Kaffeeklatsch mit Sterbenden

Es gab viel zu tun in den letzten Wochen, ein Welpe ist bei mir eingezogen, aber dazu in ein paar Tagen mehr 😉

Die Gedanken meines letzten Beitrages sind mir noch nach gegangen, ich habe überlegt, ob ich den Eintrag umschreiben soll oder nicht, aber ich lass es so stehen. Ist er wahrscheinlich ungerecht den Anderen gegenüber, mit einer Prise Selbstmitleid (Mimimimimi) und Selbstgerechtigkeit? Ja, na klar 🙂 Aber es ist die damalige Momentaufnahme und so kann ich eben auch schon mal sein und so kann ich eben auch schon mal empfinden.

Die Passagen, dass es schwierig ist, ein guter Mensch zu sein, meine ich aber nicht anklagend, sondern genauso wie sie da stehen. Es ist schwierig, anderen zu gönnen, andere zu lassen, Anteilnahme zu zeigen, wenn man vielleicht selbst auch ein Päckchen zu tragen hat. Ich habe mir schon vor der Erkrankung darüber Gedanken gemacht, aber jetzt werde ich eben besonders herausgefordert. In den letzten Wochen wurden gerade in meiner größeren Familie häufiger  Zukunftspläne geschmiedet, eine Familie zu gründen, zu heiraten, berufliche Wege zu planen. Und es fällt mir schon schwer zuzuhören und mich ganz vollkommen für den anderen zu freuen. Bis zu einem gewissen Punkt geht das noch gut, aber dann möchte ich es eigentlich nicht mehr hören, wie andere sich rosig ihre Zukunft ausmalen. Ich bleibe natürlich, ich höre zu, ich lächle, ich frage nach… Ausgeschlossen sein, das will ich ja auch nicht. Das alle verstummen, wenn man den Raum betritt, das die anderen das Gefühl haben nicht mehr frei reden zu können, wenn ich da bin, das geht auch nicht.

Es ist also ein Dilemma, manchmal ein verdammter Drahtseilakt die eigenen Gefühle auszutarieren und im Gleichgewicht zu halten.

Deswegen, und jetzt kommen wir auf den Titel zu sprechen, habe ich mir etwas überlegt 🙂

Ich werde ja auf eigenen Wunsch nicht von einem Psychoonkologen begleitet und ich habe keine Lust auf Selbsthilfegruppen in Kirchenkellern bei einer Tasse Tee die Tränen der anderen zu trocknen. Aber ich würde mich schon gerne mal mit anderen austauschen, die ebenfalls in meiner Lebenssituation sind. Und mein Thema ist nicht der Krebs, sondern früh sterben zu müssen.

Kaffeeklatsch für Sterbende

Hattest du eigentlich etwas anderes vor? Haus bauen, Kinder kriegen, Karriere machen, die Welt entdecken? Und dann die Diagnose einer lebensbegrenzenden Krankheit, Therapie: Palliativ!

Jetzt bleibt nur noch ein bisschen Zeit, ein paar Monate oder Jahre, aber keine Zukunft. 

Wie die noch verbleibende Zeit mit wenig Angst und viel Lebensfreude gestalten? Was verändert sich in den Beziehungen zu nahe stehenden Menschen ? Was ist jetzt noch wichtig und was nicht mehr? Diese Fragen beschäftigen mich und ich habe Lust mich mit anderen Betroffenen aus der Lebensmitte (ca. 30 bis 50 Jahre) darüber auszutauschen. 

Dies ist kein psychologisch begleitetes Angebot, nicht so richtig eine Selbsthilfegruppe, sondern ein Kaffeeklatsch mit Kaffee und Kuchen und einfach frei über Themen sprechen können, die manche scheuen.

So. Das ist der Text, mit dem ich kommende Woche beim Selbsthilfeservicebüro in unserer Stadt auflaufen will. Mal sehen, ob die mich in ihren Katalog aufnehmen. Klingt das ein bisschen wie aus dem Gaga-Land? Ich weiß nicht…

Noch ein paar Blitzlichter:

Im Augenblick geht es mir gut, wie seit der Diagnose nicht mehr. Im Moment ist in meinem Hirn tatsächlich nur Hirn. Keine Metastasen, keine Ödeme, kein Rest abgestorbenes Geweben, einfach nur Hirn und das spüre ich auch 🙂 Das Medikament schlägt an und hat deutlich weniger Nebenwirkungen als das davor und dank Welpe bin ich auch wieder ein bisschen in Bewegung gekommen und nicht mehr 90 sondern eher 70 Jahre alt 😉 Das bleibt nicht immer so, aber jetzt ist das so! Hurra

Ich habe im Sommer den Blog des leider bereits verstorbenen Dmitrij Panov „Sterben mit Swag“ gelesen.  Ich bin absolut vollkommen beeindruckt wie ein Mensch, und ein junger dazu, überhaupt mit so viel Würde und Mut sterben kann. Punkt.

Immer muss erst jemand meckern, bevor ich mich mal wieder dran setzte und einen Beitrag formuliere, den ich aber die ganze Zeit schon in meinem Kopf trage. Oder besser gesagt, eigentlich immer mehrere Beiträge, weil ich sie ja nicht einen nach dem anderen rechtzeitig zu Papier (oder zu Bildschirm) bringe. Danke dafür.

 

 

6 Gedanken zu “Kaffeeklatsch mit Sterbenden

  1. Judith

    Es freut mich wieder von Dir zu lesen und dass es Dir so gut geht. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht.
    Ich hatte auch nie den Wunsch auf psychologische Begleitung und auch nicht auf Selbsthilfegruppen, wohl auch deswegen weil ich da zu viel Selbstmitleid und Pathetik befürchte, was ich beides nicht gerade gut finde. Zumindest ist es der Lebensqualität nicht gerade zuträglich.
    Ich hatte aber immer das Bedürfnis mich auszutauschen und mache das auf Facebook.
    Da gibt es einige die einen Blog über ihre palliative Erkrankung schreiben. Das sind tolle Frauen, die (fast) ganz ohne jegliches Selbstmitleid das beste aus der Situation machen und denen das wirklich sehr gut gelingt. Das hat mir immer Kraft gegeben. Über das Thema „Jung sterben müssen“ habe ich mir aufgrund dessen das es mich leider selbst betrifft schon seit der Metastasendiagnose vor 3 Jahren viele Gedanken gemacht . Wenn Du möchtest können wir uns per E-Mail oder sogar telefonisch austauschen.Auch darüber wie es ist mit dem Partner in der palliativen Situation zu leben würde ich mich gerne austauschen. Ich bin in etwa so alt wie Du und würde mich freuen .

    LG

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  2. Judith

    Zu meinem Beitrag wollte ich noch schreiben, dass ich leider die Erfahrung gemacht habe auf Facebook, dass niemand von den palliativen Patienten über das Thema „jung Sterben“ oder Sterben generell sich austauschen wollte, obwohl sie, im Gegensatz zu mir, schon eine sehr fortgeschrittene Krebserkrankung haben und sie mit der Krankheit sehr zu kämpfen haben, während es mir immer noch genauso gut geht körperlich wie vor der Erkrankung und ich ganz normal leben kann. Das Thema Sterben ist wohl nicht nur bei Gesunden ein sehr unpopuläres Thema, sondern leider auch bei „Totkranken“. Deshalb glaube ich dass Du Dich sehr schwer tun wirst Betroffene zu finden die sich darüber austauschen möchten.
    Ich freue mich, dass endlich mal jemand bereit ist sich über das Thema auszutauschen und würde mich freuen von Dir eine E-Mail zu bekommen.

    Vielleicht bis bald

    Judith

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  3. Ich bin zwar nicht so jung wie Du, aber immerhin schon acht Jahre in pallliativer Situation. Ausgegangen war man bei der Entdeckung der vielen Metastasen, von einer Lebenszeit bis max. 18 Monate. Daher habe ich mir sehr intensiv mit dem Thema Sterben befaßt. Ich war in einem Beerdigungsinstitut etc. glücklicherweise kann ich in meinem Freundeskreis auch über das Sterben, einschl. der vielen Aspekte zum Thema, ganz offen sprechen. Einige meiner Freunde (das sind auch u 30 dabei) haben sich sogar für diese Gespräche bei mir bedankt.
    Was ich damit sagen will ist: probiere es doch einfach mal aus. Mit ein wenig Gefühl für Situationen, findet man auch den richtigen Augenblick so ein Thema aufzuwerfen.

    Ich habe auch keine psychoonkoligische Begleitung und zu Selbsthilfegruppen die gleichen Vorurteile wie Du 😉

    Lieben Gruß
    Sue

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  4. Hört sich spannend an!! Und ich bin gespannt, was Du zu berichten hast!! Gespräche über Tod und Sterben, sie sind so nötig, aber es herrscht oft eisiges Schweigen. Als mein Mann starb, lud mich die Pastorin in eine Trauergruppe ein, Menschen, deren Partner verstorben waren, aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich kann nicht sagen, ob das nun eine Selbsthilfegruppe war, jedenfalls wurde da über Tod und Sterben gesprochen und das tat unglaublich gut. Kurz danach erkrankte ich ja an Krebs und ich sage, anders als Du und Sue, dass es eine der besten Entscheidungen meines Lebens war, mir eine Psychoonkologin gesucht zu haben. Das sehe ich heute noch so, wobei der Krebs kaum noch Thema ist. Mehr so nebenbei. Immer mal wieder.

    Aber wie alles im Leben gibt es da nichts „richtiges“, für den einen ist es so, für die andere so, der eine hat was davon, die andere nicht. Was mache ich in der Therapie? Ich reflektiere. Über mich. Über mein Leben. Über meine Vergangenheit. Andere machen das anders. Ich mache es so. Du machst es wie Du es machst und Sue schläft noch (wir sind grad in Holland und haben wunderwunderbare Tage am Strand verbracht) 😉

    Vor zwei Tagen noch habe ich zu ihr gesagt, wie schön das ist, wie erleichternd, mit einem Menschen ein paar Urlaubstage zu verbringen, dem man nicht erklären muss, warum es einem wie geht. Warum man die Treppe nur noch gebeugt runter gehen kann oder rauf oder warum man sich jetzt SOFORT hinlegen muss und überhaupt alles vergisst und schon lange nicht mehr ode rnicht mehr voll arbeitsfähig ist und das Leben plötzlich anders denkt. Anders empfindet.

    Ich bin gespannt, ob Du Leute findest, ich hoffe es sehr! Und ich bin gespannt auf Deinen Bericht. Und dann bin ich gespannt auf Fotos von Welpi ❤️ wie heißt er? Wir sind auch mit Askan hier, das ist sooooooooo toll!! Er liebt das Meer, er liebt den Strand, er ist riesengroß und weiß nicht, dass er es ist, gestern quetschte er sich zu Sue auf ihre Strandmatte und wollte schmusen 😻 voll krass so ein Hund 🐾

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