Pessimist, Optimist oder Realist?

Zwei Wochen vom Schatten auf der Lunge bis zur endgültigen Diagnose: „Bitte stellen Sie sich darauf ein, dass Sie diesen Kampf nicht gewinnen werden“

Hatte ich tatsächlich bereits getan.

Kannte schon das Palliativnetzwerk und die Hospize in meiner Stadt, habe überlegt wie und wo ich gepflegt werden kann, wie das Ganze finanziert wird. Habe mich in der Woche vormittags mit einem Kaffee auf einer Bank an der Einkaufsstraße nieder gelassen und überlegt, dass ich eigentlich kein so großes Problem damit hätte, direkt ins Rentnerdasein einzusteigen, nur dass es natürlich in meinem Fall erbärmlich kurz ausfällt.

Und geweint habe ich. Ein bis zweimal am Tag kurz und bitterlich und ständig Tränen in den Augen.

Und ruhig war ich auch. Ok, dachte ich, das ist in Ordnung. Dann ist das jetzt so. Ich habe beschlossen: ich lass die ersten 4 Phasen aus! Ich mache das nicht! Keine Angst, Wut, Verzweiflung, Panik für mich. Ich will diese Gefühle nicht haben. Sie sind sinnlos, sie sind erst der Kern des Übels, nicht das Sterben an sich, sondern der Prozess und die Gefühle, die damit verbunden sind. ich mach das nicht. Ob ich das schaffe?

„Sie müssen positiv bleiben und dürfen die Lebensfreude nicht verlieren, dann.., diese Menschen halten…“

Aber wozu denn durchhalten? Krank und elend fühlend für ein paar Tage? Warum denn nicht erlösend loslassen?

Bin ich ein Pessimist, weil ich schon vorher von meiner tödlichen Krankheit mit Gewissheit ausgegangen bin? Bringe ich deswegen von meiner Persönlichkeit her schon die falsche Grundeinstellung mit, um mein Leben noch ein bisschen zu erhalten? Muss ich bald sterben, weil ich Pessimist bin?

Oder bin ich Realist? Meine Vorahnung, meine Gewissheit fühlte sich nicht wie Schwarzmalerei an, ich wusste es einfach. Hält es mich am Leben, mich den Dingen zu stellen? Hilft mir meine Hartnäckigkeit, meine Sturheit, die ich manchmal habe, meine Beharrlichkeit?

Kann ich Optimist werden? Helfen zukunftsimaginierende Tagträume weiter?  Dann habe ich Angst, die Enttäuschung mit all der Bodenlosigkeit überfällt mich von hinten…

Welche meiner persönlichen Eigenschaften hält mich am Leben, welche wird mich umbringen, welche Haltung soll ich einnehmen, ist mir das möglich und bin ich dann selbst schuld, wenn ich doch früher sterbe?

Wenn jeder deinen Namen kennt…

meine Bronchien waren zu, wie bei einer kommenden Erkältung. Die Erkältung kam bloß nicht. Montag nachmittags hatte ich mal Zeit und dachte, schau beim Arzt vorbei, ist irgendwie seltsam. Dachte meine Ärztin auch und legte direkt los: Blut, Urin, EKG, Röntgen.. Donnerstags sollte ich wiederkommen, mittwochmorgens rief sie mich an, wann ich kommen könnte…

Das war der Augenblick, in dem meine Welt gekippt ist. Das Klingeln so früh am Morgen, die Stimme: „Hier ist die Praxis“. Das war der Moment, indem ich nur noch Herzschlag war und Grauen und Verwirrtheit und Angst. Jetzt ist es schlimm, dachte ich.

„Guten Morgen Frau 5Phasen, gehen Sie ruhig direkt durch“ Montag wusste die Sprechstundenhilfe meinen Namen noch nicht, Montag musste ich noch warten. Ab jetzt muss ich nie wieder bei meiner Hausärztin warten und alle dort kennen meinen Namen.

Die Ambulanz im Krankenhaus begrüßt mich mit Namen, die Schwester auf Station, die Ärzte und die Apothekerin. Woher wissen die wer ich bin? Wahrscheinlich weil mein Altersunterschied zu den anderen Patienten rund 30 Jahre beträgt. Vielleicht weil ich schon mit den Zehenspitzen über dem Abgrund hänge. Vielleicht weil ich gerade erst geheiratet habe und die Story dadurch ein bisschen Soap-Opera-Glammer bekommt.

Es ist sehr gruselig, wenn man irgendwo hinkommt, erwartet anonym empfangen zu werden und man wird namentlich begrüßt. Es ist beängstigend, Gänsehauterzeugend, tränenbringend und fürchterlich. Ich bin etwas ganz Besonderes, mich muss man kennen! Ich bin die, um die es schlimm steht.