Der Mensch ist eine Insel?

sarde4

Neulich erzählte mir eine Kollegin, dass eine dritte die Diagnose MS erhalten habe und inzwischen, nach dem ersten Schock, viel ausgeglichener und freundlicher wirke als vorher. Spontan sagte ich, das bin ich auch. Nicht dass ich vorher unfreundlich zu Menschen war, das würde wohl niemand unterstreichen, der mich kennt. Aber ich habe beobachtet, dass sich die Menschen bei Behörden, in Geschäften, an irgendwelchen Schaltern, wann immer ich etwas will, sehr um mich bemühen. Alles geht. Das war nicht immer so, ich scheine eine andere Ausstrahlung gegenüber Fremden zu haben.

Ich bin ein introvertierter Mensch… gewesen.

Seit dem Tag, an dem mich meine Hausärztin angerufen und gefragt hat, wann ich kommen kann, seitdem zieht es mich unter Menschen. Vorher brauchte ich viel Zeit für mich ganz allein, zuhause. Vorher war ich überzeugt, im Grunde ist jeder Mensch allein, ganz zuletzt ist doch jeder gefangen in seinem Körper und seinem Kopf und unsere Instinkte sind erst mal auf uns selbst gerichtet.

Seit diesem Tag bin ich ganz viel unter Menschen und wenn ich nur Kaffee trinkend auf der Bank beobachte. Ich fühle mich verbunden und eingebettet mit all diesen Menschen, die ich sehe. Ich bin jeden Tag draußen und kann auch gar nicht mehr viel Zeit allein zu Haus verbringen, dann komme ich mir vor wie abgeschnitten.

Ich habe gar keine Ahnung, wie ich jetzt auf andere wirke, jedenfalls anders und offensichtlich besser. Ob das eine langfristige Veränderung ist? Ob das wirklich anhält? Was wartet noch alles auf mich?

Die Krebs-Gemeinde

Ich habe noch wenig Zugang zu ihr. Das liegt daran, dass ich keine reguläre Chemotherapie erhalte und somit nicht regelmäßig auf andere Menschen treffe, die an Krebs erkrankt sind und dass die meisten Lungenkrebspatienten 30 Jahre älter sind als ich.

Ich kann noch nicht sagen, ob das gut oder schlecht ist.

Ich habe jetzt mal in ein Forum reingeschaut (in dem sich, Technik bedingt wahrscheinlich, mehr Menschen meines Alters aufhalten).  Dort sind viele Schicksale, die meinem ähneln, wahrscheinlich weil Lungenkrebs meistens in einem sehr fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird. Es gibt unter den Usern auch einige Optimisten, Menschen die auch noch Witze machen können, Galgenhumor besitzen und genießen können. Das gefällt mir sehr.

Was mir nicht gefällt, ist das viele Beiträge sich wie Arztbriefe lesen, der gesamte Krankheitsverlauf mit jeder Menge Abkürzungen und Fremdwörtern wird da dargestellt. Oft wird auch von den Moderatoren  gezielt nachgefragt. Warum ist das so? Was soll ich denn anfangen mit den Blutwerten von anderen? Und was soll den irgendein Nicht-Arzt dazu sagen, außer, bei mir ist das so und so?

Verurteilen kann ich das nicht. Ich habe schon festgestellt, dass unter Krebskranken vielfältige Formen der Verarbeitung zu finden sind: da gibt es die Technikversierten, die mit jedem Blutwert und mit jeder Bestrahlungsform etwas anzufangen wissen, da gibt es die Kämpfer, die viel über das Kämpfen sprechen müssen und wahrscheinlich gibt es auch mehr von meiner Sorte, die das medizinische einfach mal den Ärzten überlassen und nicht zu Experten über Krebs werden, sondern zu Experten über sich selbst.

Das bedeutet nicht, dass ich in der Krebs-Gemeinde keine Hilfe finden kann. Es gab neulich einen Menschen-Hautnah-Beitrag im WDR zum Thema Resilienz und eine sehr lebensfrohe Frau kam da zu Wort: „Ich kämpfe nicht. Die Bedeutung wollte ich dem Krebs nicht geben. Das ist er mir nicht wert und so viel Macht über mich, dass ich gegen ihn kämpfen will, will ich ihm nicht geben. Ich glaube oft ist das Problem, dass man aufhört zu denken, wenn man Angst bekommt. und wenn man zu Ende denkt ist es vielleicht gar nicht so schlimm.“

Das hat mir so geholfen! Danke Clarissa!