Aber wo sind sie? Nicht in meiner Hand. 

Eine Nachts wache ich auf und mir ist auf einmal klar, dass meine Schwägerin wirklich und wahrhaftig zu meinen Eltern gegangen ist und ihnen unfassbare Lügen über mich erzählt hat, mit dem Ziel, dass sie sich von mir distanzieren. Sie wollte die Eltern und ihre sterbende Tochter auseinanderbringen. Sie wollte meinen Eltern die letzte Zeit mit mir nehmen, sie wollte dass ich alleine sterbe. 

Im Nachhinein seltsam, dass ich so lange gebraucht habe, um das zu realisieren. Aber für mich so unfassbar, ich weiß auch nicht, ich kann es nicht erklären. Die Erkenntnisse kommen mir Stück für Stück. Das sie die Tatsache, dass ich wegen meiner Krebserkrankung keine Kinder bekommen kann, gegen mich einsetzt. Das sie versucht, mir daraus einen Strick zu drehen. An der Stelle, wo ich Mitgefühl und Verständnis erwartet habe ist nur Böses. 

Wir waren schon lange zu einem Familien- Termin verabredet, gleichzeitig ein Geburtstagsgeschenk für mich. Ich sage anderen Bescheid, dass ich nicht kommen kann. Sie schreibt mich an, ob sie den Termin verschieben sollen. Ich schreibe ihr, dass ich denke, dass sie, mein Bruder und ich mal eine kleine Beziehungspause brauchen. Dass sie sich keine Gedanken wegen dem Geschenk machen soll. Ich schreibe vorsichtig, weil ich immer noch nicht fertig bin mit, es fassen können und grübeln (und mir Sorgen wegen des Medikaments machen). Keine Reaktion mehr, bis heute. Nie wieder was von ihr gehört.

Mein Bruder kommt zum Geburtstag meines Mannes, zaghaft, fragt wie es mir geht. ich habe bei so vielen Gästen keine Zeit mit ihm diese Sache zu klären, er sagt nichts. Meine Schwägerin, meine Nichten sind in London. Immerhin, ich rechne es ihm hoch an, dass er kommt. Jetzt frage ich mich: warum eigentlich?

Auf einem Geburtstag meiner Nichten sehe ich meine Schwägerin wieder, nur kurz bei der Begrüßung, sie sagt Hallo, ich sage Hallo, sie sagt, hey du hast ja dunkle Haare, ich sage ja und gehe woanders hin. Auch nicht gerade der Ort und die Zeit für ein Gespräch. Aber ich bin inzwischen auch wirklich sauer. Die Wut ist endlich bei mir angekommen. Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Wie kann man? Wie geht das? Wieviel Niedertracht und Boshaftigkeit muss in deinem Charakter sein, um so etwas fertig zu bringen? Das alles?

Meine Eltern, meine Schwester sagen, da hat sie bestimmt nicht drüber nachgedacht, das hat sie bestimmt nicht so gemeint, so weit denkt die gar nicht… Ich rede mit meinem Mann darüber, die ganze Zeit über versichere ich mich bei ihm, liege ich falsch? Er ist deutlich rationaler als ich, er sagt nein, du hast recht. Nach und nach erzähle ich auch Freunden die Geschichte. Zuerst habe ich nichts gesagt, ich habe mich zu sehr für meinen Bruder und meine Schwägerin und meine Nichten geschämt. Diese ganze lächerliche Wohnwagengeschichte und wie sie meine Eltern fertig gemacht haben, war mir peinlich. Was, sagen meine Freunde, nie wieder würde ich ein Wort mit der reden und finden dann aber viele, ganz andere  Worte für sie. 

Ich beschließe, dass ich nichts mehr verheimlichen muss und lügen muss ich auch nicht für sie. Wer glaubt wirklich, dass ihr Verhalten nicht gemeine Absicht war und das schon die ganze Zeit. Dass sie schon, seitdem ich erkrankt bin, versucht mir zu schaden? Ich habe ja auch lange gebraucht, um das zu begreifen, ich kann nur noch sagen, Taten sprechen mehr als Worte. Und ein Mensch, der so etwas tut, das ist kein netter Mensch (liebe Schwester) man kann nicht so etwas tun und gleichzeitig doch eigentlich ganz nett sein. Das geht nicht. 

Sieben Monate sind vergangen, ich habe nichts gehört, von niemandem. Mein Bruder trifft meinen Mann manchmal auf einem Männerabend, dann fragt er natürlich pflichtschuldig wie es mir geht. Ich denke, es interessiert ihn eigentlich einen Scheiß. (Entschuldigung) 

Das sind Wahrheiten, die ich begreifen muss. Dass es da kein Zurück mehr gibt, das es da keine große Familie gibt, die hinter mir steht. Das hat meine Schwägerin (hauptsächlich) kaputt gemacht. Oder ans Tageslicht gebracht. Das da vielmehr Menschen sind, die hinter meinen Rücken daran arbeiten mir zu schaden. Die sich kein Stück für mich interessieren. Die mir die Zeit, die ich noch habe schwer machen. Denen ich auf gar keinen Fall vertrauen kann. Die einfach allesamt riesengroße gemeine Arschlöcher sind. 

Und das ich loslassen muss. 

2 Gedanken zu “Schwimmen lernen 2

  1. Ulrike

    Ich habe beinahe täglich auf eine Nachricht von Ihnen gewartet, liebe Unbekannte!
    Was ich nun lesen musste, ist unfassbar. Wirklich keines weiteren Kommentars würdig.

    Es ist gut, dass Sie sich das alles von der Seele geschrieben haben. Sehr gut, dass Sie es endlich konnten und getan haben.

    Sie endigen Ihren Rückblick damit, dass Sie „loslassen“ müssen.

    Das gewünschte Loslassen ist nun, nachdem die abscheulichen Vorfälle und das Wort „loslassen“ veröffentlicht und damit „in die weite Welt geschickt“ sind, eine Sache der gedanklichen Disziplin. Sehr sehr schwer.
    Wie machen Sie das? Wie schaffen Sie das?
    Ein Vergleich aus der klassischen Physik hinkt, aber kann vielleicht als Bild fungieren: „Wo ein Körper ist, kann kein anderer sein.“
    Übertragen: Wo gute und positive Gedanken, Interessen und Tätigkeiten, die Freude machen etc. die Seele ausfüllen, da ist am Ende, wenn die Seele ganz und gar „erfüllt“ ist, „voll“ ist, kein Platz für all den elenden Kram, das elende Gerümpel.

    Außerdem ganz praktisch: das Auflösen der benachbarten Wohnsituation? („Nebenan im Haus…“, schreiben Sie.) Falls irgendwie möglich, wäre das sicher gut!
    Jedenfalls Kontakte diplomatisch, freundlich und konsequent auf ein äußerstes Minimum reduzieren!

    Und nun was Verrücktes: Beten!
    Ich persönlich würde zusätzlich zur Kontaktreduzierung oder Kontaktverweigerung versuchen, mein Verletztsein dadurch aufzulösen bzw. „loszulassen“, dass ich für die permanent Verletzenden täglich nach dem Erwachen und abends vor dem Einschlafen ein formelhaftes Schutzgebet verrichten würde.
    Ich kenne ein wirkungsvolles, das ich gerne weitergeben kann.
    Die Logik dahinter:
    Lasse ich mich verletzen, so werde ich gekränkt. Das kann krank machen, Gesundung hindern.
    Bitte ich um Schutz und Segen für die Verletzenden, so löse ich die Kränkung, das Krankmachende auf. Jedenfalls ganz allmählich.
    „Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen“ (Lukas, 27 und Matthäus 5,44) – das ist eine psychotherapeutische Verordnung erster Güte!
    Das Gegenteil eines Schutzpanzers wird bewirkt: einen Panzer will ich persönlich mir nicht aufzwingen lassen. Ich möchte nicht hart, kalt und bitter werden; meine Seele soll weich und geschmeidig bleiben.
    Freude, Wärme und Licht in der Seele sind heilsam.

    Mit einem Strauß guter Wünsche grüße ich Sie.
    Ulrike

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