Von Opfern und Versehrten

Kriegsversehrte werden bei Wikipedia als Kriegsopfer bezeichnet, deren Verwundungen anhaltende körperliche oder seelische Schädigungen hinterließen. 

Diesen Gedanken hatte ich, als ich das letzte mal eine Arbeitskollegin sah, einen Monat vor ihrem Tod durch Brustkrebs im Frühjahr 2017. Sie sah nicht so aus, wie man sich klischeehaftet einen Krebspatienten im Endstadium vorstellt. Sie hatte Normalgewicht, war wenig geschwächt und konnte im Café sitzen und sich mit mir unterhalten. Aber in ihrem Gesicht war ein solch erschöpfter Blick, der offenbarte, dass sie schon so viel Leid gesehen und erfahren hat, dass all der Schrecken, den Krebs zu bieten hat, nur noch Müdigkeit auslöst. Jede einzelne Infusion der vielen Chemotherapie, bei der man stundenlang zwischen anderen Patienten sitzt und in die Maschinerie des Krankenhauses eingetaktet wurde, jede einzelne Bestrahlung, bei der man auf dem Tisch liegt, nachdem man fast nackt durch diverse Flure geführt wurde und alle den Raum verlassen, weil es viel zu gefährlich wäre, sich der Strahlung auszusetzen und man muss ganz still liegen und wird eingeklemmt und kriegt Masken aufgesetzt und wird markiert, Vollnarkosen, Eingriffe, Amputationen, Veränderungen an deinem Körper, dutzende Blutabnahmen und Zugänge, dutzende Male vor dem Arztzimmer warten und bangen, welche Ergebnisse vorliegen, ob man noch ein bisschen weiterleben darf…

All das ist so zermürbend, als wäre Krebs eine große Maschine, die dich mal langsamer mal schneller zermalmt. Manchmal bleibt am Ende noch etwas von dir übrig und manchmal auch nicht.

Ich habe Maren Ende November das letzte Mal gesehen. Ich habe sie zu Hause besucht, sie war meine „Mitpatientin“. Wir waren die einzigen beiden unter 40 (damals) mit der Diagnose Lungenkrebs, Stadium 4 und die beiden einzigen die eine Mutation hatten, die man zielgerichtet behandelt. Wir wohnten auch gar nicht so weit auseinander und wir haben uns ab und zu getroffen und geschrieben, darüber unterhalten, wie man diese Krankheit aushalten kann und wie man selbst damit umgehen soll, dass man Palliativpatient ist, wie man mit Freunden und Familie umgehen kann und wie diese mit einem selbst umgehen. Ich fand Maren sehr klug und sehr sanft und sehr optimistisch und ich weiß, dass sie viele Begabungen und Interessen hatte.

Als sie mir damals die Tür öffnete habe ich ihren Blick gesehen und sofort an meine Arbeitskollegin gedacht. Dieser müde, dieser wirklich müde Blick. Als hätten diese Augen einfach schon zu viel gesehen. Sie war optimistisch, dass die Hirnmetastasen nach der Bestrahlung erst mal fort wären und so schnell auch nicht wieder kommen würden. Das dann vielleicht eine neue Therapie für sie da wäre. Maren ist am 31.12.2020 in den Armen ihrer Freundes für immer eingeschlafen. Sie fehlt mir.

Ein Gedanke zu “Von Opfern und Versehrten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s