oder lieber nicht?
Seit letztem Jahr hatte ich bei verschiedenen Gelegenheiten ein paar Erlebnisse, die ich erst jetzt zu einem großen Ganzen zusammenfüge. Doch von vorne:
Als ich meiner Familie meine Diagnose vermittelte, wir saßen alle in einem großen Kreis, da sagte meine Schwägerin: „Wir werden darüber miteinander reden, wir werden das nicht totschweigen.“ Ich glaube, sie hatte in ihrem entfernteren Verwandtenkreis vielleicht schon eine Erfahrung gemacht? – Alle nickten mit dem Kopf “ Ja, auf jeden Fall.“
Jetzt 1,5 Jahre später, kenne ich alle gängigen Methoden um zu unterbinden, dass ich meine Krankheit erwähne. Meistens so ein kleines Kopfschütteln, begleitet mit einem Pschscht! 🙂 wirklich wahr! Oder auch ein: „Nicht jetzt!“.
Letztens saß ich mit meiner Schwester zusammen, ich erzählte etwas, wahrscheinlich ein Gedanke zum Thema Tod und wahrscheinlich eher humorig formuliert, ich weiß es nicht mehr so genau. Und meine Schwester wieder : „Pschpscht“ Kopfschüttel. Ich: „Das ist mein Leben, darüber kann ich doch sprechen.“ Und sie sagt: „Ich weiß, das ist auch mein Leben.“
Sie meint, als Schwester einer Krebskranken, als jemand der zurückbleibt und traurig sein wird. Und auch jetzt schon traurig ist.
Am Samstag hatte ich einen Mädelsabend 😉 Ihr wisst alle was das ist, jede Menge Frauen, mit der Hälfte war ich verwandt, mit viel Sitzfleisch, viel Wein, lecker Essen. Viele Geschichten über die Zukunft, einige wollen bald heiraten und dann Kinder kriegen, andere nehmen sich vor, zu ihrem nächsten großen runden Geburtstag den Jakobsweg zu wandern… Und ich dachte ziemlich oft an diesem Abend: oh, da bin ich schon tot. Oh, dann auch. 🙂 Habe ich natürlich nicht laut gesagt. Darf ich ja nicht. Weder traurig, noch lustig.
Heute habe ich Bekannte meiner Eltern auf der Straße getroffen, er sitzt im Rollstuhl, auch sehr krank. Ich vermutete aufgrund ihrer Lebenserfahrung sind sie gefestigter. Wir sprachen über Elvis, meinen Hund (den allerhübschesten Pudel, nebenbei bemerkt, tut mir so leid, dass niemand auf der Welt so einen niedlichen Hund hat wie ich 😉 ne tuts nicht 🙂 ) und sie sagten, sie hätten gedacht, dass sich eher meine Eltern mal einen Hund anschaffen würden und ich sage irgendwann gehört er ja auch ihnen und sie: “ Haha, jaja, zur Erholung mal.. “ schneller Themenwechsel.
Was ist denn bloß los? War ich früher auch so? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nicht jemandem begegnet zu sein, der sterbend ist.
Ich hatte auch eine gute Erfahrung! Ich habe nämlich den einzigen anderen jungen Hüpfer in der Pneumologie ausgemacht (Ja, bis unter 50 darf man sich auf meiner Station junger Hüpfer nennen 🙂 ) Als ich sie sah, sprach ich sie schnell in den 5 Minuten an, die wir Zeit hatten: Hallo, du auch Krebs? Mutation? Stadium 4? Telefonnummer? Whats app? 🙂 Sie sagt später, ich gehöre zu den skurrilen Begegnungen, die sie hat, seitdem sie an Krebs erkrankt ist. 🙂 Ich habe mich mit ihr auf einen Kaffee getroffen und einen herrlichen Nachmittag lang haben wir uns seltsame Geschichten erzählt, Witze über unsere Begräbnisse gemacht, über unsere Partner und unsere Familie gesprochen, über Galgenhumor und Schicksal geredet und es war eine überhaupt nicht traurige, wirklich schöne Begegnung.
Ich traue mich fast gar nicht mehr über meine Krankheit zu sprechen, wenn ich sie irgendwie erwähne, scheint es als hätte ich Syphilis oder Feigwarzen. Irgendetwas peinliches, fieses, unanständiges.
In das große Ganze jedenfalls ordne ich die Hochzeit letzten Sommer ein, die ich für mich irgendwie merkwürdig fand. Da ist mir dieses Phänomen nur das erste Mal massiv begegnet. Einen Geburtstag später, Weihnachten (Oh,Oh Weihnachten, an Weihnachten existiert Krebs überhaupt nicht auf der Welt, wusstet ihr das nicht? Doppelpschsch! ), Kaffetrinken usw. bin ich jetzt schlauer.
Ich weiß noch nicht, was ich damit mache. Ich merke, es fällt mir mittlerweile schwerer, mich für die anderen zu freuen, es fällt mir schwerer, heile Welt zu spielen und mein Lebensglück daraus zu ziehen, dass alle um mich herum so wahnsinnig glücklich sind und vor einer verheißungsvollen Zukunft stehen. Und ich soll schweigen, damit ich das Glück nicht zerstöre. Weil das kaputt geht, wenn ich erwähne, dass ich krank bin? Also, ich gebe ehrlich mein Bestes, aber in mir brodelt es (ein bisschen nur bisher). Wer kann so selbstlos sein?
Was ich mir wünsche, ist das ich einfach ganz normal darüber sprechen kann, so wie andere auch sagen dürfen, sie waren gerade beim Arzt, oder sie haben sich den Rücken verrenkt. Ich will weder Mitleid auslösen, noch Trauer, ich will nur das Gefühl haben, dass ich auch über mein Leben sprechen darf. und das das normal ist. Das darüber sprechen und mein Leben sowieso.
P.S. Weihnachten, dass muss ich noch sagen, da gab es die perfekte Inszenierung einer glücklichen, absolut perfekten 50er Jahre Fernsehfamilie. Ich war lieb, aber ehrlich, ganz ehrlich, ich hätte quer über den Tisch brechen können. Seufz…
Warum?