Kontrolluntersuchung

Hatte ich am Donnerstag, meine erste. CT, EKG, Lungenfunktion, Blutbild. Alles super! Das Medikament schlägt tatsächlich an, meine Tumore und Metastasen sind kleiner geworden. Ich hatte befürchtet, dass ich doch aufgeregt bin an diesem Vormittag, dass die Aussicht, bald zu sterben wenn das Medikament eben nicht anschlägt, mich doch nervös macht. meine mühsam erarbeitete, erst in Ansätzen vorhandene Ruhe und Akzeptanz sich nur als Seifenblase erweist, die dann platzt. War aber nicht so.

Was bedeutet das Ergebnis? Ganz konkret: die Hoffnung auf bis zu 2 Jahren gutes Leben. So lange dauert es im Durchschnitt bis mein Tumor gegen die Pillen resistent wird. Noch konkreter? Halbwegs sichere drei Monate ohne Sorgen darüber, was gerade in meinem Körper vorgeht. Ob gerade meine Lungenflügel von Metastasen übersät werden, meine Lymphknoten in den Achseln befallen werden. Heute nicht.

Es bleibt also eigentlich wie bisher: es existiert nur ein Heute.

Das klingt sehr pessimistisch, ist aber nicht so gemeint. Ich möchte mich nur nicht verstricken in Hoffnungen und Träume, in Ängste, wenn diese nicht eintreten. Sie werden nicht eintreten. Am Ende steht der Tod. Immer noch viel früher als bei vielen anderen.

Gestern war ich auf einer Familienfeier und alle haben sich sehr gefreut, dass meine Ergebnisse so gut waren. Und mich hat gefreut, dass sie sich gefreut haben. Und mich in Gedanken ein wenig gewundert, ob sie wirklich verstanden haben, dass es nichts daran ändert, dass ich an diesem Krebs sterben werde?

Und es war eine wirklich richtig schöne Feier und ich habe mich gut mit vielen Menschen  unterhalten und die Verlobte meines Cousins kennengelernt und lecker gegessen und mich verabredet und ganz sachlich auf die kurzen Nachfragen geantwortet wie es mir geht. Und ich fand es gut, dass meine Krankheit kaum ein Thema war und keine Rolle gespielt hat und mich gleichzeitig gefragt, um Himmels willen, verdammt noch mal!! Wie kann das sein, dass das Leben für alle anderen so selbstverständlich weitergeht? Dass ich mich mit ihnen über Silberhochzeiten unterhalte, die ich niemals mit meinem Mann erleben werde, über geplante Kinder, die ich niemals kriegen werde, über Geburtstage, die ich niemals erleben werde? Dass ich mitten unter ihnen sitze und sterbe, während alle anderen Kuchen essen?

Das ist jetzt die alltägliche Ungeheuerlichkeit, die meine Normalität ist. Die ich ja aber auch eigentlich nicht anders will und die auch normal und nachvollziehbar ist.

Ich hab nichts gesagt. Ich hoffe, ich werde auch nie.

4 Gedanken zu “Kontrolluntersuchung

  1. Judith

    Hallo !

    Ich habe vor 2 Jahren die Diagnose Knochenmetastasen bekommen, nach BK .
    Erst dachte ich ein Leben mit ständig dem Tod vor Augen kann nicht lebenswert sein
    und wollte gleich in die Schweiz fahren . Aber dann als ich andere Krebstagebücher las
    und las dass man doch noch viel aus dem Leben rausholen kann was es lebenswert macht habe ich den Versuch gemacht weiterzuleben und bis heue habe ich es keinen Tag bereut .
    Es waren die Besten Jahre meines Lebens. Ich habe alles gemacht was ich immer wollte, mich endlich frei gefühlt von den lästigen Zukunftsängsten und den Grübeleien über die Zukunft.
    Natürlich war /ist nicht alles nur schön, also psychisch. Natürlich ist es immer auch ein wenig gruselig mit dem Wissen, dass man in einigen Jahren (oder viell. auch früher) sterben muss leben zu müssen, vor allem weil die Zeit dann doch ziemlich schnell vergeht.

    Was Du über die Reaktionen von Deinem Umfeld schreibst, dass sie sich so freuen über ein gutes Ergebnis dass sie darüber ganz vergessen, dass es nichts daran ändert dass Du an dem Krebs sterben wirst, dass kenne ich, auch von Betroffenen die auf Facebook etc.
    Krebstagebücher schreiben und wundere mich jedes mal darüber warum sie sich so sehr
    an Untersuchungsergebnisse klammern, die doch immer blos eine Momentaufnahme sind
    und an dem Ausgang nichts ändern .

    Mir ist aufgefallen, dass Dein Umgang meinem sehr ähnelt. Ich lese viele Krebsblogs auf
    Facebook und im Internet allgemein und die meisten schreiben sehr sentimental über ihre
    Krankheit, als ob man mit Gefühlsduseleien was dran ändern könnte. Du klingst sehr
    rational und distanziert im Umgang mit Deinem Krebs, das ist sehr selten. Ich fühle mich da
    zeitweise etwas alleine weil ich genauso bin. Mache auch Scherze über den Tod und das Sterben, Galgenhumor bzw. Humor allgemein ist mein Ding im Umgang damit . Deshalb habe ich mich gefreut über Dein Tagebuch und das jemand mal nicht so theatralisch und gefühlsduselig und vor allem devot damit umgeht.

    Allerdings habe ich mich ganz ehrlich gefragt ob Du wirklich so cool damit umgehst, dass
    Du in einem jungen Alter sterben musst und wirklich nie haderst. Ich hadere manchmal schon, dann fluche ich vor mich hin, dass ist mehr mein Ding als zu weinen.

    Liebe Grüße

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  2. Liebe Judith,
    danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich bin tatsächlich ein eher sachlicher Mensch und ich glaube auch nicht, dass Gefühlsduseleien etwas bringen, außer vielleicht deinen Mitmenschen die Sache schwerer zu machen. Ich finde meinen eigenen Beiträge aber auch gar nicht so cool und distanziert. Gerade in diesem hier, denke ich, wird doch deutlich, dass ich auch Augenblicke der Fassungslosigkeit oder Verzweiflung erlebe. Aber die dauern eben immer nur einen Augenblick an. Genauso wie mein Weinen. Ich weine inzwischen nicht mehr jeden Tag, aber immer noch häufiger, jedes mal auch nur für eine Minute, dann ist es wieder gut. Ich glaube, ich trauere um mich selbst.
    Mein Großvater hat, als ich klein war immer wenn ich mir weh getan habe, gesagt: Lerne leiden ohne zu klagen! 🙂 typisch alte Garde.. Aber da ist was dran. Wenn man mit allzu viel Selbstmitleid anfängt, fühlt man sich selbst nur schlechter.
    Grüße zurück

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  3. Meine Aussicht bei der Diagnose der Lungen- Leber- Knochen- und Peritonealmetastasen lag bei 18 Monaten. Jetzt beginnt mein 7. Jahr mit all den Dingern und ich kann nicht wirklich behaupten, dass es schlechte Jahre gewesen wären. Insgesamt beginnt jetzt mein 11. Jahr mit Krebs . . . also alles relativ 😉
    Mit Jammern und Klagen konnte ich auch nie etwas anfangen und auch ich bin der Meinung, dass mich das vor allem selbst runterzieht. Also lass ich das. Aber schimpfen hilft manchmal und Wut ist auch irgendwie eine Kraft.
    Lieben Gruß
    Sue

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