Schwester

Gestern Abend war sie bei mir und wollte meine Witze und die meines Mannes über meine mögliche Nachfolgerin an seiner Seite nicht hören. Sie machte dabei ein Gesicht wie meine alte Tante, wenn man etwas ganz Ungehöriges ausgesprochen hat. Direkt fühle ich mich auch so, habe ich zu viel gesagt, bin ich zu makaber? Das macht aus meinen Scherzen irgendwie Verbitterung. Ich versuche auch die Komik in der Situation zu erkennnen und plötzlich fühle ich mich nach dieser Maßregelung, als wäre ich ein Mensch, der seine Scherze nur äußert, um anderen sein Leid ironisch spürbar zu machen.

Ich weiß, es fällt ihr ganz besonders schwer mit meinem Sterben umzugehen. Aber ich glaube nicht an ihren Weg, des „sotuens“ als hätte ich noch viele, viele Jahre vor mir. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um sie.

Mir dagegen fällt es in den letzten Tagen spürbar leichter. Also irgendwie… gewöhnt man sich an alles 🙂

 

Pflücke den Tag

blume

Ist jetzt jeder Tag durchzogen von grauen, trüben Gefühlen? Nein, natürlich nicht. Man kann auf gar keinen Fall so leben, als wäre jeder Tag der letzte auf Erden. Aber ich achte sehr darauf im Hier und Jetzt zu sein und nicht mehr an morgen zu denken. Ich glaube, dass muss man sich antrainieren, ich jedenfalls. Einfach die Zukunft auszublenden und jetzt schön machen, nicht später. Was mache ich also?

Ich gehe mehrmals die Woche ins Cafe und frühstücke da, während ich Zeitung lese und die Leute auf der Straße beobachte, die Athmosphäre im Cafe genieße und mich bedienen lasse…

Häufig treffe ich mich mit Arbeitskollegen zum Mittagessen oder zum Kaffee zwischendurch.

Ich helfe einer Freundin eine neue Küche einzurichten.

Ich habe ein Fotoprojekt für eine Kita übernommen.

Ich besuche meine Familie.

Ich geh bummeln.

Ich koche, was ich weder mag noch kann, aber immerhin deswegen jedesmal eine interessante Herausforderung und ein Großprojekt darstellt.

Insgesamt stelle ich fest, ich könnte auch sofort in Rente gehen, Langeweile ist kein Problem, ich habe gar nicht genug Zeit, all die Dinge zu tun, die ich vorhabe.

Ich lache darüber, dass ich bald sterben muss, das mache ich am liebsten. Ich überlege wann ich meine „Krebskarte“ ziehen kann, damit ich aus was davon habe (z.B. um lästige Telefonverkäufer schnell loszuwerden). Ich scherze über Inschriften auf meinem Grabstein und mit meiner Freundin, die MS hat, wer bessere Chancen hat etwas zu erleben (sie) oder etwas zu tun (ich).

Ich überlege, ob irgendwann ein Zeitpunkt kommt, an dem mir das Lachen vergeht, aber dann wiederum frage ich mich: Warum eigentlich?