Luke, ich bin dein Vater…

Montag war es wieder soweit: Ich war bei Gamma Knife und mir wurden Metastasen aus meinem Hirn gelasert. Das geht so:

Erst bekomme ich den Zugang gelegt, dann verschwindet ich eine halbe Stunde im MRT, Kontrastmittelgabe und schon sitze ich wieder im Behandlungsraum auf dem Stuhl. Dort warten vier sehr große Spritzen auf mich und die sollen alle in meinen Kopf, tief, bis auf den Schädelkonochen runter. Und das tut so weh. Ich hätte gerne eine kleine betäubungsspritze für die große Betäubungsspritze. Aber, jetzt kommt der gute Teil, sehr großzügig wird auf Wunsch das Beruhigungsmittel verabreicht und ich habe den Wunsch! Ich würde schätzen, so wie zwei bis drei Gläser Sekt, man hat also einen Kleinen sitzen, ist aber nicht müde und kriegt auch noch alles mit. Ein wunderbar leichtes Gefühl macht sich in der Magengrube breit und zaubert ein kleines Lächeln auf die Lippen. Ich beschließe, wenn ich im Hospiz bin, lasse ich mir jeden Tag so einen Cocktail verabreichen.

Die Spritzen betäuben den Kopf, denn jetzt kommt der wirklich gruselige Teil: An meinem Kopf wird eine Metallhelm festgeschraubt. Zwei Schrauben werden links und rechts an der Stirn, zwei im Hinterkopf in meinen Schädel geschraubt, damit diese Maske, die auch vor dem Gesicht hängt (man kann noch etwas sehen), unverrückbar fest sitzt. Keine Schmerzen, dank der Betäubung, aber während des Schraubens ein fieser Druck, ein Ziehen durch den ganzen Schädel. Dann setze ich mich mit dieser Eisenmaske um den Kopf wieder in den Wartebereich und unterhalte mich mit einer Frau, die nur unwesentlich schockiert von meinem Anblick ist.

Der Arzt kommt. Sie haben noch eine weitere Metastase gefunden, wir machen sie direkt mit weg.

Ich werde in einen anderen Raum geführt, dort ist ein anderes Gerät, eine Röhre, ähnlich einem MRT. Ich setzte mich schon einmal drauf, während der Assistenzarzt einen weiteren Metallbogen an meinem Helm befestigt, der ist schwer. Ich kann mich jetzt mit der halben Metallwarenabteilung auf meinen Schultern vorsichtig hinlegen und werde jetzt mit allem an einem Metallrahmen auf der Liege festgeschraubt. Mein Kopf liegt also nicht auf, sondern schwebt in der Luft, festgeschraubt an diesem Rahmen. Das ist erst mal gewöhnungsbedürftig, aber dann merkt man, dass man den Nacken ruhig entspannen kann.  Jetzt bewegt sich mein Kopf nicht mehr, auch wenn ich husten oder niesen muss. Das ist gut, weniger Stress.

Die Liege wird verstellt, so dass ich im richtigen Winkel liege und halbwegs bequem in die Röhre geschoben werde. 40 Minuten, Radio läuft, sonst wenig Geräusche. Ich dämmere vor mich hin, das kann ich inzwischen richtig gut. Aus allen Seiten schießen Laser in mein Gehirn, bündeln sich in meiner Metastase und brennen sie und noch ein bisschen Sicherheitsrand vom Hirn weg. Das bisschen Kleinhirn 😉

Dann wieder raus aus der Röhre, losgeschraubt, ehe ich mitkriege, schon Cortsion in der Armkanüle. Vorsichtig wieder zurückgeführt in den anderen Behandlungsraum, Zugang raus, Schrauben werden abgeschraubt. Der Assistenzarzt beugt sich über mich, als wäre ich ein kaputtes Auto, ah klemmt ein bisschen… Das tut nicht wirklich weh, ist aber ein ekliges Gefühl.

Jetzt verhandeln mit dem Arzt: ich soll wieder Cortison nehmen, prophylaktisch. Ich will dieses Akneverseuchende, alle Schleimhäute aufreißende, den Magen-Darm-Trakt völlig lahmlegende, Papierhautmachende, anschwellende Teufelzeug nicht nehmen.  Ich möchte Weihrauch ausprobieren. Der Arzt guckt, ich habe ihm gerade vorgeschlagen statt mit Atombomben lieber mit Gummibärchen zu schießen. Ja, ich weiß. HmHmhm, ja na gut, aber ich soll mir das Cortison auch holen und sofort nehmen wenn.. und nicht erst, wenn ich schon drei Tage über der Schüssel hänge. Ja, mache ich, habe ich jetzt auch immer dabei.

Vier Stunden sind um

Beim ersten Mal habe ich mich gefühlt wie Frankensteins Monster, ich dachte, das kann doch einfach überhaupt nicht wahr sein, auf was für abartige Ideen Menschen kommen. Dinge an deinen Kopf zu schrauben, dich damit rumsitzen und rumlaufen zu lassen. Beim letzten Mal haben Sie mir zweimal Beruhigungsmittel gegeben.

Ich finds immer noch nicht normal, brauchte aber nur eine Spritze und, na, ja, wenns scheee macht 😉

5 Gedanken zu “Luke, ich bin dein Vater…

  1. Rhea

    Oh Himmel, das liest sich ja wie Zukunft im All 😉 oder Trip in die Galaxis

    Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt.
    Hoffentlich haben die Behandler die Metas gegrillt.
    Rhea

    Gefällt mir

  2. Hat dies auf Überleben trotz Krebs rebloggt und kommentierte:
    Ich finde diesen Beitrag so unglaublich gut, so absolut unglaublich gut, ich kann Euch gar nicht sagen, wie gut ich ihn finde! Danke „fünfPhasen“, dass Du uns mit Deiner Ehrlichkeit und Deiner wunderschönen herzlichen offenen Art zu schreiben daran teilhaben lässt:

    Gefällt mir

  3. Auch ich möchte mich für diesen offenen Bericht bedanken. Ich kenne ähnliche Dinge von der anderen Seite (ehemalige Op-Schwester in einer Neurochirurgie) aber ich habe inzwischen die Fronten gewechselt . Ich finde es ausgesprochen spannend,nun zu wissen wie das beim Cyberknife so abläuft. Wobei bei mir die gesamte Tumorlast für einen Cyberknife-Einsatz zu hoch wäre (hat man mir dort so gesagt)
    LG
    Sue

    Gefällt mir

  4. Susanne

    Hat dir schon mal jemand gesagt, wie großartig du schreibst? Vermutlich schon, hoffentlich. Ist dir vielleicht gar nicht so wichtig, aber ich finde, das musste mal gesagt werden. Und abgesehen davon, hast du eine erstaunliche Art, mit dem ganzen riesigen Berg umzugehen. Wenn ich jetzt sage „Respekt“, drückt das leider nur sehr mangelhaft aus, wie beeindruckend ich dich und deine Gedanken finde. Möge diese Klarsicht dich nie verlassen! Und noch wichtiger: Behalte diese Kraft und deine Klugheit. Bin selbst soweit gesund und kann mir kaum vorstellen, dass man nicht irre wird, verbittert und komplett verzweifelt mit einer Krankheit wie der deinen. Es wird dir leider nicht helfen, aber ich sags trotzdem: So wie ich das sehe, machst du das ziemlich saugut. Wobei mir natürlich klar ist, dass es andere Zeiten bei dir geben wird, wo alles zappenduster ist und die Angst und die Tränen kein Ende nehmen wollen. Ich wünsche dir, dass du dann neben deiner eigenen Kraft auch noch Menschen hast, die da sind und helfen, dich da rauszuziehen. Ich werde hier immer wieder nach dir schauen… Danke, dass du mich und andere mitnimmst. Und sollte es irgendwas geben, was hilfreich für dich sein könnte, sag Bescheid.
    susanne

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s