5 Phasen

Fünf Phasen habe ich damals diesen Blog genannt, zwei Wochen nach meiner Diagnose, vor mittlerweile fast drei Jahren. Ich habe Krebs, ich werde sterben, flüsterte mir mein Hirn unablässig ins Ohr. Was soll ich tun? Wie soll ich damit umgehen? Wie kann ein Mensch so etwas aushalten?

Nach drei Jahren könnte ich doch mal einen kompetenten Rückblick auf Frau Kübler-Ross 5 Phasen-Modell werfen, die damit eine Antwort auf die Fragen geben wollte.

Leugnen – Zorn – Verhandlung – Depression- Akzeptanz oder auch:

Phase 1: Hoffnung auf Irrtum – der Betroffene will die Diagnose nicht wahrhaben

Phase 2: Frage nach dem Warum – Der Sterbende hat seine Diagnose angenommen, reagiert aber negativ auf seine Umwelt, reagiert zornig, weil er von der Frage getrieben ist : Warum ausgerechnet ich?

Phase 3: Wunsch nach Aufschub – Er verhandelt mit Ärzten, Vertrauten und Gott darüber, was er tun würde, wenn ihm mehr Zeit gewährt würde

Phase 4: Trauer um vergebene Chancen –  Der Todkranke verfällt in eine depressive Stimmung, trauert möglicherweise vergebenen Chancen im Leben nach, aber auch  um sein Leben, das er verlieren wird.

Phase 5: Abkopplung von der Umwelt – Viele Sterbende haben nun ihr Schicksal voll und ganz akzeptiert. Sie koppeln sich langsam von ihrer Umwelt ab und wollen sterben.

So, das war´s, ihr wisst jetzt was euch bevorsteht, ich kann den Beitrag speichern und mich  amüsanteren Dingen widmen 😉

Meine 5 Phasen gehen so: Akzeptanz – Schock – Akzeptanz- Schuldgefühle – Depression – Gleichgültigkeit – Depression – Verhandlung – Akzeptanz – Depression……

5 Phasen sind, finde ich, auch eine unnötige Begrenzung. Vielleicht kommt es aber auch darauf an, wie viel Zeit man zur Verfügung hat. Wäre es bei mir bei den zunächst angekündigten wenigen Wochen nach meiner Diagnose geblieben, hätte ich die 5 Phasen vielleicht zügig durchlaufen und schon vor 3 Jahren mit seligem Lächeln ermattet und natürlich friedlich eingeschlafen. Stattdessen werde ich von einer Phase in die nächste vor- und zurück geworfen.

Die Phase des Schocks dauerte ein paar Wochen und war gnädig. Wie in einen Wattebausch gehüllt, nimmt man wenig wahr und ist unfähig sich allzu viele Gedanken zu machen.

 Es gab nie ein Phase des Leugnens bei mir, ich wusste in dem Augenblick, in dem mir meine Ärztin eröffnete, dass da ein Schatten auf meiner Lunge sei, dass ich Krebs habe und wahrscheinlich sterben werde. Oder kennt ihr jemanden, der Lungenkrebs überlebt hat? Nein? Das liegt daran, dass man Lungenkrebs überhaupt nicht spürt, bis es in den meisten der Fälle echt zu spät ist.

Es gab auch nie eine Phase des Zorns, ich habe mich nie gefragt, warum ausgerechnet ich. Warum nicht ich? 2016 war gerade die Zeit als sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen und mir war sehr bewusst, dass ich bis dahin, verglichen mit den meisten Menschen auf der Welt, ein sehr gutes Leben voller Chancen und Freiheiten genießen durfte.

Ich war in den letzten drei Jahren häufig traurig, ich habe um mich selbst getrauert, dass mein Leben zu Ende ist, dass ich mit meinem Mann nicht gemeinsam alt werden kann. Das erste Jahr habe ich jeden Tag mindestens einmal sehr heftig geweint. Davor hatte ich, glaube ich, Jahre nicht mehr geweint. Einmal am Tag musste ich den Druck ablassen und die Schleusen öffnen, das habe ich mir erlaubt. Inzwischen bin ich der beiläufige Weiner geworden, ich weine nicht mehr jeden Tag aber schon sehr häufig, wann immer ich etwas Trauriges höre oder sehe oder denke. Mir schießen dann drei Tränen in die Augen, ziemlich oft in der U-Bahn übrigens, und ich lass sie dann auch gleichgültig laufen. Was raus muss muss raus.  Was andere Passanten denken, darüber mache ich mir schon lange keine Gedanken mehr. Ich weine nicht mehr jeden Tag, aber ich habe jeden Tag sehr traurige Momente.

Ich hatte im ersten Jahr auch unbestimmte Schuldgefühle. Es tat mir für meinen Mann, für meine Familie und für meine Freunde so leid, dass ich sterben werde. Natürlich habe auch ich gedacht, hättest du nicht früher zum Arzt gehen können? Gab es nicht doch Hinweise darauf, was in deinem Körper heranwächst?

Es ist wie es ist, ich kann nichts ändern.

Und ich hatte kleine Anflüge von Verhandlung. Hätte ich mein Leben mehr schätzen müssen, sollen, können? War ich ein guter Mensch oder nicht? Gibt es einen Gott, der darüber entscheidet?

Bis zu meinem Tod wird es jeden Tag Arbeit bleiben, damit umzugehen. Es ist ein Drahtseilakt, jeden Tag muss ich mich bemühen, eine innere Balance herzustellen. Es ist ein willentlicher Vorsatz für jeden Tag, einen guten Tag zu haben, ihn so gut und positiv und ausgeglichen zu machen, wie es eben nur geht. Mich nur auf heute zu konzentrieren und einfach auszublenden was in der Zukunft liegt.

In den letzten drei Jahren gab es nie mehr das Gefühl, das gerade jetzt alles gut ist. Diese Momente, in denen man sich zurücklehnt und das Leben ist schön. Weil nicht alles schön ist, da ist jetzt etwas sehr bedrohliches, das immer da ist. Die Unbeschwertheit ist weg. Manchmal kann ich an das ganz entspannte Gefühl nah dran kommen, meistens, wenn sehr viel Alkohol, am liebsten Cocktails im Spiel sind 🙂 Ich trinke jetzt viel lieber Alkohol als früher, wenn auch nicht unbedingt öfter, was daran liegt dass ich keinen guten Mojito mixen kann. Es dürfte ja wohl eigentlich nicht so schwer sein, aber ich krieg´s nicht hin.

Ich bin dünnhäutig geworden. Meine Stressresistenz ist mit der Balance meiner inneren Grundstimmung vollkommen ausgelastet. Jeder außergewöhnliche Termin, jeder Konflikt ist zu viel. Habe ich zwei Verpflichtungen an einem Tag, z.B morgens einen Arzttermin und nachmittags einen Gitarrenkurs, dann steh ich den Tag einfach nur irgendwie durch. Ich habe oft Momente, in denen ich vollkommen überfordert und überlastet bin. Dann setz ich mich hin und trinke Kaffee.

Man muss einfach nur für alles die richtige Strategie haben.

Ich glaube, ganz ehrlich, das soll alles nicht so. Dafür sind Menschen nicht gemacht, jahrelang mit der Klinge an der Kehle rumzulaufen. Oh Wunder der modernen Medizin. Ich habe schon oft gedacht, wäre es bei der ursprünglichen Diagnose geblieben, dann hättest du das alles hinter dir. Möchte ich jetzt mal ganz sachlich feststellen. Dieses Leben ist nämlich sehr anstrengend und irgendwie sinnlos.

Ich möchte jetzt hier so gerne etwas Positives hinschreiben z.B dass ich ganz weise geworden bin und mit ganz viel Gelassenheit auf mein Leben zurückblicke. Das ich Kleinigkeiten nicht mehr so schwer nehme und jetzt endlich weiß, was wichtig ist in meinem Leben. Oder, wartet, der Klassiker, ich bin so froh, dass ich das Leben jetzt ganz intensiv spüre. Ich bin glücklich um jeden Tag, den ich mit meinen Lieben erleben darf.

Ja, doch, das vielleicht schon eher. Ich bin glücklich um jeden Tag, den ich mit dem besten Ehemann von allen erleben darf. Oder sagen wir meistens 😉 Und Elvis der Pudel, natürlich. Auch meistens.

Ein Fazit:

Man braucht wirklich viel Humor, vorzugsweise Galgenhumor. Und es hilft auch etwas sarkastisch zu sein.

Man sollte auf jeden Fall ohne schlechtes Gewissen seinen Alkoholkonsum erhöhen und sich die Welt ein bisschen schöner saufen.

Pass auf dich auf. Und geh nicht in das Licht.

Und zur Erbauung halte dich an Churchill:                                                                           Das ist die Art von verdammten Blödsinn, den ich mir nicht gefallen lassen werde!

lichttunnel2

2 Gedanken zu “5 Phasen

  1. Ich habe das Messer jetzt seit etwa neun Jahren am Hals. Ich bin sehr froh, diese Tatsache nicht ständig vor Augen zu haben. Ich denke an diese Tatsache nicht mehr so oft und darüber nach erst recht nicht. Man kann sich wohl über so einen langen Zeitraum nicht täglich mit seinem Sterben intensiv befassen. Ich glaube, da würde man durchdrehen, gaga werden, was auch immer.
    Diese fünf Phasen treffen auf mich auch nicht zu. Ich habe meine tödliche Erkrankun nie hinterfragt, nie daran gezweifelt oder gar versucht mit irgendwem draüber zu verhandeln. Was Fr. Kübler Ross da „aufgestellt“ hat, trifft wohl bei manchen Menschen in manchen Situationen zu, aber wie vieles, eben nicht bei Allen und Immer. Bei mir war mit den vielen Metastsasen auch sofort klar, was Sache ist. Da gab es nichts zu zweifel oder zu verhandeln. Warum ich damit nun doch noch derart lange lebe, kann niemand erklären oder verstehen. Ich schon gar nicht. Aber es ist wie es ist und ich komme damit eigentlich ganz gut klar. Ich war noch nie ein Lebens-Planer, was mir diese eigenartige Sittuation vermutlich etwas leichter macht.
    Es gibt heute deutlich öfter die Situation, dass eine „eigentlich““ (schnell) tödliche Krankheit, zu einer chronischern Erkankung wird und man eben länger als erwartet lebt. Da muss man, je nach Lebenssituation, Typ und Umständen, seinen eigenen Weg finden. Das kann man nicht platt in irgendwelche Statuten packen und einen Stufenplan daraus machen. Dafür sind die Menschen und Situationen viel zu unterschiedlich.

    Lieben Gruß
    Sue

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