
In den letzten zwei Jahren hat sich in mir soviel verändert, wie in den letzten 40 Jahren davor nicht. Es hieß, die Persönlichkeitsentwicklung ist mit 30 abgeschlossen aber jüngere Studien zeigen, das Entwicklung das ganze leben lang geschieht.
Ich beschrieb im letzten Beitrag, wie ich mehr Selbstsicherheit entwickle, heute geht es um den Umgang mit Konfliktsituationen. In meiner Familie ist Konfliktvermeidung das höchste Gut, Aggressionen von außen wurde immer mit Hilflosigkeit begegnet, die Streitereien in der Familie zwischen uns Kindern wurden weitgehends ignoriert. Ich erinnere mich gut an den Standard-Satz meiner Mutter, wenn mein 4 Jahre ältere Bruder mich bis zur Weißglut trietze und seinen Spaß hatte: dein Bruder ärgert dich nicht, du ärgerst dich. Ich wurde bei Konflikten von Kleinst an alleine gelassen, es gab keinen Schutz, keine Unterstützung, weder dem großen Bruder gegenüber, noch Lehrern.
Am Wochenende besuchte ich ein Seminar zur integrierten Atemtherapie und was ich dort gelernt habe ist, dass wir alle unsere bevorzugten Strategien haben, wie wir mit Angriffen umgehen, sei es Jemand der uns anschreit, sei es der Krebs, der sich wieder meldet. Kampf, Flucht, Tot stellen, Lächeln 🙂 Fight, flight und freeze sind bekannt, seit kurzem weiß man, eine Strategie ist auch besonders freundlich und und unterwürfig zu sein. Welches ist eure verinnerlichte Strategie?
Freeze kenne ich sehr gut, schockiert zu sein, bei einem unerwarteten Angriff, das Herz bis zum Hals zu spüren, innerlich leer, nicht zu wissen, was man sagen soll, sich tot stellen wollen. Und People pleasing kenne ich auch, sofort zu allem Ja und Amen sagen, wenn der Arzt die nicht erwartete Rückmeldung gibt: Er ist wieder da!
Ich konzentrierte mich immer darauf nicht zu flüchten, mich den Situationen zu stellen, Dinge anzusprechen, immer direkt alles klären zu wollen, damit es aus dem Raum ist, aber weißt du was? Das hat selten eine unangenehme Situation aufgelöst. Meistens hat das nicht gut geklappt.
In der Systemtherapie sagt man: Wenn etwas nicht funktioniert, probiere das Gegenteil davon.
Viktor Frankl, Psychiater, sagt mal: Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. Und in diesem Raum die Wahl unserer Reaktion.
Ich war immer schlecht darin, mich in diesem Raum lange aufzuhalten oder auch nur kurz. Wäre ich ein Hund, würde man sagen, ich wäre reaktiv. Mir ist ein Rätsel, wie Menschen es schaffen, erst mal nichts zu sagen, zu Ungerechtigkeiten. Wie sie dasitzen und erst mal abwarten, ob was von anderen kommt, andere machen zu lassen. Ich fühle mich immer direkt verantwortlich, ich mache, ich sage, ich stelle mich auch vor andere. Und habe dann oft auch einen abgekriegt.
Jetzt gerade gibt es in meinem Haus einen Nachbarschaftsstreit und jemand schreit und beschimpft mich, wann immer er mich sieht, obwohl das halbe Haus an der Sache nicht weniger beteiligt ist. Das kommt auch daher, dass ich mich immer in die erste Reihe stelle. Und derjenige möchte jetzt einfach wütend und uneinsichtig sein, weil ihm niemand gehorcht und sucht nach Gründen, wütend zu sein und mein erster Gedanke war, ich muss das klären. Ich war sehr gestresst. Zum Glück habe ich so schnell keine Gelegenheit gefunden, denn als ich da so saß beim Atmen, da dachte ich: Ich habe doch gar nichts falsch gemacht und ich habe doch gar kein Klärungsbedarf? Warum sollte ich irgendwas klären? Warum sollte ich auf jemanden zugehen (ganz people pleasingmäßig mit beschwichtigendem Lächeln) wenn derjenige sich längst für sein Verhalten in Grund und Boden schämen müsste? Ich muss einfach gar nichts tun. Weder etwas ansprechen, noch etwas klären, weder unfreundlich sein, noch freundlich, noch aufhören Guten Tag zu sagen, mich des Streites annehmen oder mich in irgendeiner Weise zuständig fühlen. Ich mache einfach gar nichts, weil mich nichts davon etwas angeht.
Dann gibt es Gedanken, die mir Angst machen wollen: Wie wird das in Zukunft werden? Was wenn der Nachbar dich dann speziell auf dem Kieker hat? Was wenn er deine Post wegwirft, deinen Hund tritt, wäs wäre wenn….? Das sind alles meine Angstgedanke, die keinen realen Hintergrund haben. Es gibt gar keinen Anlaß sie zu denken. Sie wollen mir eine Realität schaffen, in der ich so reagiere, wie ich es immer tue.
Deine Gedanken erschaffen dir deine Realität.
Werde ich es also schaffen: 1. anders zu reagieren, als ich es sonst immer tue? Und 2. meine Gedanken eine andere Realität erschaffen zu lassen, als sie es sonst immer tun?
Was ich noch gelernt habe bei dem Workshop: sich über Gedanken beruhigen, das geht nicht so gut. Man muss erst den Körper beruhigen, das Nervensystem wieder runterfahren, dann kann man die Situation anders bewerten und anders handeln.
Also, das ist meine Challenge die nächsten Tage, wie gehe ich mit diesem Konflikt um, das ist meine spezielle Übungssituation. Entwicklung geschieht immer durch Reiz.